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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-29 · Heft 22 (29.5.1883) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 22 (29.5.1883)
Date
1883-05-29
Page
Seite 360 (sequence 10)
Language
German
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Unfall oder Selbstmord in jener liefen Schlucht seinen Abschluß gefunden hat, wo die Leiche gefunden worden ist; daß aber ganz gewiß gegen die Familie Ritter kein irgendwie? beachtenswerther Verdacht eines verübten Mordes vorliegt.? Und doch baben wir drei scheckliche Todesurtheile vor uns. j Wenn ich dies bedenke, hoher Cassationshof, dann befälltJ mich ein Grauen ob der Hinfälligkeit menschlicher Justiz,, und mit Schaudern nehme ich wahr, an welchen furchtbaren j Abgrund die blinde Themis von einem blindwüthenden; Gerüchte und blinden Gerichtsärzten geführt worden ist. Und mich dünkt, wie jener Perserkönig sich den Ruf bestellte:! „Herr, gedenke der Athener!" — so sollte künftighin ab und? zu der Ruf erschallen: Richter, Geschworene und insbesonj dere Staatsanwälte, hütet euch vor Vornrtheilen und Vorj eingenommenheit; Richter, Geschworene und insbesondere? Staatsanwälte, waltet eures Amtes mit jener Gerechtigkeit,! welche das Gesetz zur Pflicht macht, mit jener Nächstenliebe, j welche der geläuterte Glaube aller Confessionen gebietet; Richter, Geschworene und Staatsanwälte, denkt an die drei Todesurtheile, gefällt im Jahrhundert des Fortschritts und Aufschwungs der Naturwissenschaft, gegen Moses Ritter, Gitel Ritter und Marcell Stochlinski!" Wie«, 10. Mai. lieber die Bevölkerung Wiens bringt die „Schlef. Ztg." einige Daten. Hiernach zählte die innere Stadt 1869: 607,514 Einwohner, 1880: 726,105; die vier Vororte 321,711, also ganz Wien 1,047,816. Am bedeutendsten stieg die jüdische Bevölkerung Wiens, 1857 nur 6217 Juden, 1870: 40,230 und 1880: 73,222. Hier ist es nun, wo die „Schles. Ztg." sich eines Jrrthums schuldig macht; sie sagt: „Diese Steigerung ist in der That eine frappante. Denn während noch vor 25 Jahren in Wien unter 77 Einwohnern nur ein Jude sich befand, war im Jahre 1870 schon unter 15 Köpfen der Bevölkerung einer, und heute bilden die Juden bereits mehr als den zehnten Theil der Bevölkerung von Wien." Die „Schlef. Ztg." rechnet hierbei bloß die Bevölkerung der innern Stadt, während die Juden doch ebenso gut in den Vororten wie in der innern Stadt wohnen, ihre Bevölkerung also nicht bloß aus die der innern Stadt, sondern auf die Gesammtbevölkerung zu berechnen ist. Hiernach kommt erst auf 15 Seelen ein Jude, auch jetzt noch wie 1870. Dies ist in diesem Falle von entscheidender Bedeutung. — Am 14. d. fand in Linz die Hauptversammlung des deutschen Schulvereins unter Theilnahme vieler Abgeordneten statt. Man constatirte den großen Aufschwung des Vereins, welcher 6300 Mitglieder zählt. Ter Bericht erwähnt die Unterstützungen zahlreicher Judengcmeinden, deren Namen verschwiegen werden mästen wegen Slaventerrorisirung. (Aus Dank hierfür wurde der antisemitische Wühler v. S in den Ausschuß gewählt!!) Prag, 15. Mai. Vor einigen Jahren hat sich an der Prager Universität ein „Verein czechisch-jüdischer Akademiker" gebildet, der sich selbst unter den Slaven geringer Beachtung erfreut. Dieser Verein machte sich die Agitation in der jüdischen Landbevölkerung zur Aufgabe, und seine Mitglieder waren und sind die eifrigsten Apostel des Czechenthums. Vorerst überschwemmte der Verein das Land mit czechisch-jüdischen Kalendern und trat dann mit einer czechischen Uebersetzung des hebräischen Gebetbuches hervor. Nach dieser Einleitung gedenkt der Verein nun einen Schritt weiter zu gehen: er will demnächst in Prag ein czechisch-jüdisches Bethaus errichten und einen czechisch-jüdischen Schulverein ins Leben rufen. Prag, 16. Mai. Hier bildet sich ein Comits zur Gründung eines „Czechisch-jüdischen Landes-Centralvereins" zur Errichtung und Erhaltung jüdischer Schulen mit czechischer Unterrichtssprache, als Gegengewicht gegen die Schulen des Deutschen Schulvereins und zur Gründung einer czechischen Synagogen - Gemeinde mit czechischem neben dem hebräischen Gesang. Der czechische Verein der „akademischen Juden" forderte vom Vorstande der Prager Cultusgemeinde die Zutheilung der Rosenberg'schen Stipendien auch für die czechische Universität. Pest, 19. Mai. Die Schlußverhandlung in dem Tißa- Eßlarer Proceß ist abermals — verschoben worden, vom 4. auf den 19. Juni. — Aus Kaschau wird geschrieben: Am 12. d. M. um 3 Uhr Morgens ist die Synagoge der hiesigen orthodoxen israel. Gemeinde abgebrannt. Auf dem Boden der Synagoge befand sich das Magazin eines Porzellanhändlers, deffen ganzer Vorrath im beiläusigen Werthe von 8000 Gulden zu Grunde ging. Pest, 21. Mai. Das Abgeordnetenhaus hat die Aufhebung des dem Abg. Jstoczy zustehenden Jmmunitätsrechts bezüglich des von demselben in seinen antisemitischeu Flugschriften begangenen Preßvergehens ausgesprochen. Es ist damit j das Hinderniß hinweggeräumt, das der gerichtlichen Verfolgung? Jftoczys durch den Staatsanwalt bisher im Wege stand. Lemberg, 20. Mai. Auch in Galizien stehen Neuwahlen? bevor. Bekanntlich haben sich in den letzten Jahren die Israeliten Galiziens der herrschenden polnischen Partei zugewandt und die Polen machten ihnen die wärmsten Versprechungen. Wie sie diese zu halten entschlosten sind, lehrt wohl folgende Stelle aus einer Comespondenz der „Boss. Z." vom 18. Mai: „In Galizien soll auch rein äußerlich der Landtag durch einen polnischen Reichstag ersetzt werden; für alle 74 Landbezirke sind nur Cavaliere als Candidaten aufi gestellt worden, so daß mit den 44 Großgrundbesitzern schon j 118 von 141 Wahlmandaten Magnaten und der Slachta! zufallcn würden; die anderen 9 Mandate sind Virilstimmen der Universitäts - Rectoren und der Kirchenfürsten. Neben

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