Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1883)
- Date
- 1883-05-29
- Page
- Seite 355 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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355 die Beschlüsse der ersten Rabbiner-Versammlung (Braun-! schweig 1844) zu diesen Antworten, und die Resolution der ersten Synode zu Leipzig (1869) gar nicht erwähnt? Und doch war dies um so mehr angezeigt, als es dem Vers, bekannt sein muß, daß unsre Gegner hinsichtlich der Am-, Worten des Pariser Synedriums den Einwand erheben, daß diese Versammlung unter dem Drucke der Napoleonischen Despotie gestanden hätte, also nicht ganz frei und selbständig: in ihren Verhandlungen und Beschlüssen gewesen wäre. Ein solcher Einwand ist gegen die Braunschweiger Rabbiner-Versammlung und die Leipziger Synode gar nicht möglich, da beide aus spontan versammelten Männern bestanden und in der Wahl ihrer Themata und in ihren Beschlüssen völlig frei waren. Dies ist sicher ein wichtiges Moment, abgesehen davon, daß die Continuität und Wiederholung für die Unumstößlichkeit der ausgesprochenen Principien viel mehr zeugt, als ein Sprung von 1806 auf 1883. Hierzu kommt, daß der Vers, selbst ein sehr wirksames Mitglied der Leipziger Synode gewesen. Wir machen diese Bemerkung mit um so größerem Nachdruck, als es wirklich bei den neuesten jüdischen Autoren Mode geworden, die Geschichte des Judenthums während des letzten halben Jahrhunderts Zu ignoriren, der doch für die Entwickelung des Judenthums und der Juden eine entscheidende Wichtigkeit einwohnt. Unsere Väter bis Mendelssohn haben bekanntlich an dem Mangel jedes geschichtlichen Sinnes gelitten und die gegenwärtige Generation muß davor gewarnt werden, in denselben Fehler zu verfallen. Der Berf. bringt dann „Specialfragen" über die jüdische Lehre mit den desfallfigen Antworten, die überall an Klarheit und zutteffendem Ausdruck nichts zu wünschen lassen. Alsdann spricht er über die durch die Stattstik erwiesenen Facten, daß der Antheil der Juden an den Verbrechen einen nicht unbedeutend geringeren Procentsatz aufweist, als bei der Gesammtbevölkerung. Bei dieser Beweisführung beschränkt er sich auf Oesterreich; aber hier ist der Beweis um so wichtiger, als die österreichische Monarchie eine starke jüdische Bevölkerung enthält, z. B. fast dreimal größer als das deutsche Reich, und zum Theil eine in der Cultur noch stark Zurückgebliebene jüdische Bevölkerung. Wir hossen mit Bestimmtheit, daß diese Schrift in Oesterreich einen sehr günstigen Eindruck machen werde. — In diesen Tagen erschien der zweite Jahrgang des Annuaire de la Societe des Etudes juives. (Paris. Ourlacher 1883.) Das Jahrbuch enthält zunächst ausführliche Berichte über die Generalversammlungen des „Vereins für jüdische Studien" in den Jahren 1881 und 1882; alsdann von Theodore Reinach über „Ein vergessenes Memoire über die Juden". Dasselbe ist verfaßt von dem bekannten Prinzen von Ligne und erschien im II. Bande von dessen Memoiren (Paris, Dupont, 1827). Verfaßt ist es im Jahre 1797, also fünf Jahre nach der völligen Gleichstellung der Juden in Frankreich durch die Constituante, und in demselben Jahre, wo die vollständige Emancipation der Juden in Holland proclamirt wurde. Davon aber nimmt der Prinz gar keine Notiz, sondern lebt noch in den Zuständen von einem oder zwei Jahrzehnten früher. Er kennt auch weiter keine Juden als die schon damals feingebildeten Banquiers und ihre Frauen einerseits und anderseits die polnischen und böhmischen Juden damaliger Zeit. Die große Mittelklasse, namentlich in Deutschland, Frankreich und England kennt er gar nicht. Besitzt daher das Memoire fast nur den Werth einer Curiosität, so ist doch um so rührender der Geist der Aufklärung und der Humanität, der den Berf. beseelte. Selbstverständlich hat er von seinem Standpunkte aus noch keine Ahnung von einer Gleichstellunger will nur ihre Lage verbessern, und zwar durch Umbau und > Verschönerung der Ghetti und Synagogen, sowie der besonderen Tracht der Juden, die er sich als eine schöne, orientalische denkt, und die Eröffnung aller gewerblichen Thätigkeiten. Die Juden würden dadurch ein höchst nützlicher Theil der bürgerlichen Gesellschaft werden und die christlichen Kaufleute und Handwerker zwingen, den ausgetretenen Schlendrian zu verlassen. Fast humoristisch klingt es, wenn der Berf. zum Schluffe meint, wenn die europäischen Staaten die Lage der Juden nicht verbesserten, würden sie sich an die Türken wenden, und diese ihnen Palästina einräumen, wo sie ein sehr schönes Reich organisiren würden. Herr Theodore Reinach giebt eine geistreiche Analyse dieses curioscn Memoires, dessen Hauptstellen er uns wörtlich vorführt. Es folgt eine Abhandlung von Maurice Aron: Die Liquidation der Schulden der alten jüdischen Gemeinde von Metz. Sie zeigt uns ein interessantes Bild von den großen Beschwerden, die mit dem Uebergang in die neue Aera durch die französische Revolution für die jüdischen Gemeinden verbunden waren. Alle religiösen Körperschaften waren durch die Nationalversammlungen aufge- , hoben, ihr Eigenthum consiscirt und ihre Schulden auf den ■ Staat übernommen. Man realisirte dieses Decret aber nur betreffs der katholischen Kirche. Da die jüdischen Gemeinden sehr wenig Eigenthum und sehr viele Schulden hatten, ließ man sie aus dem Spiele. So hatte die Gemeinde zu Metz die damals ungeheuere Schuldensumme von 440,000 Livres. Da sie nun liquidiren mußte — die erdrückenden Abgaben, die die Judön zu zahlen hatten, wodurch eben die Gemeinden zu so großen Schulden kamen — so legte die Metzer Judenschaft einen Theil ihrer Schulden auf die Gemeinden des platten Landes, wogegen diese protestirten. Die Abhandlung i liefert nun die zahlreichen Documente, die auf diesen Streit Bezug haben. Den Schluß bildet eine Abhandlung von Isidore Löb: „die Juden in Straßburg vom Jahre 1349 bis zur Revolution". Im genannten Jahre wurden die Juden von Straßburg, ungefähr 2000 verbrannt. Von dieser Zeit an konnten die Juden erst nach und nach, in geringer Zahl und