Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1883)
- Date
- 1883-06-05
- Page
- Seite 369 (sequence 3)
- Language
- German
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369 ganz wegleugnen, aus den historischen Verhältnissen, aus den 1 maßlosen Beschränkungen und Bedrückungen hervorgegangen, denen man die Juden während eines Jahrtausends untermorsen hatte. Der Verfasser schildert nach Quellen den Kampf, den die Emancipation der Juden in Frankreich von 1789—1792 zu bestehen hatte. Dieser hatte doch nur in dem Widerstande der deutschen Elsässer seine Ursache, die über den von den Juden geübten Wucher klagten, und in dem ihnen anerzogenen religiösen Fanatismus nicht begriffen, daß dieses mißliche Verhältniß nur beseitigt werden könne, indem man dessen Ursache, den Zwang zu Trödel und Wucher, welchen man gegen die Juden verübt, beseitige. Hebt doch der Verfasser wohlweislich diese Ausschließung von allen anderen Erwerbszweigen gar nicht hervor, sondern nur, daß die Juden „vom Adel hart mit Steuern gedrückt wurden." Es versteht sich, daß die Männer, welche für die Juden eingetreten, durchaus nicht belobt werden, daß sogar Andeutungen von Bestechung u. dergl. gegeben werden, für welche jedoch Beweise nicht angeführt werden. Ebenso kann man bei der Richtung des Verfassers schon voraussetzen, daß er die Notablenversammlung und das Pariser Sanhedrin, welche Napoleon berief, mit sehr ungünstigen Augen ansieht, und sowohl auf Seiten Napoleons nur eigennützige Motive, aus Seiten jener Versammlungen nur Furcht und Nachgiebigkeit erblickt. Daß die beiden Körperschaften doch nur im Geiste des Judenthums ihre Beschlüsse faßten, hat sich seitdem in ausgiebigster Weise erwiesen, da die ganze Richtung, welche das moderne Judcnthum genommen, den damals ertheilten Antworten entspricht und von freien und unabhängigen Versammlungen, wie der Braunschweiger Rabbinerversammlung und der Leipziger Synode nachdrücklich acceptirt worden ist. Wenn er das die Handelsfreiheit der Juden beschränkende Dekret Napoleons von 1808 bespricht, ermähnt er nicht, daß selbst die Restauration dasselbe nach dem Ablauf der in ihm bestimmten zehn Jahre fallen ließ und nicht wieder erneuerte — während es freilich in den preußischen Provinzen, die dem französischen Kaiserreiche angehört hatten, erst 1838 außer Kraft gesetzt wurde. Blickt der Verfasser auch scheel auf die jüdischen Finanziers in Paris, so giebt er doch zu, daß „es noch genug große und mächtige Bankinstitute giebt, die in nicht jüdischen Händen sind," und daß 1830 Rothschild den Staat vom Bankerotte rettete, so wie 1840 die drohende Kriegsgefahr beseitigte. Die Alliance isr. univ. weiß er in ihren humanen Tendenzen und Werken durchaus nicht zu würdigen und stellt sie „wie eine politische Macht" dar, die unter Cremieux „allmächtig gewesen." Wir brauchen nur auf Rumänien und Rußland hinzuweisen, auf Marokko und Persien, um eine solche Behauptung geradezu lächerlich zu finden. Und in demselben Augenblicke, wo er dieses behauptet, fügt er als seinen Schlußsatz hinzu: „Das Berhältniß zwischen Christen und Juden ist in Frankreich bisher dauernd ein friedliches gewesen. Weil die Juden sich im socialen Leben Frankreichs nicht bemerklich machen, besteht keine Rivalität. Wohl giebt es jüdische Präfekten, Generäle, Obersten und Abgeordnete, aber der französische Nationalgeist ist so stark, daß er diese wenigen fremden Elemente wohl ertragen kann. Andererseits haben auch die französischen Juden viel weniger Zusammenhalt und Gefühl der Zusammengehörigkeit und gemeinsamer Interessen als die Juden Deutschlands; zwischen den französischen Juden spanischer Herkunft und denen deutscher Herkunft besteht immer noch eine Kluft, so daß jede dieser Parteien ihre eigenen Synagogen und eigenthümlichen Cultus hat. Frankreich hat daher in keiner Weise weder eine gemeinsame Action der Juden noch eine Judenfrage zu befürchten." Daß die Antisemiten in Frankreich keine Aussichten haben, ist richtig, und der Verfasser konnte Italien, Schweiz. Belgien, Holland, England, Nordamerika hinzufügen. Dann hätte er aber Deutschland weglassen müssen, und aus diesem wünschen jene Herren weder „die Judenfrage" noch den Antisemitismus verschwunden. Daß der Ritus der spanischen und deutschen Juden längst keine „Kluft" mehr bildet, brauchen wir nur anzudeuten. Merkte aber der Verfasser nicht, welchen logischen Fehlsprung er macht, wenn er in einem Athem derAlliance eine politische Macht zuschreibt, die dock», in Paris erstanden, vorzugsweise von Parisern geleitet, ihren eigentlichen Boden in Frankreich hat, dennoch aber bei den französischen Juden das „Gefühl der Zusammengehörigkeit und gemeinsamer Interessen" in geringerem Maße findet als bei den Juden Deutschlands? Aus den Thatsachen scheint doch das Gegen theil hervorzugehen. — So einseitig dies auch ist, so weht uns doch erst der Geist des gehässigsten Fanatismus an, wenn wir das Heft V der „Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft und kirchliches Leben", herausgegeben von Dr. C. E. Luthardt (Leipzig, Dörffling, 1883) öffnen. In der That, wenn das, was hier über und gegen die Juden gesagt wird, „kirchliche Wissenschaft und kirchliches Leben" ist, so mögen wir in diese, an sich so bedeutungsvollen Worte auch den Albigenserkampf, die Bartholomäusnacht, den Hussiten- und dreißigjährigen Krieg ff. hineinbringen, und wir werden an das neutestamentliche Wort erinnert (Matth. 10, 34): „Wähnet nicht, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert u. s. w." :Uitb was ist denn dieser Fanatismus, und wer hegt und trägt ihn in seiner innersten Seele? Wer da glaubt, die ganze und unbedingte Wahrheit allein zu besitzen, daß Alles, was außerhalb dessen gedacht und gefühlt, erkannt und geglaubt, gesprochen und gelehrt wird, schmählicher Jrrthum, Verstocktheit, verderbenbringend sei, wer deshalb jeden An- 22*