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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-22 · Heft 21 (22.5.1883) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 21 (22.5.1883)
Date
1883-05-22
Page
Seite 346 (sequence 16)
Language
German
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346 begaben sich heute Vormittags nach der Vorlesung des Pro- ' fessors Langer unter Ansührung ihres damals gemaßregelten Landsmannes und Kollegen zu dem Führer der Antisemiten, Stuä. med. Koffer und verlangten Satisfaktion. Als er diese unter allerlei Ausflüchten verweigerte, wurde besagter Antisemitenführer in weithinfchallender Weise geohrfeigt. Zwischen den anderen anwesenden antisemitischen Studirenden und den magyarischen Studirenden entstand ein Handgemenge, aus dem die Ungarn, die in der Majorität waren, als Sieger hervorgingen. Erst als die Fenster des physiologischen Saales eingeschlagen worden waren, ries Jemand aus der inzwischen zusammengelausenen Menge einen Sichcrheitswachmann herbei, der die streitenden Parteien arretirte. Aus dem Commissariate wurden sie nach Abgabe des Nationales entlassen. Pest, 8. Mai. Wie viel unsere Glaubensgenossen in i Ungarn gegenwärtig durch den in das Volk eingepslanzten Wahn zu leiden haben, lehrt wieder folgendes Beispiel aus mehreren: Im Großwardeiner „Szabadsag" finden wir die folgende Geschichte: Am 29. April, dem letzten Tage des jüdischen Osterfestes, kam der Nagy-Baeoder Einwohner Karl Kovacs zum grichischen-katholischen Pfarrer des Ortes, Dringo, in später Nachtstunde, um mitzutheilen, daß sein (Kovacs) j zehnjähriger Sohn aus dem Hause verschwunden und er üebrzeugt sei, daß die Juden dem Knaben das Leben genommen hätten, um in den Besitz des für die Osterfeiertage nöthigen Christenblutes zu gelangen. Er forderte daher den Pfarrer aus, die Glocken zum Zeichen des Lolksausstandes läuten zu laffen. Dringo gab, als kluger Mann, natürlich nichts auf die Reden Kovacs und wies ihm die Thür. Dieser jedoch alarmirte noch des Nachts die Einwohner, um dieselben auszustacheln , sogleich Rache für die Ermordung seines Kindes zu nehmen. Ein Theil der Bevölkerung nahm nun thatsächlich eine drohende Stellung gegen die jüdischen Bewohner des Ortes, mit denen sie bis dahin in herzlichstem Einvernehmen gelebt. ein und nur das energische Einschreiten der Gendarmerie verhinderte, daß es nicht zu blutigen Thätlichkeiten kam. Karl Kovacs wurde in Hast genommen und dem Elesder Stuhlrichteramt übergeben, aber schon am folgenden Tage entlasten. Später fand auch die rituelle Hetze ein Ende, da der wieder aufgetauchte Knabe erzählte, daß er | am 29. April einen scheu gewordenen Büffel in den naheliegenden Wald verfolgte und er fich verirrt habe. Tie Angelegenheit wurde im Uebrigen dem Strafgerichte angezeigt, so daß gegen Karl Kovacs die Untersuchung wegen Aufwiegelung und Aufreizung eingeleitet wird. Diese hatte, Dank der Haltung des Pfarrers und des Gendarmerie-Commandanten, glücklicherweise keine bösen Folgen. So viel Unheil knüpft sich an die Sohlen der Antisemiten, so viel Ruchlosigkeit fließt aus der Feder eines Rohling und Justus! Prag, 8. Mai. Der Bischof von Königgrätz hat folgenden Hirtenbrief an seinen Klerus erlassen: „Obgleich ich überzeugt bin, daß der gesummte ehrwürdige Klerus meiner Diözese sich an gar keiner gegen die Juden gerichteten feindlichen Agitation betheiligt, sehe ich mich dennoch genöthigt, meine warnende Stimme zu erheben und im Falle, daß Jemand ohne Ueberlegung der Sache antisemitische Schriften oder Rohling's Broschüre: „Meine Antwort an die Rabbinen" u. s. w., die man nur vom wissenschaftlichen Standpunkte aus zu betrachten hat, unter dem nicht wissenschaftlich gebildeten Publikum verbreiten oder loben sollte, einen Solchen auf das Nachdrücklichste zu bitten, er möge dies unterlassen, wenn er sich nicht Schwierigkeiten zuziehen will, denen ich ihn leider nicht befreien könnte. Unter dem aus katholischen Klerus herrschte seit den ältesten Zeiten auf Grund des Römerbriefes des heiligen Paulus (XI. 15, 25), wo die zukünftige Bekehrung des jüdischen Volkes zu Christo dem Herrn vorhergesagt wird, der Grundsatz, daß man die unter uns lebenden Juden, die Väter dieser zukünftigen Christen, so viel als möglich gegen ungerechte Angriffe schützen soll. Wir Katholiken haben aber besonders in unseren Tagen alle Ursache, der göttlichen Vorsehung zu danken, daß dieses überall zerstreute jüdische Volk sich noch erhalten hat; denn wenn es dieses Volk nicht gäbe, so würden schon langst viele gleichgiltigc Christen im Namen einer gewissen antichristlichen Aufklärung die bewunderungswürdige Geschichte des Menschengeschlechtes in der Zeit des alten Testaments, wie auch alle prophetischen Schriften für eine Lüge und einen Betrug der Priester erklären, wodurch in den Herzen vieler Millionen gläubiger Christen der Glaube an die heilige Kirche schon im Fundamente erschüttert und zerstört wäre. Wir thun daher gut daran, auch in Zukunft die alten guten Grundsätze unserer Vorfahren festzuhalten und werden in diesem j Sinne auf das gläubige Volk wirken. Königgrätz, am j 20. April 1883. Josef Johannes m. p., Bischof.- j Nyiregyhaza, 9. Mai. Ueber das erste, mit Moriz Scharf vom Untersuchungsrichter Vary aufgenommene Einvernehmungs-Protokoll erfahren wir Folgendes: Das Protokoll datirt vom 20. Mai 1882 und enthält ungefähr Folgendes: „Am 1. April l. I. war bei uns Schächterwahl. Mein Vater und ich, wir begaben uns um 8 Uhr Morgens in den Tempel und blieben bis zum Schluffe des Gottesdienstes, was so gegen 10 Uhr sein mochte. Nachmittags 6 Uhr begab fich mein Vater zum Abendgottesdienste und um 8 Uhr zündete ich selbst die Kerzen im Tempel an. Um 10 Uhr ging ich mit meinem Vater zu Bette." Auf die Frage des Untersuchungsrichters, welche Personen um 6 Uhr Abends in den Tempel gegangen seien, antwortete Moriz Scharf, daß er selbst damals nicht im Tempel gewesen fei, er wiffe sich jedoch bestimmt zu erinnern, daß außer seinem Vater um jene Zeit noch Jakob Lichtmann, Jakob Römer, Josef Ein-

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