Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1883)
- Date
- 1883-05-15
- Page
- Seite 325 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227468--40813-3309232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
325 Die Herren gestanden selbst zu, daß ohne Geld nichts zu machen sei und daß sie kein Geld hätten. Zwar versicherte v. Liebermann in mysteriöser Weise, es würde aus einer geheimen Quelle schon wieder etwas zufließea; aber dies schien doch keinen Eindruck zu machen. Nun, geben wir diesen Menschen gern das Geleit auf dem Wege, auf welchem sie der Oeffentlichkeit allmählich entschwinden! Berlin, 2. Mai (Privatmitth.) Es kann uns wohl nicht verdacht werden, wenn wir auf jede Bewegung, die in der studentischen Jugend vor sich geht, namentlich hier in Berlin, unsre Aufmerksamkeit richten. Es war zu betrübend, einen nicht geringen Theil der hiesigen Studirendcn den antisemitischen Wühlereien folgen und sich darin recht bemerkbar machen zu sehen, als daß wir uns nicht jeder entgegengesetzten Geistesströmung erfreuen sollten. Eine solche tritt uns in dem jüngsten Bestreben, die Burschenschaften zu reformiren, entgegen. Die „Berliner Reform-Burschenschaft" hat am schwarzen Brett der hiesigen Universität einen Aufruf angeschlagen, der die Prinzipien dieser Reform ausspricht und alle deutschen Burschenschaften um diese schaaren will. Als solche Grundprinzipien wird das wissenschaftliche Streben und die Pflege des nationalen Sinnes ohne irgend welche Parteipolitik an die Spitze gestellt, und kein Unterschied unter der studirenden Jugend Deutschlands zugelassen. Wer sich erinnert, in welcher schmählichen Weise der deutsch-nationale Sinn von den Antisemiten gefälscht und gegen die jüdischen Commilitonen gerichtet worden, kann diesen Umschwung in vollem Sinne rühmen und wünschen, daß sich die studirende Jugend in ihrer Mehrheit dazu vereinigen möge. 1 Aus Westfalen, 3. Mai (Privatmitth.). In Nr. 18 d. Zt. haben wir ein Rescript des Landraths von Vincke zu Hamm mitgetheilt, worin einem jüdischen Lehrer das Tragen seines Ornats bei Androhung von einer Strafe von 50 Mark mitgetheilt und fügte die Redaction eine Bemerkung hinzu, in welcher die gesetzlichen Momente aufgeführt wurden, welche dem landräthlichen Rescriptc entgegenstehen. In diesem Sinne richtete der betr. Lehrer eine Erwiderung an das k. Landrathamt und erhielt folgenden Bescheid: „Hamm, den 25. April 1883. Auf die Eingabe vom 10. d. M. eröffne ich Ihnen, daß Ihnen die k. Regierung zu Arnsberg durch Verfügung vom 2l. d. M. das Tragen einer Amtskleidung, bestehend aus Talar, Baret und Bäffchen unter der ausdrücklichen Bedingung gestattet hat, daß Sie über den Talar den langen weißen, schwarzgeränderten Gebetmantel anlegen." Der Landrath v. Vincke. Da selbstverständlich der Cantor, Prediger und Lehrer bei gottesdienstlichen Verrichtungen den Gebetmantel (Talith) anlegt, so bedeutet dieses Rescript nichts anderes als die völlige Zurücknahme des früheren. Witten» 4. Mai (Witt. Anz.) Dem heutigen „Hamburger Fremdenblatt" wird von seinem westfälischen Mitarbeiter geschrieben: Die Leser dieses Blattes erinnern sich, daß ich vor etwa acht Tagen in einem Artikel betitelt „der Gipfelpunkt in der Frechheit der Judenhetze" auf den in der Paderborner Bonifaciusdruckerci erschienenen „Judenspiegel" des Dr. Justus hinwics, welchen Pros. Dr. Franz Delitzsch im „Pesther Lloyd" und aus diesem in der A. Z. d. Jud. als ein Machwerk infernaler Lüge bezeichnete, da in diesem Pamphlet in den Text der ,Halikntim‘4 hineingelogen sei, daß der Jude, welcher das Blut christlicher Jungfrauen vergieße, ein Gott wohlgefälliges Werk thue. Daraus hat die Bonifaciusdruckerei in einem „fliegenden Blatt" betitelt „die düpirten Zeitungen und der Judenspiegel" geantwortet, die Richtigkeit der Uebersetzung des Dr. Justus aufrecht erhalten und somit Herrn Prof. Delitzsch der Unwahrhaftigkeit beschuldigt. Als Verfasser des erstgenannten Artikels gab ich Pros. Delitzsch sofort von diesem fliegenden Blatte ttenntnifi und erhalte von dem hochgeschätzten Manne heute folgendes Schreiben: Leipzig, den 26. April 16*3. Geehrter Herr Doctorl Das Buch Halikutim. welches Di-. Justus in polnischem Jargon „Ualkut-em-- nennt, enthält Collectaneen (das bedeutet der Titel) zu einzelnen Bibelstellen, welche Chajim Vital, der Schüler des berühmten Kabbalisten (Mystikers) Isaak Luria zusammengestellt hat. Es ist in Zolkiew, Wilna und auch in Jerusalem gedruckt erschienen. - Die betreffende Stelle, aus welcher Dr. JustuS den auf S. 05 des Judenspiegels schaugestellten haarsträubenden Unsinn herausgelesen, ist eine Bemerkung zu Sprüche 30, 10: „Drei Dinge sinds, die jenseits meiner liegen und diese erkenne ich nicht: den Weg des Adlers am Himmel, einer Schlange Weg über Feldgestein, eines Schiffes Weg auf hoher See und eines Mannes Weg an einer Maid." Dies die Uebersetzung der Stelle in meinem Commentar zu dem salomonischen Spruchbuch (1873). — Daß „des Mannes Weg an einer Maid" geschlechtlich gemeint ist, liegt auf der Hand. So wird cs auch im Talmud Kid duschin 2 b verstanden und die in Halikutim daran geknüpfte kabbalistische Erörterung bewegt sich in keuscher mystischer Weise um diesen Wortversiand. — Nur Unwissenheit und Böswilligkeit in wetteifernder Wechselwirkung können in dieser Stelle eine Empfehlung der Abschlachtung nichtjüdischer Mädchen finden. Di-. Justus in dem fliegenden Blatte der Bonifaciusdruckerei stützt Lüge durch Lüge. Bon „Blutvergießen" wie er vorgiebt, ist nichts darin zu lesen. Tie Aussage: „Nichtjüdifches Jungfrauenblut zu vergießen, sei ein heiliges Opfer" ist hineingelogen. Jederlei Beziehung auf Nichtjüdinnen ist der Stelle absolut fremd.! Klipoth heißen die der Welt des Materiellen und Sinnlichen