Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1883)
- Date
- 1883-05-29
- Page
- Seite 361 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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361 den Ruthenen und Bauern wollen die „Blaublütigen" auch die Juden nach Möglichkeit ausmerzen; jedenfalls soll der eine israelitische Abgeordnete Lembergs sein Mandat an einen gräflichen Bezirkshauptmann polnischer Abkunft abgeben." Schweden. Stockholm, im Mai. (Privatmitth.) Am II. April traf unser neuer Rabbiner, Herr Dr. Klein mit seiner Familie hier ein, von den Mitgliedern des Vorstandes, Herrn Generalconsul Davidson an der Spitze, sowie von den Beamten der Gemeinde am Bahnhofe erwartet und begrüßt! und nach der für die Rabbinersamilie bestimmten Wohnung begleitet. In feierlicher Sitzung wurde Herr Dr. K. einige Tage nachher installirt und am ersten Tage Pessach hielt derselbe seine Antrittspredigt, die auf die Zuhörerschaft der j bis auf den letzten Platz gefüllten Synagoge einen überaus günstigen Eindruck machte. Ein christlicher Referent eines angesehenen Wochenblattes berichtet über die ersten Predigten folgendermaßen: „In der hiesigen Synagoge find während des jüdischen Paffafestes einige Predigten von großem Interesse gehalten worden. Der neue Rabbiner der isr. Gemeinde, Herr Dr. K. aus Elbing, hielt am ersten Tage des gen. Festes seine Antrittsrede, in welcher er die Aufgaben bezeichnete, die ein Lehrer in Israel zu erfüllen habe. In großen, erhabenen Zügen legte der Redner sein Programm vor, das von tiefer Religiosität, aber auch zugleich von wahrhaftem Freimuthe zeugte. Seine Auffasiung der Bedeutung der isr. Religion ist eine erhabene und beweist deutlich, daß den Redner ein Glaube beseelt, der sich nicht ängstlich an den todten Buchstaben klammert, sondern der vor Allem den Geist dieser Religion erfaßt. In innigem Zusammenhänge hiermit stand Dr. K.'s Predigt am letzten Tage des Paffafestes, in welcher derselbe von der Aufgabe Israels unter den Völkern fvrach. Der Redner ging von dem Grundsätze aus, daß ebenso wie die Erziehung des Individuums den vorhandenen Anlagen und Eigenthümlichkeiten gemäß sein müsse, ebenso habe jedes Volk dem Ideale nachzustreben, für das die Vorsehung selbst es prädestinirt hat. Tie Griechen ergründeten die Gesetze des Schönen, die Römer gaben der Welt die Lehre des Rechts und Israel der Menschheit die Religion. Diesem hohen Ideale habe Israel stets nachgestrebt und dieser Ausgabe müsie sich auch ferner die jüd. Gesammtheit widmen. Nur so begreifen wir die Innigkeit und Tiefe des Gemüthes, das die großen Gestalten in Israel auszeichnet und das sich in seinem Familienleben abspiegelt. Die Predigten des Herrn Dr. K. zeichnen sich durch eine klare Darstellung, durch tiefes Gefühl und eine hinreißende Beredsamkeit aus, sie enthielten einen eindringlichen Mahnruf an die Bekenner der isr. Lehre, der ihnen überkommenen heiligen Ausgabe gemäß zu leben und zu streben." — Indem wir uns dem unparteiischen Ur theile jenes christl. Referenten vollständig anschließen, wollen wir nur noch vom jüd. Standpunkte aus hinzufügen, daß Herr Dr. K.'s Predigten für unsere Gemeinde und deren specielle Berhältnisie eine Fülle beherzigenswerther Momente darboten. Die Antrittsrede über den Text Ezechiel 3, 16 behandelte in geistreicher Weise die 3 Punkte: Der Seelsorger als Mensch, als Hörer und als Lehrer des göttlichen Wortes. Besonders hervorzuheben ist, wie Herr Dr. K., frei von jeder Engherzigkeit, offen bekundete, daß der Schwerpunkt des Rabbiners nicht in der Würde, mit welcher er sich umgiebt, liegen könne, sondern gerade in den rein menschlichen Tugenden, mit denen er voranleuchten soll. Lehre und Leben, meinte der gesch. Redner, dürften in der Person des Predigers keine schroffen Gegensätze bilden. Sffcn und ehrlich betonte auch Herr Dr. K. seinen freisinnigen Standpunkt, und diese Offenheit wissen selbst die conservativen Mitglieder unsrer Gemeinde zu schätzen und zu ehren. Tabei predigt Dr. K. positives Judenthum, alle seine Predigten zeugen von glühender Begeisterung für die hohen Ziele, deren Israel sich zu widmen hat. — Unsere Gemeinde hat also nach dem Programm, das ihr neuer Rabbiner aufgestellt, eine überaus glückliche Acquisition gemacht; sie weiß es auch zu würdigen, mir Vertrauen und Liebe näher: sich ihm Jung und Alt, Reich und Arm, und zahlreiche Beweise inniger Theilnahme wurden bereits ihm und seiner Familie zu Theil. Eine lange Reihe von Festlichkeiten, die noch heute — nach vier Wochen — nicht beendet sind, wurde ihnen zu Ehren veranstaltet; man versteht es hier ganz besonders aufmerksam und zuvorkommend gegen den, den man liebgewonnen, zu sein. Am erfreulichsten aber ist es zu sehen, wie viel empfänglicher Sinn für jüdische Interessen in unserer Mitte noch vorhanden ist und wie es nur der rechten Anregung bedarf, um echt jüdisches Leben hier auf's Neue pulsiren zu lassen. Gebe Gott, daß es Herrn Dr. Klein gelinge, Cultus und Schule aus die Höhe zu bringen, welche er für sie erstrebt, dann muß unsere Gemeinde zu einer Mustergemeinde in Israel werden. — Frankreich. Paris, 1ö. Mai. ^Privatmitth.) Sie gestatten mir wohl, heute über eine Erscheinung zu sprechen, die allerdings mit den eigentlichen Ausgaben dieses Blattes keine Gemeinschaft hat, dennoch aber einen negativen Beweis für uns einschließt. Bor einiger Zeit erschien von dem bekannten Romanschriftsteller Zola eine Dichtung „Au Donheur des Dumes-, die sich insofern von den übrigen Schöpfungen dieses Autors unterscheidet, daß in ihr ein tugendhaftes weibliches Wesen geschildert wird und schließlich zum Siege kommt. Den eigentlichen Gegenstand des Werkes bildet jedoch die ausführliche Schilderung jener enormen Geschäfte, welche in fast