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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-29 · Heft 22 (29.5.1883) · p. Seite 352

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 22 (29.5.1883)
Date
1883-05-29
Page
Seite 352 (sequence 2)
Language
German
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Sehen wir uns vielmehr die These Renan's genauer an, so erscheint sie uns, gewiß ohne daß Renan dies beabsichtigte, als ein neues Mittel, um unter den Juden Propaganda zu machen, sie vom Iudenthume abzuwenden. Längst wisien wir, daß es weder irgend eine christliche, noch eine antichristliche Partei giebt, die nicht von dem Jnstincte geleitet wird, die Juden möglichst von ihrer Religion zum Abfall zu bringen. Wie verlockend ist es, den Juden zu insinuiren: ihr seid der Abstammung nach gar keine Juden, ihr stammt von Bekehrten aus ganz anderen Völkerschaften her, die in einer Zeit der Dunkelheit aus Ueberdruß am Heidenthume sich dem Iudenthume zuwandten; Ihr seid also gar nicht an das Judenthum gebunden, und könnt Euch wie Eure Vorfahren, wieder anderweitig bekehren! Wie verlockend ist es, den Juden ihren geschichtlichen Boden unter den Füßen und das Bewußtsein ihrer Mission aus der Seele hinwegzuziehen, ihnen den ununterbrochenen Zusammenhang mit der biblischen Zeit, mit den Erzvätern, Moses, den Propheten, den h. Sängern, den Makkabäern, den Kämpfern für Religion und Freiheit, die es vorzogen, unter den Trümmern des Tempels sich zu begraben, als Knechte Roms zu werden, diesen Zusammenhang uns zu rauben, der uns in nicht geringem Maße unsre Kraft und unsre Festigkeit gewährt. Wir bedanken uns für dies neuerfundene Mittel der Propaganda, das man abermals ansetzt, um uns zur Zerbröckelung zu bringen, nachdem man uns weder zu zermalmen noch aufzulösen vermochte. Wir lasten uns hierfür nicht durch einige wohlklingende Phrasen von dem universellen Werthe unsrer Religion verlocken. Haben wir doch seit jener Zeit, in welcher Renan jene Bekehrung verlegt, abermals fast anderthalb Jahrtausende bestanden und sind trotz aller Martyrien, die man uns bereitete, dem Bekenntniß des Einig Einzigen und der Fortentwickelung unsrer Religion nicht ungetreu geworden. Aber um so mehr sind wir verpflichtet, alle Zweideutigkeiten aus der Rcnan'fchen These zu entfernen. So viel steht uns bereits fest, daß bis zur zweiten Zerstörung Jerusalems, und andererseits feit der allgemeinen Herrschaft des Christenthums und später des Islams von der Aufnahme fremder Bolkselemente in die jüdische Masse gar nicht die Rede sein kann. Die einzige Ausnahme in der ersteren Zeit bilden die Jdumäer, die jedoch der Israel am meisten verbrüderte Stamm und verhältnismäßig geringzählig waren. Ebenso fest steht aber, daß aus beiden Zeiten Renan sich Argumente gestattet, die bei der ersten ernstlichen Beleuchtung sich verflüchtigen. So, wenn er die Cuthäer, d. s. die Samaritaner und die Adiabener in den jüdischen Bolkskörper ausgenommen behauptet, während von beiden das Gegentheil erwiesen ist. Nicht minder wenn er die sämmtlichen in den Slavenländern ansässigen Juden auf bekehrte Slaven zurückführt, und zwar auf Grund eines nichthebräischen Namens auf einem Grabstein, während doch das deutsche Idiom der polnischen und russischen Juden unzweifelhaft constatirt, woher diese gekommen, als sie in die Slavenländer einwanderten. In Deutschland selbst war sicherlich auch nicht der geringste Raum für Bekehrung zum Iudenthume. Denn das Christenthum war vollständig schon erstarkt und zur Herrschaft gekommen, als es mit dem Schwerte in der Hand die sächsischen und dann die slavischen Stämme im Osten zu sich bekehrte. Unter solchen Auspicien verlieren schon von vornherein die Beweise, die Renan anführt, an Glaubhaftigkeit und wir müssen sie daher hinsichtlich der Periode, auf welche er den größten Werth legt, die römisch-heidnische, genauerer Prüfung unterwerfen. Bevor wir aber auf diese eingehen und die von Renan angeführten Texte einer genaueren Prüfung unterziehen, wollen wir unsren Lesern die Ueberzeugung verschaffen, daß wir hinsichtlich des Gegenstandes, der uns beschäftigt, durchaus nicht allein stehen. In der jüngsten Lieferung der Revue äes Etudes juives begegnen wir einer Kritik des Vortrages von Renan, unterschrieben T. R., der wir einige Beachtung widmen wollen. Nach einer Einleitung, welche die Wandelbarkeit in den Ansichten Renan's als einen Akt der Ehrlichkeit, aber auch als Ausfluß seiner Künstlernatur erklärt, welche sich mit allem Feuer auf die sie augenblicklich beherrschende Ansicht wirft, ohne auf früher gethane Aeußerungen zu achten, theilt sich die Besprechung in zwei Theile, in dem einen führt der Berf. die Beweisgründe Renan's an, die einen Schein der Berechtigung haben, während er in dem folgenden Theile das aufführt, was sie abschwächt und widerlegt. Wir wundern uns, daß der Kritiker in diesem ersten Theile Behauptungen Renan's durchschlüpfen läßt, die wir bereits vollständig widerlegt haben. So, wenn er aus dem Kampfe Esra's und Nehemia's gegen die gemischten Ehen den Schluß zieht, daß diese zu jener Zeit sehr zahlreich gewesen sein müßten, während doch ihre Zahl und Namen angeführt wer den, welche in dem gesammten Volke 39 nicht überstiegen. Ebenso läßt er ohne Gegenbemerkung die Bekehrung der Königin von Adiabene, während wir in Nr. 18 aus dem Berichte des Josephus selbst nachgewiesen, daß diese auf das adiabenische Volk ganz ohne Wirkung blieb, ja vielmehr einen heftigen Widerstand hervorrief. Nicht minder ist dies der Fall mit den „friedlichen Eroberungen der Herodäer^, d. h. mit der Verschwägerung derselben mit heidnischen Fürsten. Dies war ganz ohne Einfluß auf die Masie, denn die Herodäer waren bekanntlich selbst sehr laxe Juden, wie denn Herodes heidnischen Gebräuchen, um den Römern zu schmeicheln, den Eingang in Palästina öffnete. Richtig bemerkt der Vers, hier: „Wenn diese Thatsachen auch intereffant sind, so find sie doch nicht entscheidend. Die Syrer wie die Nabathäer und die benachbarten Völkerschaften gehören der semitischen Raffe an; weder ihre Sprache, noch ihr ethnographischer

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