Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1883)
- Date
- 1883-06-05
- Page
- Seite 368 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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368 schalten nach deinem Belieben. Aber gerade weil sie so verschieden und doch unabänderlich geltend sind, vereinigt sie das Fest, indem es auf die Einheit ihres Ursprungs hinzeigt, auf Gott und auf die Bethätigung Gottes für beide in der Natur und in dem geoffenbarten Gesetze. Es ist überhaupt ersichtlich und zugleich erklärlich, daß die drei, von der Thorah eingesetzten Nationalfeste, in ihrer Bedeutung und in ihrem Zwecke ein natürliches und ein historisches Moment vereinigen: so das Peßach, das die Befreiung aus der Knechtschaft und zugleich den Beginn der Ernte feiert, das Sukkoth, das Erntedankfest ist und zugleich jenen Zug durch die Wüste begeht, durch welches Israel zum Volke der Religion und des Gesetzes erzogen worden, wie denn jedes bedeutende Volk und jeder bedeutende Mensch durch eine solche Wüste ziehen muß, um für seinen Beruf zu erstarken und groß zu werden. So auch das Schabuoth. Tie Einheit Gottes, der in der Natur und der in der Geschichte, also im Leben der Menschen waltet, sollte immerfort zum Bewußtsein und zum innersten Seelengefühl der Menschen erhoben werden. Wir brauchen unsre Leser auf die Großattigkeit dieses Gedankens nicht weiter aufmerksam zu machen, und doch ist er nicht etwa erklärungsweise hineingettagen, sondern offenbar gewesen vom Ursprünge an, und hat so gewirkt in allen Geschlechtern, welche innerhalb der Jahrtausende kamen und gingen. mit seinem ganzen Haffe nicht zurück. Der ersteren Richtung gehören die „Jahrbücher für protestantische Theologie", herausgegeben von Hase, Lipsius, Pfleiderer und Schräder (Leipzig, Barth) an. Im 3. Heft des lausenden Jahrgangs giebt der durch seine midraschischen und talmudischen Arbeiten rühmlichst bekannte Lic. Dr. A. Wünsche eine interessante Abhandlung über „die Räthselweisheit bei den Hebräern". Nach einer Definition des Räthsels als Kunstform und einem Blick auf die dem Räthselspiel zugeneigten Araber kommt er zu den Räthseln bei den Hebräern, behandelt das bekannte Räthsel Simons und verweilt bei Salomo, dem die Kunst, schwierige Räthsel zu lösen, nachgelobt wird. Da der biblische Bericht mit keinem Wotte des zwischen Salomo und der Königin von Saba stattgefundenen Räthselspiels selbst gedenkt, so war die Sage geschäftig, das Verschwiegene zu ergänzen. Der Berfaffer führt daher die betreffenden Räthsel aus dem Midrasch Mischle und dem Targum Scheni ausführlich an. Hierauf kommt er zu den Räthseln in den Sprüchen Salomos, die er erläutert, und auf die bekannte Stelle Ezechiel 17, 2—10. Uns bedünkt, daß wenn der Verfasser diese Stelle als Räthsel und Lösung betrachtet, die berühmte Parabel Richter 9, 7 ff. und das Gleichniß Jesajas 5, 1 ff. ebenfalls hierher gehörten. Der Verfasser zieht alsdann aus den Talmudim und Midraschim eine Anzahl Räthsel und Räthselsprüche heran, wobei er eine kurze aber treffende Charakteristik des Talmuds giebt, und verweilt zuletzt bei den Räthseln der beiden Jbn Esra und anderer mittelalterlichen Schriftsteller. Herr Wünsche sieht in dem jüdischen Schriftthum einen großen historischen Zweig der Literatur und besitzt Unabhängigkeit des Geistes genug, es, von allen Nebenrücksichten frei, literarisch zu erforschen und zu > behandeln. — Auf einem ganz anderen Standpuntte steht | die „Allgemeine Conservative Monatsschrift für das christliche Deutschland", herausgegeben von Pastor Marlin von Nathusius und Diettich von Oertzen (Selbstverlag). Die conservative Pattei in Preußen hat seit 1850 ihre Abneigung gegen ihre jüdischen Mitbürger niemals verhehlt, derselben oft in gehässiger Weise Ausdruck gegeben, der gleichstellenden Gesetzgebung Widerstand geleistet, so weit es in ihrer Macht stand, selbstverständlich auch Sympathien für den Antisemitismus gehegt, sich aber dennoch nicht offen für denselben erklärt, als er seit 1879 als eine besondere extreme Pattei aufgetreten. Bon diesem Geiste ist auch im Maiheft eine Abhandlung von F. H.: „Die Emancipatton der Juden in Frankreich" beseelt. Nirgends Anerkennung des staatsbürgerlichen Rechtes, das im modernen Staate und nach den zum Einige Guerzüge. I. Es nützt zu nichts, sich allzusehr in die Grenzen des eigenen Kreises zurückzuziehen. Unsere Zeit verlangt, daß man die Augen offen habe nach allen Seiten hin, um die Bewegung der Geister zu beobachten, um die Ziele zu erkennen, welchen die Zeit zusteuett, und zwar wie Schiffe zu thun pflegen, wenn der Wind dem Cours nicht günstig ist, durch Laviren, durch Borwättskommen auf dem Zickzackwege. So haben wir uns denn auch in der periodischen Presse, welche der christlichen Theologie dient, umzusehen, und liegen uns heute die jüngsten Hefte mehrerer dieser theologischen Zeitschriften vor. Wir brauchen kaum zu bemetten, daß, da dieselben protestantisch sind, sich die verschiedensten Richtungen dann bekunden; und so auch in dem Maße des Antisemitismus, das sie zum Ausdruck bringen. Der eine Theil, mag! er nun sonst das Berhältniß des Judenthums zum Christen-! thum nach seinem Standpunkte auffaffen, geht doch von wissenschaftlichen Motiven und nach wissenschaftlichen Methoden! vor. Der andere Theil kann seine Voreingenommenheit und! Einseitigkeit den Juden gegenüber nicht verleugnen, aber er bewahrt doch noch Schicklichkeit und Mäßigung, und sucht! allgemeinen Bewußtsein gelangten Forderungen der natürnur nach Resultaten, die seine Abneigung verdecken sollen, glichen und humanen Rechte zur Geltung gekommen, nirgends ein Suchen, das selbstverständlich nicht ohne Finden bleibt.! eine wohlwollende Berücksichtigung, daß die Uebelstände, zu Der dtttte endlich, von schmählichem Fanatismus beseelt, hält; welchen die Juden Veranlassung gaben, und die wir ja nicht