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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-15 · Heft 20 (15.5.1883) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 20 (15.5.1883)
Date
1883-05-15
Page
Seite 324 (sequence 10)
Language
German
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324 auch die kleinsten Städte ihre Vertreter haben. Wer hiesige Verhältnisse kennt, der weiß sehr wohl, zu welchen gehässigen Verdächtigungen die dort vorgeschlagene Aussendung von Sendlingen führen und den Bestand des Vereins gefährden würde; abgesehen davon, daß cs noch höchst problematisch ist, ob sie fruchten, und die Ausgaben die Einnahmen decken würden. Ist es 2) die Schuld des Vereins, wenn die Regierung keine anderen Sammlungen gestattet, als diejenigen unter dem Protectorate des Vereins, der allein ihr die Garantieen bietet, daß die Sammlungen zu keinen staatsgefährlichen Zwecken verwendet werden?^) Wir sind der festen Ueberzeugung, daß wenn die Leitung des Vereins gewissen Händen anvertraut würde, er keine 2 Jahre bestehen könnte- 4) Wir erinnern uns, daß die S.dulleiter die Vorschrift erhielten, keine Bücher direct vom Verein anznuehmen, es sei denn durch die Vermittelung der Schulbehörden. Man sieht, mit welchen Argusaugen selbst die Thätigkeit des Vereins angesehen wurde. — Jener Bericht an das Ministerium muß wohl auch aus der Vorsicht geflossen sein, um etwaige Verdächtigungen verstummen zu machen — Wir sehen es ja deutlich bei der Sendung der Stipendiaten nach Breslau. Corresp. Es gehört viel Geschick, Vor- und Umsicht dazu, bei gewissen Verhältnissen einen solchen Verein so lange beim Leben zu erhalten; aber freilich ist bekritteln leichter als besser machen. Schließlich erlaube man uns, die Leiter des Vereins auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der wohl ihrer Berücksichtigung werth ist. Bekanntlich hatten sich bei jeder jüdischen Schule durch die Vermittelung des Vereins kleine Büchersammlungen mit den Jahren angehäuft, die fehr werthvolle Werke in russischer, deutscher und hebräischer Sprache enthielten. Nun aber sind auf Anordnung der Schulbehörden diese Sammlungen bei Schließung der jüdischen Schulen in die Hände der Vorsteher christlicher Schulen gelangt, wo sie dem Publicum unzugänglich und unbenützt mit der Zeit ein Raub der Mäuse und der Motten werden müsien. Wie viel Gutes könnte der Verein stiften, wenn er die Herausgabe dieser Bücher in solche Hände erwirken könnte, durch die sie! dem jüdischen Publicum zugänglich gemacht würden.! L. Mendelsburg. Sc t I'i41 a cj >1 a ac fj zvc fj \'cw. Deutschland. j Bonn, 4. Mai (Privatmitth.) Zu der Zeit, als fcerj Antisemitismus in Deutschland in voller Blüthe stand, haben: wir besten baldigen Niedergang stets vorausgesagt. Ohne Wurzel in dem eigentlichen Geiste unserer Zeit, nur aus einer, durch die zeitweisen drückenden materiellen Berhältniste hervorgegangenen Begriffsverwirrung Nahrung ziehend, ohne welche wesentliche thatsächliche Momente, mußte er mit dem Augenblicke wieder abwärts gehen, in welchem er sein höchstes Resultat. Verwilderung des Volkes, Ungesetzlichkeit, brutale Gewalttaten zu Tage förderte. Den Reiz der Neuheit und des Pikanten verlor er allmälig durch die stete Wiederholung derselben Anklagen und Schmähungen und durch die Maffenhaftigkeit seiner Pamphlete und Flugblätter. Den augenscheinlichen Beweis für seinen Niedergang, für die Schwäche und Bedeutungslosigkeit, zu der er sich immer mehr verurtheilt sieht, hat die Chemnitzer Antisemiten-Bersammlung, über die wir weiter unten ausführlich berichten, geliefert. Daß dieselbe von Dresden nach Chemnitz versetzt war, daß sie aus höchstens 3f> Personen bestand, find äußere Momente. Daß Herr Stöcker sich weder an ihrer Berufung, noch an ihren Sitzungen beiheiligte, ist schon wichtiger. Stöcker ist ein kluger und praktischer Mann. Er hat zur günstigen Zeit den Antisemitismus als Agitationsmittel, sich zum berühmten Mann zu machen, richtig erkannt. Hat aber der Mohr seine Schuldigkeit gethan, so kann er gehen. Wir meinen hiermit nicht, daß Stöcker seine antisemitischen Neigungen aufgegeben hätte; wir setzen nicht voraus, daß er nicht bei jeder, ihm vortheilhaft erscheinenden Gelegenheit sich mit seinem ganzen Redefluß antisemitisch bekunden werde; aber die Agitation, die Wühlerei für den Antisemitismus hat er fallen lasten, weil er einsieht, daß sie nicht mehr ziehen würde, daß ganz andere, wichtigere, eingreifendere Momente auf der Tagesordnung stehen. Am wichtigsten sind die Bekenntniste der in Chemnitz anwesenden Führer selbst. Hat schon in Dresden Stöcker die Aeußerung gethan, daß, wenn das deutsche Volk abstimmen würde, die Antisemiten viel eher aus dem Lande gejagt würden als die Juden, so sprachen dies Mal die Glagaus und von Liebermanns ihre Klagen über die Abnahme des antisemitischen Geistes, über den Mangel an Geld, über die Unbedeutendheit der antisemitischen Preste offen aus, und sie konnten kein anderes Mittel zur Wiederbelebung finden, als nochmalige Massenagitationen. Die erste Auflage liegt bekanntlich im Reichskanzlerarchiv ruhig und bereits mit dem Staube der Vergestenheit bedeckt. Der Reichskanzler sah sich nicht veranlaßt, auch nur ein Wort zu erwidern. Es zeigt also von gänzlichem Mangel an Hülssmitteln, wenn man dennoch zu einer zweiten Auflage des bereits ins Wasser gefallenen Projektes seine Zuflucht nehmen will, und nach Hause zurückgekehrt, wird man den Versuch wohl aufgeben. Hat aber erst eine Bewegung ihre Kraft verloren, und gestehen sich dies ihre Motoren selber ein, so kann man sicher sein, daß sie allmälig ganz einschläft.

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