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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-29 · Heft 22 (29.5.1883) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 22 (29.5.1883)
Date
1883-05-29
Page
Seite 354 (sequence 4)
Language
German
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354 men, bereits oft genug eine Modification dieses jüdischen Typus, ein weniger starkes Hervortreten desselben bemerkbar macht. Unser Kritiker verstärkt diese Widerlegung durch die Bemerkung, daß das Vorhandensein mehrfacher Typen unter den Juden noch nichts über ihr Alter entscheidet, daß ebenso gut angenommen werden könne, diese mehrfachen Typen seien bereits vor der Zerstreuung vorhanden gewesen. Mehr noch, „das Wesentliche ist," sagt er, „daß mitten in dieser Verschiedenheit einige gemeinsame Züge vorherrschen, die einerseits für ein geübtes Auge den Juden von den anderen europäischen Völkerschaften unterscheiden, andererseits ihn den anderen Semiten von Arabien, Syrien und Aftika nähern. Jedenfalls giebt es einen physiognomischen Charatterzug, der den Juden aller Länder eigen ist, womit die Argumentation Renan's über den Haufen fällt." — Ein Gleiches finde auf dem moralischen Gebiete statt. Es gäbe Eigenschaften des jüdischen Stammes, die aus den geschichtlichen Verhältnissen desselben sich erklären, und die sich auch in der Gegenwart nach ihren veränderten Verhältnissen verändern. Es find dies Eigenschaften, welche man allzu oft für der jüdischen Rasse eingeborene ausgiebt und doch nur geschichtlich erlangte und darum veränderliche sind, wie die Gewinnsucht, die Abneigung gegen den Landbau und den Soldatenstand, die übermäßige Demuth, stets geneigt in einen übermäßigen Stolz überzuschlagen. Dagegen giebt es einen psychologischen Fond im Charakter der Rasse, der viel leichter als erbliche Uebertragung zu constattren ist, als physische Qualitäten, weil die Dokumente darüber in Ueberfluß vorhanden find. „Wir glauben, daß der Jude von heute im Allgemeinen wie der vor zwei Jahrtausenden scharfer Denker (raisonneur subtile), warmer Enthusiast, Optimist selbst bei der Evidenz des Gegentheils, hartnäckig, von Familientugenden erfüllt, zu bilderreicher Dichtung geneigt ist. Es ist mit den Rassen ein wenig wie mit den einzelnen Menschen: die Lebenserfahrung, der Glückswechsel, ihre Familie, ihre Freunde, ihre sociale Umgebung mögen immerhin ihren Charakter und ihre Ideen verändern; eines gewissen Residuums ursprünglicher Jnstincte, welche sie von ihren Vorfahren geerbt, oder die sich während ihrer Kindheit entwickelt haben, können sie sich nicht entkleiden." Obiges können wir nur als richtig anerkennen, und so bleibt uns nur noch übrig, die von Renan angeführten griechischen und lateinischen Texte noch einmal zu prüfen. Semerkung zu Ar. 21 S. 337. Unser geschätzter Mitarbeiter, Herr M. Mannheimer in Darmstadt, spricht an der angeführten Stelle über die Gebetformel: nn N-nn n\b& ntp-y -jtpn nsr „der das Licht gebildet und die Finsterniß geschaffen, der den Frieden bereitet und das All geschaffen", und bemerkt, daß Grätz es gewesen, der zuerst auf die Wichttgkeit derselben dem Parsismus gegenüber aufmerksam gemacht habe. Herr M. übergeht hierbei, daß diese Formel nur eine Modificatton von Jesaias II. Kap. 45. B. 7 ist: N~nr> -nN “sv r&N bi nvry \;n v~ C'<b& rirrj? „der das Licht bildet und Finsterniß schafft, Friede bereitet und Unheil schafft, ich, der Ewige, thu' alles Dies." Jedermann sieht leicht ein, daß das Prophetenwort noch viel bestimmter dem Parsismus entgegentritt, als die Gebetformel. „Der Unheil" oder richttger „Böses schafft", d. h. der auch das, was dem Menschen in seinem individuellen Berhältniß als Böses, als Unheil erscheint, bewirkt, tritt dem Glauben an einen Gott des Lichtes und des Guten (Ormuzd) und einem Gott der Finsterniß und des Bösen (Ahriman) viel entschiedener entgegen, als die Gebetformel, welche NT.n ausläßt, und zwar, weil sie für den Unkundigen diese Worte mit Recht für unverständlich und zweideuüg erachtete. Nun ist es nicht Grätz, der zuerst darauf aufmerksam machte, daß jener Ausspruch gegen den Parsismus gerichtet sei, sondern bereits Saadia, und von den späteren Exegeten, z.B. auch Vitringa hoben dies nachdrücklich hervor. (S. unfern Bibelcomm. z. St. B. II S. 862.) Redaction. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 6. Mai. Die Herren in Wien müssen wissen, weßhalb sie es für nothwendig erachten, in der jüngsten Zeit mehrfach Erklärungen über die Lehren und Vorschriften des Judenthums, namentlich hinsichtlich der Pflichten der Nächsten- und Vaterlandsliebe zu veröffentlichen. Abgesehen von unserem früheren, zumeist in hebräischer Sprache abgefaßten Schriftthum, find seit der Mendelssohn'schen Zeit in allen neueren Sprachen so viele populäre und wissenschaftliche Lehrbücher der jüdischen Religion, Predigten und anderweite Schriften, die über den Lehrinhalt des Judenthums den vollsten Aufschluß geben, erschienen, daß Jedermann, der nach Aufschluß und Unterricht verlangt, sie nach größtem Umfange finden kann. Jndeß kann es immerhin Motive geben, welche zu solchen Er- und Aufklärungen veranlassen, und ihnen eine gewisse Wirksamkeit verschaffen mögen. So liegt uns denn heute die Broschüre des hochverehrten Joseph, Ritters von Wertheimer vor: Jüdische Lehre und jüdisches Leben mit besonderer Beziehung auf die Juden in Oesterreich und auf die Pflichten gegen Vaterland und Mitmenschen. (Wien, Hölder, 1883.) Unser Wiener Correspondent hat bereits dieser Schrift die volle Anerkennung ausgesprochen; wir fügen daher nur folgende Bemerkung hinzu. Der Verf. beginnt mit den bekannten Fragen und Antworten des Napoleonischen Synedriums (1806.), und wir möchten hierbei fragen, warum er

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