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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-22 · Heft 21 (22.5.1883) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 21 (22.5.1883)
Date
1883-05-22
Page
Seite 333 (sequence 3)
Language
German
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333 Weisheit darin von sich selbst: „Mich schuf der Ewige als Zweck der Civilisation und trotz Joseph de Maistre und Hrn. seines Wandels Anfang, vor seinen Werken längst. Bon ewig an ward ich gefürchtet, von Anfang, von der Erde Ur-! sprung. Als noch die Fluth nicht war, ward ich geboren,- noch wassersschwere Quellen nicht. Eh' Berge waren einge-! senkt, bevor die Hügel, ward geboren ich. Als er noch nicht | geschaffen Land und Triften, und Alles unfruchtbaren Stauj des Masse. Als er bereitete den Himmel, war ich dort, als ■ er den Bogen setzte über die Fläche der Fluth ... da war ' ich neben ihm, sein Pflegling und Liebling und Wonne habend an den Menschenkindern.') | Wenigstens hiervon wird man nicht sagen können, wie; man es irrthümlich von der alten Kabbala behauptet hat,! indem man sie mit der sehr abweichenden Abfaffung ihrer Doctrinen vermischte, daß es dem Avicebron, dem Plotin, den Gnostikern oder wer weiß wem? entnommen sei. Ter reine Geist des Judenthums athmet in diesen Worten, von denen die ersten Berse des Evangelium Johannes uns eine einfache Umschreibung geben. Nun, was ist der Sinn davon? Daß die Vernunft, folglich die Wissenschaft, die Richtschnur der göttlichen Handlungen ist, wie sie dies auch bei den menschlichen Thaten sein soll; daß die Vernunft ewig und göttlich ist, und daß der Mensch, über den sie einen. Theil ihres Lichtes breitet, uns besser als das Universum , das Dasein Gottes erweist. j Die Vernunft als Grundlage der Religion annehmen,! heißt die Religion für der Vervollkommnung und Entwickelung j fähig erklären. Das ist in der That der Charakter, den! uns das Judenthum seit seinem Beginne bis zu unseren > Tagen darbietet. Die Genesis selbst lehrt uns, daß der übersinnliche Name Jehovah dem weniger begreiflichen und i naturalistischeren Namen Elohim voranging. Aber dieser Gott, mit welchem Namen man ihn auch bezeichne, der so lange Zeit nur von den Patriarchen gekannt und als Retter und König Israels verehrt worden, wird der Gott aller Nationen sein, jedes Geschöpf wird vor ihm das Knie beugen. Die Völker, vereint durch die Anbetung des einzigen Gottes, nachdem sie bis dahin geschieden, auf die gegenseitige Vernichtung ausgingen, werden in Frieden mit einander leben; der sündhafte und thörichte Krieg wird von der Oberfläche der Erde verschwinden. Gewiß, man darf die poetischen Ausdrücke, in denen Jesaias uns dies prophezeit, nicht wörtlich nehmen. Der Löwe wird mit dem Lamm nicht zusammen wohnen und wird sich nicht dazu entschließen, wie dieses nur Gras zu freffen. Die Schwerter werden nicht in Pflugscharen verwandelt werden, und die Lanzenspitzen nicht in Sicheln. Aber der Kern der Prophetie ist wahr, wenigstens dem Verstände einleuchtend, er ist der eigentliche v. Moltke, wird er sich verwirklichen. Die Prophetie des Jesaias wurde der Traum des Abb« von Saint-Pierre, der politische Wunsch Sully's, wenn nicht Heinrich IV., die philosophische Hoffnung Kant's und Bentham's, und der größte Rechtsgelehrte Deutschlands, Bluntschli, führt sie unseren Augen als das unausbleibliche Resultat der Fortentwickelung der Politik und der Jurisprudenz vor. Vielleicht ist es Ihnen bekannt, daß ich selbst dieser Gemeinschaft angehörc. Im Namen des Propheten Jesaias, ebenso wie im Namen der Menschheit, beschwöre ich Sie, der französischen Gesellschaft der Freunde des Friedens den Beistand Ihres Namens und Ihre Unterstützung zu gewähren. Wie könnte sich die Idee der Menschheit, als eine einzige Familie und eine einzige religiöse Gemeinde gedacht, von der Moral trennen? Diese Moral ist es, die einzige, welche mit Vernunft und Wissenschaft übereinstimmt, welche die Propheten Judas in immer ergreifenderer Form gelehrt haben. Die Brüderlichkeit unter allen Menschen, die Wohlthätigkeit, die Gerechtigkeit, die Beschützung der Wittwen und der Waisen, das Mitgefühl für jedes leidende Wesen, sind im jüdischen Volke bekannt, wenn nicht immer ausgeübt worden, als Plato in seiner „Republik" die Gemeinsamkeit der Güter und der Frauen lehrte und lange ehe Cicero seine Abhandlung „lieber die Pflichten" schrieb. Man muß hier das Prinzip der menschlichen Verantwortlichkeit hinzufügen, das so oft von berühmten Philosophen geleugnet und von den Propheten so energisch aufgestellt worden.') Trotz ihrer tiefen Neigung für die Verrichtungen des äußerlichen Cultus, für die Gebete, die Opfer, die Reinigungen, die Fasten, zögern die Propheten nicht, sie unter die Moral zu stellen und sie bei denen für wahre Gotteslästerung zu halten, welche damit Gott zu ehren glaubten, ohne ihre Pflichten gegen die Menschen zu erfüllen. „Welche Frucht erwächst mir aus all' Euren Opfern? Habe ich das Blut der Böcke und der Kälber nötig?" Diese Verse Racine's sind nur ein Resunnzweier langer Stellen von Jesaias. Er hätte den Cultus mit der Moral nicht verwechselt. Wenn er zwischen beiden zu wählen gehabt, so hätte er jedenfalls den Cultus geopfert. Das ist ein Grad der Unterscheidung, eine Entwickelung der Vernunft und des Gewissens, die Sic bei keinem anderen Volke des Alterthums finden werden und die selbst bei den modernen Völkern selten ist. — Dieser Fortschritt der moralischen Ideen bei den Juden zeigt sich besonders in den verschiedenen Stellungen, welche dieses Volk den Frauen eingeräumt, ohne daß sie jemals bis zur Sklaverei herabgedrückt und zur Absperrung verutheilt 1) Jeremias 31, 29—30 und Ezechiel 18. -21* < s 'l. ’.i. 1) Sprüche 8, 2> -31.

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