Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1883)
- Date
- 1883-05-29
- Page
- Seite 357 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227470--40847-3309274- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
357 Berlin, 16. Mai. (Privatmitth.) Die hiesige jüdische Gemeinde besitzt mannichfaltige wohlthätige Anstalten, und sie alle geben ein anerkennenswerthes Zeugniß von dem wahrhaft menschenfreundlichen Geiste, der die Gemeinde zu vorzüglicher Organisirung und die Privaten zu immer erneuerten Spenden für diese Anstalten antreibt. Die Geschichte einer jeden der letzteren ist demnach fortlaufend der wohlthuendste Beweis für die humane Gesinnung und die Opferwilligkeit, welche das Judenthum seinen Bekennern einflößt. Es kommt hier nicht blos darauf an, solche Institute herzustellen, sondern sie auch in zweckmäßigster, den Erfahrungen und Erfindungen unsrer Zeit entsprechender Weise freigebig einzurichten. Wir brauchen hier nur an das jüdische Krankenhaus zu erinnern, das von bewährten Autoritäten für mustergültig erklärt worden. So besieht auch außer dem Auerbach'schen Waisenhause und dem Mendelssohn-Berein für Waisenmädchen seit zehn Jahren „dasReichenheim'sche Gemeinde-Waisenhaus" unter der Direction des rühmlich bekannten Dr. M. Jutrosinsky. Dasselbe wurde von Moritz und Sarah Reichenheim gegründet, so daß es aus seinen Fonds an Zinsen M. 25,700 jährlich zieht, wozu dann die Gemeinde etatsmäßig M. 20,000 zuschießt, und das „Große-Friedrich-Waisenhaus" M. 1678 „Waisenkostgeld" zahlt. So beliefen sich im Jahre 1882 die Einnahmen auf M. 47,386, von welchen bei der Ausgabe M 63 übrig blieben, die nach den gültigen Bestimmungen an die Gemeindekasse zurückfließen. Für diese Summe erhält das Waisenhaus gegenwärtig 75 Waisen (45 Knaben und 30 Mädchen). Die Gesammtausgaben für jedes Kind betrugen 1882: M. 630. Was dieses Waisenhaus besonders noch auszeichnet, ist die Fürsorge für die entlassenen Zöglinge auf ihrem weiteren Lebenswege. So besitzt es einen Sparkassenfond, dessen Erträge zu Sparkaffenbüchern für die Zöglinge verwendet werden, einen Fond für entlassene Zöglinge zu deren Unterstützung für ihre Fortbildung, eine Ferdinand- und Fanny-Reichenheim-Stiftung. die den ersten 80 Zöglingen von unbescholtenem Lebenswandel nach Vollendung ihres 20. Lebensjahres je 75 M. nebst 5% Zinsen vom Tage ihres Eintritts in das Institut gewährt, eine „Lessingprämie", die am Sterbetage Lessing's Lessing's sämmtliche Werke in fünf Bänden vertheilt. So erhielt auch ein Mädchen, das in diesem Waisenhause erzogen worden, zu ihrer Berheirathung 4000 M. Wir könnten die Veranstaltungen nach dreier Richtung hin noch mehrere aufführen', aber das Gesagte wird genügen, um den außergewöhnlichen humanen Charakter dieses Institutes zu bezeichnen. — Die „Franks. Ztg." berichtet: Der Abgeordnete Laster, dessen Gesundheit seit längerer Zeit wenig befriedigend ist, wird sich vom parlamentarischen Leben auf einige Zeit zurück ziehen. Laster begiebt sich binnen Kurzem zu seinem Bruder nach Nordamerika zu längerem Aufenthalt; er erfüllt damit einen alten Wunsch, die amerikanischen Verhältnisse kennen zu lernen und hofft auch in der neuen Umgebung Erholung zu finden. Berlin, 20. Mai. (Privatmitth.) Zu den vom deutschisraelitischen Gemeindebunde angestrebten Zielen gehört auch besonders die Verbesserung der Lage der jüdischen Lehrer und der Kultusbeamten überhaupt. Mit einer verbesserten Stellung geht naturgemäß auch eine größere Tüchtigkeit des Standes Hand in Hand, indem sich diesem Berufe die besseren Elemente nicht entziehen, wenn sie nicht vor die Aussichtslosigkeit gestellt sind, in ihrem Alter zu verkümmern und ihre Hinterlassenen der Dürftigkeit anheim fallen zu wissen. Wir haben es einige Jahrzehnte hindurch erlebt, wie zahlreiche tüchtige Lehrer, die für ihren Beruf sehr begeistert gewesen, in ihrer Manneskraft dem jüdischen Lehrfache entsagten und sich anderen Erwerbszweigen zuwandten, zu denen sich ihnen Gelegenheit bot, und zwar lediglich um der ihnen drohenden Armuth zu entgehen. In unserer Zeit aber, wo die häusliche Erziehung sich der religiösen Erziehung so vielfach abgewandt hat, ist ein tüchtiger Lehrstand, der fürfeinen Beruf ebenso befähigt wie begeistert ist, um so unentbehrlicher, und man kann sagen, daß der Bestand der Religion und noch mehr die Religiosität in den Individuen davon abhängt. Es ist deshalb jenes Bestreben des deutschisraelitischen Gemeindebundes um so anerkennenswerthcr und allseitiger Förderung zu empfehlen, als bedauerlicher Weise in vielen Gemeinden der Sinn hierfür noch gänzlich fehlt, in kleineren überdies es auch an den nöthigen Mitteln mangelt. Es versteht sich, daß in den meisten größeren Gemeinden dieses Bedürfniß sich weniger fühlbar macht. Die Anstellung der Beamten ist hier in der Regel definitiv und meist auch für Pension einigermaßen gesorgt. Wie schlimm aber steht es hiermit in den meisten mittleren und in allen kleineren Gemeinden, deren Zahl doch die allergrößte ist! — Einen Schritt zu dem ersehnten Ziele glaubte der Ausschuß des Gemeindebundes, Herr Geh. Sanitätsrath vr. Kristeller an der Spitze, durch eine Stiftung zu thun, welche eine „Central-Versicherung- und Pensions-Kasse für jüdische Gemcindebeamte" werden und dem deutschen Kronprinzenpaare, zu dessen silbernen Hochzeit gewidmet sein sollte. Der desfallsige Aufruf hat das Resultat einer Sammlung von etwas über 20,000 M. gehabt, und das Kronprinzliche Paar hat die Widmung huldreich angenommen, so daß diese Veranstaltung den Namen „Friedrich-Wilhelm-Victoria-Stiftung" erhalten hat. In diesen Tagen sind nun vom Ausschüsse Miltheilungen hierüber ausgegeben worden. Uebersehen wir zuerst die Spendenliste, so fällt es uns auf, daß, außer Berlin, welches M. 4054 lieferte, die sämmtlichen großen Städte ganz fehlen, oder doch nur durch geringe Spenden, meist