Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1883)
- Date
- 1883-05-22
- Page
- Seite 343 (sequence 13)
- Language
- German
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343 Dühring's, den er als einen der gewaltigsten Denker aller Zeiten und als den Stein bezeichnet, an dem das Judenthum zerschellen würde. Liebermann bekämpft Aman's Antrag auf's heftigste und läßt sich in schärfsten Worten über Dühring aus. Man habe kein Bedürfniß, denselben als germanischen National heiligen zu proklamircn. Aman's Antrag enthalte die ärgste Intoleranz und stoße alle Parteimitglieder, die praktische Ziele verfolgen, vor den Kopf. Aman solle als Wauderprediger für Dühring umherreisen und in fünfzig Jahren wiederkommen. Dann werde man vielleicht auf Dühring's Standpunkt stehen, aber inzwischen werde längst Alles verjudet fein. Auch Glagau erklärt, Dühring fei in Folge seiner schweren Körpcrgebrechen ein unpraktischer Doktrinär, leide an kolossaler Selbstüberschätzung und verstehe die Judenfrage gar nicht. Schließlich wurde Aman's Antrag mit allen gegen seine und eines seiner Freunde Stimme verworfen und Liebermann's Kundgebung angenommen. Für morgen ist die Ankunft mehrerer Parteigenossen in Aussicht gestellt. Der heutigen Versammlung wohnte kein Regierungs-Kommissär bei. Bis zum heutigen Tage hat man sich in den gebildeten und intelligenten Kreisen von Chemnitz eigentlich gar nicht ernstlich um diesen „antisemitischen Kongreß" gekümmert und davon höchstens wie von einem Kuriosum Notiz genommen. Der sehr bescheidene und beschränkte Herd der Agitation ist auch hier ein sogenannter Reformverein, dessen Mitglieder zumeist aus kleinen Geschäftsleuten, Handwerkern, Krämern u. dgl. bestehen, denen die tausend Juden, (nach der letzten Volkszählung wohnen in Chemnitz nicht „taufend", sondern nur 294 Juden! Red. d. A. Z. d. Jud.) welche sich unter den achtzigtausend Einwohnern von Chemnitz befinden, aus geschäftlichen Rücksichten ein Dorn im Auge sind. Nicht Einer der hiesigen namhaften Industriellen hat sich der Agitation angeschlossen, so oft auch die Reformer irgend eine moralische Unterstützung in den Kreisen derselben zu gewinnen suchten, und die starke sozialistische Partei unter den Fabrikarbeitern hat wegen der einerseits exklusiv-nationalen, anderer seits wegen der pietistischen Tendenzen, mit welchen der teutonische Antisemitismus auch hier verknüpft ist, demselben schon wiederholt heftig opponirt. Ties geschah erst vor etwa einem Vierteljahre, als am 5. Febr. zwei Spitzen der antisemitischen Agitation, der ungarische Abgeordnete Herr v. Si monyi aus Preßburg und der bekannte Herr Liebermann v. Sonnenberg aus Berlin, im hiesigen Resormverein als Gäste auftraten. Namentlich der Letztere hatte während seiner ganzen Rede mit dem heftigsten Zischen und Pfeifen zu kämpfen. Die Thatsache, daß diese Herren je nach dem Publikum, das sie heranguiren, die verschiedenartigsten Masken annehmen, wurde damals in wahrhaft komischer Weise dadurch illuftrirt, daß sich Herr v. Simonyi als Germane, als Vertreter des gefährdeten Deutschthums in Ungarn präsentiren ließ, welcher seit elf Jahren in der „urdeutschen Stadt Preßburg" eine deutsche Zeitung herausgiebt! An der Spitze des Chemnitzer Resormvereins steht ein Buchdrucker und Buchhändler, Herr Ernst Schmeitzner, der durch den Druck und Verlag judenseindlicher Broschüren und Zeitschriften, die von seinen Parteigenossen in ganz Norddeutschland vertrieben werden, ein gutes Geschäft macht. Zu der Chemnitzer Clique der Antisemiten gehören Leute, deren Judenhaß zumeist nur rein persönlichen und geschäftlichen Ursachen entstammt. Die ganze Clique hält ihre Zusammenkünfte in einem Lokal, in welchem aus ihr Verlangen .alle judenfeindlichen Blätter und Broschüren ausliegen. Als einigen älteren Stammgästen das Treiben unangenehm wurde und sie deshalb ausblieben, wurden sie wegen „Intoleranz" geschmäht, gehässig denuncirt und an den Pranger gestellt. Im gebildeten Publikum erregt dies umsomehr Entrüstung, als Chemnitz von ähnlichen Agitationen bis in die jüngste Zeit stets verschont geblieben war und der soziale Ton hier! sich mit Vorliebe in einer gewissen patrizierartigeu Noblesse gefiel. Dieser „zweite antijüdische Kongreß" entsprang übrigens nur dem Bedürfnisse der Agitation, die namentlich in Sachsen schon fühlbar nachzulassen begann, einen neuen Impuls zu geben und ein ähnliches Schauspiel wie im September vorigen Jahres in Dresden aufzuführen, wo bekanntlich die Herren Jst-Kzy und Simonyi die Komödie mit dem „aus der Erinnerung gemalten" Porträt der Esther Solymoffy aufführten. Daß die Arrangeure sich aber diesmal rückwärts nach Chemnitz konzentriren und ihr Banner in dem hiesigen Reformverein aufpslanzen mußten, beweist, daß ihre agitatorische Organisation seitdem sehr viel an Wirksamkeit eingebüßt hat. Die Schlußsitzung des Kongresses war noch schwächer als die erste Versammlung ^kaum von dreißig Theilnehmern) besucht. Herr v. Simonyi, der seinen Kurgebrauch in Karlsbad unterbrochen hatte und hieher gekommen war, ist schon gestern zurückgereist. Der Kongreß erwies sich heute noch deutlicher als eine stumme Versammlung, in welcher nur Liebcrmann das große Wort führte und die zustimmendcn Beschlüsse ohne Debatte erfolgten. Als bei der Debatte über einen Antrag alsbald Zwiespältigkeit hervortrat, wurde der Antrag aus Liebermann's und Glagait's Ordre von dem gefügigen Anhänge unterdrückt. Zunächst reserirte Liebcrmann über die Beschaffung der Geldmittel zur Fortsetzung und Erweiterung der antisemitischen Agitation und zur besseren Organisirung der antisemitischen Presse. Ter Bericht bewegte sich in allgemeinen Ausdrücken, da die meisten Details, wie Liebermann bemerkte, der Oeffentlichkeit sich entziehen. Referent gestand ein, daß eine Fortsetzung der antisemitischen Agitation ohne Beschaffung