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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-22 · Heft 21 (22.5.1883) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 21 (22.5.1883)
Date
1883-05-22
Page
Seite 335 (sequence 5)
Language
German
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335 halten und hat ihnen erlaubt, sowohl das Werk ihrer Väter weiter fortzuführen, als auch sich an der geistigen Arbeit, an der wissenschaftlichen und besonders philosophischen Thätigkeit der Völker zu betheiligen, der Muselmänner wie der Christen, die ihnen das Leben so bitter machten. Saadia, Avicebron, Moses Maimonides, Levi ben Gerson, besonders Aoicebron und Maimonides haben nicht allein dem Juden-! thum, das sie in allen seinen Theilen mit den strengsten Forderungen der Vernunft vereinbaren wollten, sondern den 1 christlichen und muselmännischen Philosophen des 12. und 13. Jahrhunderts ihren Geist eingeprägt. Albert der Große und der heilige Thomas von Aquina eitiren sie mit dem ■ größten Respekte selbst dann, wenn sie sie bekämpfen. Ihre Personen hätten sie vielleicht verbrannt, aber vor ihrem Genius beugen sie sich. Zur Zeit der Renaissanee begeistern sich Reuchlin imd Pico von Mirandola für die Kabbala; Luther befragt, um die Bibel zu übersetzen, die Rabbiner, welche selber Salomon ben Isaak, genannt Raschi befragen. H. Anselm Tarmesteter wird Ihnen sagen, von welchem Nutzen die Commcntare von Raschi für die Geschichte der französischen Sprache sind. Indem wir das 16. Jahrhundert überschreiten, um zum 17. zu gelangen, welcher Name wie Spinoza tritt uns da entgegen! Wenn die Deutschen soviel Abscheu vor der femi tischen Race empfinden, sollten sie Spinoza Alles wiedergeben, was sie ihm entnommen haben, sowohl für die Exegese als für die Metaphysik. Man glaubt alles über Spinoza gesagt zu haben, dessen Lehre ich übrigens nicht theile, wenn man ihm die Benennung Pantheist zucrtheiltc. Spinoza ist eine große Seele, ebenso wie von höchster Intelligenz. Keiner von den Modernen, selbst Malebranche nicht, der ihn verflucht, hat die göttliche Liebe besser verstanden. Ich schließe mit diesem geheimnißvollen und gefürchteten . Namen und beeile mich, aus den verschiedenen Betrachtungen, die ich Ihnen vorgeführt, einen Schluß zu ziehen. Ich gehöre zu denen, welche glauben, daß das Judenthum feine Laufbahn noch nicht beschlossen hat; aber ich glaube nicht, daß durch die Macht des Geldes es berufen ist, sie fortzuführen, obschon das Finanz-Genie einer guten Anzahl feiner j Bekenner nicht abgesprochen werden kann. Tie Laufbahn,! welche das Judenthum noch zu vollbringen hat, ist ganz moralischer und intellectueller Art. Ter menschliche Geist wird heute nach zwei verschiedenen Richtungen gezogen. Einerseits wird er von dem Positivismus gelockt, andrerseits von dem Mysticismus, oder, um klarer zu sprechen, von dem Priesterthume. Der erstere zeigt ihm eine enthauptete Wissenschaft, eine Wissenschaft ohne Abschluß, ohne Interesse, die zu nichts führt, die nichts beweist, welche die edelsten und unzerstörbarsten Forderungen der menschlichen Seele unbefriedigt läßt. Das zweite will keinerlei Art von Wissenschaft; es fordert eine blinde Ergebung unter die religiöse Autorität und erkennt in der Natur nur eine willkürliche Macht, die keiner Regel gehorcht, oder die nur Regeln duldet, um sie umzustoßen. Dem Judenthume ist es Aufgabe, die Wissenschaft zu vertheidigen, sie mit aller ihr nöthigen Freiheit zu fördern, aber sie auch zu den höheren Gipfeln zu leiten und ihre Strahlen auf die unergründliche Tiefe des Unendlichen und Göttlichen zu lenken. Dem Judenthume steht es zu, nicht allein die Wissenschaft mit Gott zu versöhnen, sondern wie die starken Generationen, deren Bermächtniß es ist, zu glauben, daß cs nur für ihn und durch ihn existirt. Die Wissenschaft oder die Weisheit wird dann sein, wie sie uns die Verse der Sprüche zeigen, die ich Ihnen eitirt habe: „Ter Pflegling und der Liebling Jehovas, Wonne habend an den Menschenkindern." Die Ansichten des Iudenthums über Martyrium. Von M. Mannheimer in Darmstadt, j In einer sehr wohlwollenden Besprechung meiner Schrift :! „Tie Judenverfolgungen in Speyer, Worms ff." «Darmstadt j 1377.) in den zu Berlin erscheinenden „Mittheilungen aus | ber historischen Literatur", Jahrg. 1877, S. 107 fg., berührt Prof. Dr. Krüger einen wichtigen Punkt, in welchem ich von ihm völlig dissentire. Auf S. 10'.» zieht er eine Paralj lele zwischen den Märtyrern der christlichen Kirche und den jüdischen und findet auch darin einen Unterschied, daß jene ihre Foltern, ihre Hinrichtungen, ihre Vertreibungen von Haus und Vaterland in echt christlicher Demuth erduldeten, nicht Martyrium suchend, oder gar sich selber entleibend, oder ihre Kinder erwürgend, wie von Rabbi Meschullam (S. 18) oder von „zärtlichen" Müttern (S. 25) erzählt wird, oder den eigenen Tod durch tückisch überraschenden Mord ihrer Feinde provoeirend (S. 10), oder sich selbst untereinander dahinschlachtend (S. 20i". Herr K. nimmt also an, die Juden hätten das Martyrium, den Märtyrertod, gesucht. Das ist aber eine wahre Verkennung der Thatsachen und deren Motive, wozu Herr K. durch einen Mangel an Vertrautheit mit dem Geiste des Judenthums mochte verleitet worden sein. Das Judenthum ist ebenso fern von der Sucht nach dem Märtyrertode wie von der Wellflucht und selbstpeinigcnder Askese. Es fordert von seinen Bekennern, in- * mitten des diesseitigen Weltlebens so lange wie möglich auf ihrem Posten auszuharren, den Kampf ums Dasein — um ' mich eines modernen Ausdrucks zu bedienen — standhaft zu führen und ihre Pflichten in allen Lagen und Verhältnissen des Lebens treulich zu erfüllen. Und so vermögen wir denn auch in den Vorkommnissen unsres Berichtes, wenn wir dieselben richtig auffassen, keine Spur davon zu entdecken, daß, wie Herr K. vermeint, die Juden den Märtyertod gesucht

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