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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-29 · Heft 22 (29.5.1883) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 22 (29.5.1883)
Date
1883-05-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Hudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig » Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste > Rr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. KzepeöiLion: Leipzig, Wohpkcth 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr.L. Philippion in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 47. Jahrgang. Leipzig, den 29. Mai 1883. No. 22. Jabalt. Leitende Artikel: Der jüdische Stamm. VI. — Bemerkung zu Nr. 21 S. 337. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungs Nachrichten: Deutschland: Berlin, Essen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Pest, Lemberg. — Schweden: Stockholm. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. — Rußland: Petersburg. — Feuilleton: Der Mensch und die Natur. — Nachtrag. gründlicher und überzeugender Forschung anzunehmen und gelten zu lassen. Scheinen wir doch bereits in das Zeitalter der Sophisten wieder einzusteuern, die heute diese, morgen Bonn, 23. Mai. Der jüdische Stamm. VI. i) ' Man hat an uns die Frage gerichtet, warum wir so nachdrücklich Ernst Renan's These, daß die gegenwärtigen! Juden nur in geringem Maße von den palästinenstschen abstammten, also wirklich semitischen Ursprungs seien, vielmehr; in ihrer Mehrheit aus Bekehrten arischer Völkerschaften ent- J sprungen wären — warum wir diese These so nachdrücklich j bestritten? Entziehe sie doch den Antisemiten, welche ihre j Angriffe gegen „die fremde Rasse" richteten, um sie von ben j herrschenden Nationen auszuschließen, den Boden. Hiergegen haben wir einzuwenden, daß uns vor Allem die geschichtliche Wahrheit theuer sein muß, und daß wir uns dieser gegenüber einer falschen These in dem Kampfe, den wir zu bestehen haben, und den wir nur mit ehrlichen Waffen ausfechten wollen, nicht bedienen dürfen. Bei der im gegenwärtigen Geschlechte grassirenden Hypothesensucht, in welcher jeder geistreiche Kopf den ersten besten Einfall, sobald er neu und pikant erscheint, in die Welt zu schleudern sich berechtigt glaubt, und bei dem Mangel an Gewissenhaftigkeit, der sich bei der Beweisführung für solche Hypothesen fühlbar macht, sind wir doppelt und dreifach verpflichtet, nur die Resultate i) S. Nr. 8—13. 18. jene Ansicht vertheidigen und als Wahrheit verkünden und, wenn man ihnen ihre Wandelbarkeit vorwirft, diese als die Eigenschaft eines aufrichtig Suchenden rühmen, wie dies Renan bereits gethan hat. Ist nun noch dazu derjenige, welcher eine solche zweifelhafte These aufstellt und verficht, ein glänzender Stylkünstler, der seinen Gegenstand in leuchtende Farben und anmuthige Züge zu bringen versteht, so müssen wir um so mehr auf unsrer Hut sein. — Dabei ist es nicht einmal richtig, daß die Renan'sche These gegen die Antisemiten eine dauerhafte Schutzwehr biete. Diese Leute werden sich von ihr nicht überzeugen lassen, und wenn sie selbst davon überzeugt würden, ignorirten sie sie dennoch. Das haben wir in dem ganzen Streite, der bereits über drei Jahrzehnte dauert und nur in den letzten drei Jahren brennend wurde, unzählige Male erfahren. Widerlege sie nur heute, morgen bringen sie dir dieselbe falsche Behauptung, dieselbe erlogene Insinuation entgegen. Was uns betrifft, so ist uns die Rassenfrage in dem Kampfe für die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen völlig gleichgiltig. Wenn ein Bolkselement weit über ein Jahrtausend einem Lande angehört, alle Geschicke, Siege und Niederlagen, Ueberfluß und Noth mit der Nation getheilt, mit ihr, soweit es ihm gestattet ward, nach Kultur und Bildung gestrebt hat: so errang es zweifellos das volle Recht des Staatsbürgerthums, mögen seine Vorfahren vor Jahrtausenden vom Indus, vom Kaukasus, aus Scythien oder Syrien gekommen sein! — 22

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