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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-29 · Heft 22 (29.5.1883) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 22 (29.5.1883)
Date
1883-05-29
Page
Seite 356 (sequence 6)
Language
German
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356 unter schweren Beschränkungen in Straßburg verweilen. So einige interessante Zwischenfälle statt, welche die gewandte steril daher diese ganze Geschichte sein mußte, so fanden doch Feder des Herrn Löb anziehend zu berichten verstand. Deutschland. Berlin, im Mai. (Berichtigung.) In Ihrer sehr lehrreichen Besprechung des Vortrags: „Ist das Judenthum eine Stammesreligion?" vom strebsamen jungen Montefiore 17 der Allg. Ztg. d. Judenth.) halten Sie beiläufig der Berliner Reform gemeinde vor, daß sie sogar so weit gegangen sei, aus ihrem Gebetbuche die Bezeichnung „heilige Schrift" entfernt zu haben. Ihre Wahrheitsliebe wird gern vernehmen mögen, daß dies irrig sei. In der letzten Auflage der Festgebete vom Jahre 1876 — nach der neuen Bearbeitung von Rabbiner vr. Chronik — schlage ich zufällig Seite 20, 51, 86, 203 auf, worin dieses Wort gebraucht wird und S. 184, wo ein neues Gebet mit: „Liebet den Fremdling, heißt es in der heiligen Schrift" anfängt. Das Wort ist übrigens in den alten hebräischen Gebeten selbst nicht gebräuchlich, „r.rcr, oder -pcsnp '-or>2, oder *jrrr»n, oder irmn" ist ja richtiger mit Schrift, Lehre oder heiligen Worten, als mit heiliger Schrift zu übersetzen. Außerdem ist zur Steuer der Wahrheit zu bemerken, daß in der neuen Auflage gerade das Moment des Universellen auf dem historischen Untergründe, welches auch Sie für so wesenllich in der Religiou hervorheben, nachdrucksvoll herangezogen wurde. Es geschieht dies insbesondere hervorstechend durch diejenigen in den früheren Ausgaben mangelnden Gebete,! welche je an den verschiedenen Festen die Bedeutung derselben! zum Gegenstände nehmen. Mit dem Supranaturalismus freilich steht das Gebetbuch auf gespanntem Fuße; hingegen ist der historische Standpunkt in der neuen Auflage dermaßen eingehalten, daß die Continuität des Reform-Judenthums als Entwickelung aus dem Ur-Judenthum nicht gebrochen erscheint. Die Absicht hierauf ist seinerzeit in den Erörterungen der Motive, welche bei der Revision des Gebetbuches leitend waren, von Dr. Chronik dargelegt worden. Es wurde davon ausgegangen, auch „das Ureigene des jüdischen Gebetscharakiers und die Anklänge an die Sprache der heiligen Schrift, an die Dichtungs- und Sangesweisen der Propheten und Psalmen treu zu bewahren." . . . Die Idee des Sabbaths, die in den alten Ausgaben nicht zum Ausdruck gelangte, hat ihn in der neuen wiedergefunden. So heißt es z. B. in einem Gebete zum Versöhnungsfeste (Seite 84): . . . „Darum feiern wir, als ein Erbgut unserer Väter, die Feste, den Sabbath und den Sabbath Sabbathon, den Versöhnungstag, auf daß sie uns seien Tage der Erhebung des Geistes, der Beschwingung der Seele." .. . Als auf eine besondere Eigenthümlichkeit der neuen Auflage darf wohl noch auf das Folgende hingewiesen werden, worin sich sicherlich ein geschichtlich jüdisches Charakteristikum abzeichnet. „Um dem, in jener Zeit gewohnten unberechtigten Vorwurf christlicherseits, als ob die Juden sich nur einen strengen, aber keinen liebenden Gott vorstellten, zu begegnen, hat man in den früheren Ausgaben den liebenden Gott hervorgekehrt und die Vorstellung von der Gottesgerechtigkeit zurückgedrängt. In der neuen Auflage tönt, dem Attribut der Liebe correlativ, das Attribut der Gerechtigkeit in dem Gottgedanken wieder stärker aus. Die rächende und belohnende Vergeltung des Guten und des Bösen in dem selbstvergeltenden Sinne von: r.i'ry ~cbt!, msc mso — worin die Vorsehung, das Gotteswalten in der Geschichte Israels, der Menschheit und der Einzelnen stetig offenbar wird, ist, nebst der Liebe Gottes, in den Vordergrund der gebetlichen Betrachtung gestellt." .... Richtig schrieben Sie, hochverehrter Herr Rabbiner, daß die Berliner Reformgemeinde isolirt geblieben. Außer wenigen Resormgemeinden in Amerika, im Osten zu Philadelphia, Baltimore, New Aork mit Einhorn, Hirsch, Adler, im Westen zu Chicago mit Chronik, ist eine, der Berliner ähnliche Resormgemeinschast nirgends entstanden. Auch darin haben Sie Recht, daß die Berliner Reformgemeinde „aus einen belebenden Einfluß im Judenthume verzichtet hat." Doch ist dies nicht prinzipiell zu nehmen. Mancherlei äußerliche Ursachen sind von Anfang an der Propaganda hinderlich gewesen. So schon der Umstand, daß der Gemeinde die corporativen Rechte verweigert wurden, und sie unter die politischen Vereinsgesetze gestellt ist. Ferner aber ist es dem; religiösen Jndifferentismus, wie er überall um sich gegriffen, > zuzuschreiben , daß die ursprünglich mit der ausgesprochenen > propagandistischen Tendenz aufgetretenen „Genoffenschaft für! die Reform des Judenthums" sich in die idyllische Stille | einer lokalen Bereinigung zurückgezogen hat, die sich, wie Sie 1 sagen, auf sich selbst beschränkt. Die Thatsache spricht gegen die, die es angeht, ohne ein ' Beweis gegen das Prinzip zu sein. (Wir kommen wohl auf diesen Gegenstand noch einmal j zurück. Redaction.)

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