Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1883)
- Date
- 1883-05-22
- Page
- Seite 337 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227469--40826-3309246- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
337 rinnen einer gesteigerten Askese, die von der Mitte des dritten nicirt und die manichäische Lehre als die stärkste Häresie von bis zur Mitte des fünftens Jahrhunderts n. Chr., also zu der orthodoxen Kirche verdammt. Demungeachtet neigten einer Zeit, wo Viele nach dem Märtyrertode schmachteten, in die Asketen, indem sie den Körper als den Sitz der Sünde höchster Blüthe stand, die aber in solcher Excentricität nie im Judenthum vorkam, noch Vorkommen konnte. Wenn wir die Geschichte des Asketismus studiren und uns jene schmutzi- 1 gen, abgemergelten, unwissenden und gefühllosen asketischen Gestalten vorstellen, die ihr ganzes Leben mit grausamer Selbstpein, mit schauerlicher Abtödtung des K örpers verbrachten, um nach Abwerfung dieses Körpers als des Sitzes der Sünde und des Teufels desto sicherer und reiner in den Himmel zu kommen, so führt uns dies unwillkürlich auf den Manichäismus, d. i. auf jenes Religionssystem des im Jahre 270 n. Chr. in Persien mit der Idee, Parsismus und Christenthum zu combiniren, auftretenden Mani, das seinem ganzen Wesen nach einer heidnisch-orientalischen Weltanschauung angehört. Er nahm zwei gleich ewige Grundwesen an, das gute oder Gott im Reiche des Lichts, und das böse, Hyle oder den Teufel, in der Finsterniß der Materie; sich erklärte Mani für den Paraklet (Tröster), der die christliche Lehre von den jüdischen Zusätzen zu reinigen und mit Hilfe der Geheimlehre zu vollenden habe. — Mani wurde excommu 1) Indessen entbrannte jene Gier nach der Märtyrerkrone auch im 9. Jahrhundert unter den Christen Spaniens wieder, und auch da war sie die Folge eines schwärmerischen streng asketischen Lebenswandels , welcher letztere auch umgekehrt von manchen absichtlich gewählt wurde, um desto leichter und unverzagter in den Tod zu gehen. Neander, Allgemeine Geschichte der christl. Religion und Kirche B. IV S. 95 sagt: „Ein solcher mißverstandener schwärmerischer Eifer, vor den Ungläubigen von Christus zu zeugen, griff nun mit ansteckender Macht immer weiter um sich, und er schloß sich an eine schon früher vorhandene Richtung schwärmerischer Asketiken. Bon den Bergen, aus den Einöden, aus den Wäldern kamen Mönche herbei, um als Zeugen für das, was sie für die alleinige Wahrheit hielten, zu sterben. Es waren unter denen, welche von diesem schwärmerischen Drange fortgeriffen, ihr Leben ohne Zweck opferten, Jünglinge und Jungstauen aus den ersten Familien." — cf. S. 96: „Es fehlte nicht an Geistlichen und Laien, welche mit dem Vorhaben der so sich selbst dem Tode Preisgebenden durchaus unzustieden waren, theils solche, welche die nachtheiligsten Folgen für die Ruhe der Christen fürchteten (den Christen war durch Gesetze der mohamedanischen 1 Fürsten freie Religionsübung zugestanden, sie befanden sich bis zu dieser Zeit (850) in vollem Genüsse der Ruhe und des Friedens, verwaltrien, ohne daß man ihnen etwas mit ihrer religiösen Ueberzeugung im Widerspruch Stehendes zumuthete, Aemter im Staats-, Hof- und Kriegsdienste), theils solche, welche erkannten, dav dies nicht die rechte, sondern eine der Lehre und dem Beispiele Christi und der Apostel widerstreitende Art von ihm zu zeugen sei. — Aber eS gab auch namentlich unter den Priestern und Mönchen eine von einem glühenden leidenschaftlichen Eifer erfüllte