Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1883)
- Date
- 1883-05-22
- Page
- Seite 334 (sequence 4)
- Language
- German
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334 worden waren, wie bei den andern Völkern des Orients. Die jüdische Frau erleidet trotz der eingreifenden und manchmal sehr erhabenen Rolle, welche sie in der biblischen Geschichte spielt, doch die doppelte Schmach der Polygamie und der Verstoßung. Nun! die Propheten und die Hagiographen erheben immer energischere Proteste gegen diese beiden gesellschaftlichen Wunden. Der Ewige haßt nach Maleachi die Verstoßung und er nimmt die verstoßene Frau unter seinen Schutz, welche er sehr poetisch „die Frau deiner Jugend" nennt. In den Sprüchen setzt die Schilderung der Biedersrau die strengste Monogamie voraus, die „Biederfrau", das ist die Herrin des Hauses, die Frau, die einzige Gattin, die einzige Mutter aller in der Familie anwesenden Kinder, ihre thätige und feinfühlende Vorsehung, welche nicht zugiebt, daß bei ihr das Brod des Müssigganges verzehrt wird, aber die eine offene Hand für die Armen hat und welche das Wort Gottes im Herzen und auf den Lippen trägt. Die Verfasser des Talmud werden diesem Ideale nicht untreu. Sie sprechen immer nur von einer einzigen Gattin und sagen, daß derjenige, welcher eine tugendhafte Frau verloren, ein größeres Unglück erfahren hat, als die Zerstörung Jerusalems. Sie empfehlen, sie ebenso wie sich selbst zu lieben und sie mehr als sich selbst zu ehren. Aber ehe ich Ihnen meine Meinung über den Talmud auseinandersetze, muß ich des Philo von Alexandrien wenigstens erwähnen. Philo, der unter den jüdischen Autoren, die nur Hebräisch verstehen, wenig bekannt ist, weil er in griechischer Sprache geschrieben hat, ist einer der größten Geister, welche das Judenthum hervorgebracht hat. Er ist ein Philosoph, der immer nur im Namen der Wissenschaft und der Vernunft spricht; aber er ist werth, neben die inspirirtesten Propheten gestellt zu werden (V?) Seine Philosophie ist nicht nur, wie man gesagt hat, eine Nachahmung der des Plato, sie Seelen die Wege des Heils und bringen den Unterricht in der Schrift wieder zu Ansehen, indem sie, besonders in der Schöpfungsgeschichte, den philosophischen Sinn an die Stelle des Buchstaben-Sinnes setzen. Unter dem Schleier der Allegorie hat ihnen Philo eine Kritik zugänglich gemacht, deren Kühnheit von der der Philosophen des XVIII. Jahrhunderts nicht übertroffen worden. Was nun den Talmud betrifft, darf ich Ihnen wenigstens sagen, welches der allgemeine Eindruck ist, den ich aus den gelehrten Werken über ihn empfangen habe? Der Talmud ist kein Buch, er ist gewissermaßen das Protokoll der Worte, der Handlungen, der Diskussionen, die bei den Israeliten Palästinas und Persiens während einerPeriode von sieben bis acht Jahrhunderten vorkamen, die Mischna mit einbegriffen. Alles findet sich darin, das Wahre und das Falsche, das Für und Wider, die individuellen und die allgemeinen Meinungen. Wie hat man ihm vorwerfen können, nicht immer ein Muster von Anmuth und Beredtsamkeit zu sein? Das sind keine Eigenschaften , die man von einem Protokolle fordert. Aber aus dieser langen Arbeit der Geister haben sich Institutionen und Ideen herausgelöst, welche die größte Achtung verdienen. Ohne andere Autorität als die der Tradition und des Raisonnements, haben sie dem Judenthume einen entschieden spiritualistischen Charakter aufgedrückt. Sie haben das bis dahin etwas schwankende Dogma von der Unsterblichkeit der Seele fixirt. Sie haben die bürgerliche und moralische Stellung der Frau erhoben, aus dem Unterrichte der Kinder eine absolute Verpflichtung gemacht, in den großmüthigsten Ausdrücken das Prinzip der Toleranz und das Anrecht aller Gerechten ohne Unterschied der Religion, auf die Freuden des ewigen Lebens verkündet. Das hatte Philo dem Origines und dem Clemens von Alexandrien gelehrt. Das hat ein jüdischer Philosoph mit Namen David, der Verfasser des ist die Verbindung, eine Synthese, wie die Gelehrten sagen, I-ider de Causis, durch die für ketzerisch erklärte Sekte von der Philosophie der Griechen und derjenigen der ältesten David von Dinant und von Amaury von Bene im Völker des Orients. Dieser jüdische Philosoph, der leiden- 1 < Jahrhundert für wahr erkannt. Kurz, um weiter schaftliche Vertheidiger des Judenthums, hat einen solchen nichts vom Talmud zu sagen, er ist es, der unter der Einfluß auf die christliche Theologie ausgeübt, daß ein Schrift-! Form des messianischen Dogmas den Hoffnungen betreffs steller unserer Zeit mit voller Berechtigung sagen konnte, „Philo der Jude ist der erste Kirchenvater gewesen." >) Unter den Schriftstellern, die diesen Namen tragen, sind die beiden Hauptschüler Philo's Clemens von Alexandrien und Origines. Nun, alle beide, von seinem Geiste durchdrungen. der Zukunft freien Raum gelassen. Das Judenthum im Allgemeinen und insbesondere das talmudische Judenthum kann das Wort nicht unterschreiben: „Alles ist beendet" (Omnia consummata sunt). Er will, daß man hofft, er will, daß man für die zukünftigen Generationen ein glückhaben ihren Namen den liberalsten und kühnsten Toctrinen lichercs Geschick erhofft, als das, das uns gewährt worden, beigesellt. Sie gaben zu, daß der heilige Geist ebenso die Obgleich ich mich beeilt, habe ich doch so lange beim griechischen Philosophen wie die jüdischen Propheten und die Alterthume verweilt, daß mir noch kaum die nöthige Zeit Apostel des Christenthums begeistert hat. Sie verwerfen j bleibt, um einige der rühmlichsten Namen des Mittelalters das Dogma der ewigen Berdammniß, sie erschließen allen; und der Jetztzeit zu nennen. Diese Hoffnung, von der ich soeben gesprochen, hat die i) Havet, Das Christenthum und sein Ursprung, Bd. III. . Juden inmitten der grausamsten Verfolgungen aufrecht er-