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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-29 · Heft 22 (29.5.1883) · p. Seite 353

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 22 (29.5.1883)
Date
1883-05-29
Page
Seite 353 (sequence 3)
Language
German
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5 353 Charakter unterschieden sie wesentlich von den Juden; man könnte daher in strengstem Sinne einen Zufluß syrischer Elemente in den Schoß des Judenthums annehmen, ohne zu glauben, daß sie in dauernder Weise die constitutiven Eigenschaften verändert hätten." Unser Kritiker fügt hingegen den Argumenten Renan's hinzu, daß er sich nicht aus epigraphische Dokumente berufen habe. Es scheint ihm bemerken» werth, daß unter den zahlreichen, in den Gräbern der Juden von Rom entdeckten Inschriften aus der Zeit des Kaiserreichs keine in hebräischer Sprache verfaßte sich finde; „das Hebräische war also nicht die natürliche Sprache der Israeliten Roms." Wir verwundern uns gar sehr, ein solches Argument für den Proselytismus unter den Juden Roms angeführt zu sehen. Wir haben bereits öfter darauf hingewiesen, daß die alexandrinischen Juden, selbst die anhänglichsten und begeistertsten unter ihnen, selbst Philo, wenig oder fast gar nicht Hebräisch verstanden. Die bedeutendsten jüdischen Schriftsteller der arabischen Zeit haben ihre wichtigsten Werke in arabischer Sprache geschrieben, so selbst Saadia und Maimonides, und zwar in hebräischer Quadratschrift, was beweist, daß sie ihre Zeitgenossen zwar der hebräischen Schrift, aber weniger der hebräischen Sprache kundig erachteten. In unserer Zeit verstehen die Juden in Deutschland, Frankreich, Italien, Holland und England, was die Maste betrifft, wenig Hebräisch mehr. Alle diese Erscheinungen erweisen nicht, daß! zu diesen Zeiten der Proselytismus vorherrschte, sondern daß | die Juden, sobald sie sich der Kultur der Völker näherten^ auch deren Sprachen annahmen und die Maste das Hebräische § verlernte. Ebenso wenig stichhaltig scheint uns, wenn Herr! T. R. anführt, daß unter den verschiedenen Synagogen in Rom , eine den Namen der Hebräer (Eßqcäot) sühne, wozu er bemerkt: „Man kann voraussetzen, daß diese Synagoge die; einzige war, deren Mitglieder beanspruchten, von den ersten > palästinensischen Ansiedlern abzustammen, die in Rom seil der Zeit des Pompejus sich niedergelassen hatten." Sobald an einem großen Platze sich verschiedene Synagogen etabliren, pflegen sie sich verschiedene Namen beizulegen. Aus deni Umstande, daß sich in einer nordamerikanischen Stadt eine Synagoge z. B. Bne Israel nennt, kann Niemand folgern, daß sich die Mitglieder dieser vorzugsweise für ursprüngliche Juden halten. Haben wir doch auch in Berlin schon besondere Gemeinden mit ähnlichen Namen. — Gegen alle diese mehr oder weniger scheinbaren Argumente spricht sich nun unser Kritiker folgendermaßen aus: „Unsre Zweifel beginnen, wenn es gilt, die numerische Wichtigkeit des durch den Proselytismus bewirkten Zuflusses abzuwägen und zu wisten, ob sein Einfluß tief genug war, um die Continuität zwischen dem ursprünglichen Judenthum und dem des Mittelalters auszulösen. Die Uebertreibung rhetorischer Geschichtsschreiber, des Josephus wie der anderen, die fast vollständige Abwesenheit von statistischen Angaben, besonders die langwierige Verwechselung, welche die heidnischen Autoren zwischen der jüdischen und der christlichen Propaganda machten, Alles erschwert den Versuch der Kritik auf diesem Gebiete. Jndeß haben wir doch statt der präcisen Beweise, einige Anzeichen. So mußten die Metzeleien, welche den großen jüdischen Aufstand vom Jahre 70 begleiteten, der Propaganda in Egypten und Syrien einen vernichtenden Schlag beibringcn. Nach Josephus kamen in Alexandrien 50,000 Juden um, in Cäsarea 20,000, in Scythopolis 13,000, in Damaskus 10,000, in Askalon 2500. Neue Schlächtereien fanden zu Ende der Regierung Trajans und bei dem letzten Aufstande des Bar Kochba statt; nach Dio Cassius tödtete man auf der Insel Cypern! 240,000 Personen; nach Qrosus wurde die Cyrenaica fast! ganz entvölkert. Was konnte nach diesen Porgängen von ■ allen den judaisirenden Griechen übrig bleiben, von denen Josephus mit so vielem Stolze spricht? Aeußerst wenig, ausgenommen in Antiochien, welches von den Metzeleien ver-! schont geblieben, und wo die jüdische Celonie zur Zeit des Chrysostomos noch sehr blühend war. Bon jener Zeit an mußte die jüdische Propaganda eine sehr bescheidene, nur individuelle und geheime sein, wie auch der Erlaß Antonin's! erweist, der nicht bloß die Bekehrer, sondern auch die Be-? kehrten selbst mit strengen Strafen traf. Wir können daher mit Renan die Meinung nicht theilen, die er über die jüdischen Gemeinden von Gallien und anderen Ländern im vierten und fünften Jahrhundert ausspricht. Renan deutet selbst, ohne sich freilich dabei aufzuhalten, den wahren Ursprung dieser Gemeinden an, wenn er der großen Zahl der als Sklaven nach dem Falle Jerusalems und Bethars verkauften Juden gedenkt. Diese Sklaven, welche ihre Herren wegen ihrer religiösen Uebungen sehr genirten, wurden nach kurzem Aufschub sreigelasten und selbstverständlich konnten sie nicht nach Palästina zurückkehren. Sie waren es, welche die Colonien gründeten, von denen Gregor von Tours und seine zeitgenössischen Schriftsteller sprechen." Auch aus das delikatere Gebiet der physischen und mv ralischen Physiognomie folgt unser T. R. Herrn Renan. Wie man sich erinnern wird, trat dieser dem Einwurse von der Gleichheit der jüdischen Physiognomie mit der Beobachtung entgegen, daß es nicht einen, sondern mehrere, nach den Ländern verschiedene Typen unter den Juden gebe, die durch die Vermischung mit den ursprünglichen Bewohnern der Länder entstanden sein müßten. Wir setzten dem entgegen, daß solche Modisication des Typus nicht allein durch die Kreuzung, sondern durch den Einfluß des Klimas, und noch mehr durch den der beständigen Umgebung entstehen könne, wie sich denn auch unter den gegenwärtigen Juden, seitdem sie die Ghetti verlassen haben, und durch Schule und Leben viel näher mit den übrigen Landesbewohnern in Berührung kom- •>7*

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