Partei, die ein schwärmerisches Feuer unter den spanischen Christen anzufachen und zu unterhalten suchte, und gerade dazu aufforderte, Mohamed als einen fab scheu Propheten öffentlich und vor den Tribunalen zu schmähen und zu lästern und dem Märtyrertode standhaft entgegen zu gehen. Zu gleich wurden sie ermahnt, keine Familienbande zu berücksichtigen. ' — Ich füge diesem die Bemerkung hinzu, daß im Judenthume, wo die Anhänglichkeit an die Familie, der Familiensinn, als eme uralte heilige Sitte, tiefe feste Wurzeln gefaßt, schon die Rücklicht auf die Familie die Juden vor jener excentrischen Schwärmerei bewahren mußte, die sie hätte veranlassen können, Vater und Mutter, Bruder und Schwestern, Weib und Kinder zu verlassen, alle ^amilienbande zu zerreißen, um sich die Märtyrerkrone zu verdienen. Corresp. und des Teufels bezeichneten, stillschweigend dem Manichäismus zu. (Man lese hieüber: Lehrbuch der Dogmcngeschichte Th. l. S. 214 u. 264 von Prof. Eh-. Hagenbach). — Im Judenthume haben seine geistigen Führer und Lehrer schon circa 300 Jahre v. Chr. Sorge getragen, daß der Parsismus mit seimem doppelten Grundprincip (Dualismus) keinen Eingang beim jüdischen Volke finde, und zu diesem Behnfe angeordnet, daß, sobald der Tag graute, der Gottesdienst im Tempel mit einer von ihnen verfaßten Eulogie zu beginnen hatte, worin Gott gepriesen wurde, daß er der Schöpfer des Lichtes und der Finsterniß, der Stifter des Friedens und Urheber des Alls sei. Das ist wohl die älteste stehende Gebctsformel, auf deren Wichtigkeit zur Erhaltung der monotheistischen Lehre, dem Parsismus gegenüber, meines Wiffens, zuerst Grätz in seiner vortrefflichen Geschichte der Juden aufmerksam machte. (Eine eingehende Erörterung dieser wichtigen Gebetsformel habe ich gegeben in meinem: „Das Gebetbuch und der Religionsunterricht rc." S. 17 bis 21). — Was die Sünde anbelangt, so hat sie schon der Mosaismus in die sittliche Freiheit des Menschen verlegt, was jedoch nicht ausschließt, daß körperliche Triebe und Neigungen denselben zum Bösen, zur Sünde reizen, die er jedoch, vermöge seiner freien Selbstbestimmung, besiegen könne und solle. — Wenn man vielleicht einwenden möchte, der Mosaismus schreibe ja Gesetze der Enthaltsamkeit vor, so daß er mithin in gewiffer Beziehnng asketisch erscheine, so erwidere ich, daß dieselben nicht die Selbstpeinigung und Abtödtung des menschlichen Körpers als einer verworfenen Materie bezweckten, sondern gerade im Gegentheil, die Ganzheit und Integrität des Menschen, nach Leib und Seele, gesund und wohl zu erhalten suchten. Der Deutero-Jesaia spricht es klar und deutlich aus, daß man durch Fasten nicht das Wohlgefallen Gottes erlangen könne, sondern dadurch, daß man feinen Nebenmenschen vom Drucke befreie, die Hungrigen speise, die Nackten kleide rc., also durch gesellige Tugenden. Und wenn im spätern Judenthume, wahrscheinlich durch äußern Einfluß, das Fasten wieder mehr in Hebung kam, so geschah dasselbe aber nie in einer fortgesetzten, die Gesundheit schädigenden, den Körper abtödtenden Weise; auch wurde es nicht als Selbstzweck, sondern nur als Mittel zur Einkehr, Selbstpcüfung und sittlichen Besserung augesehen. Der Gedanke, daß, wer sein ganzes Leben mit grausamer Selbstpein, mit Kasteiung und Abtödtung der Körpers verbringe, das Ideal der Frömmigkeit erreicht habe, blieb dem Judenthume gänzlich fern. Der Talmud erklärt ausdrücklich: Nünn rpjym DSffv;. „Wer im Fasten verharrt, heißt j ein Sünder." — Indem aber die überspannte Askese im