Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1883)
- Date
- 1883-05-15
- Page
- Seite 318 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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318 Heftigkeit, Schärfe und Bitterkeit steigern; übersehen wir, daß! sic die großen Ansichten, die sie belebten, auf eine zu nahe, auf ihre und die nächste Zeit anwandten, und, indem sie nicht der allmählichen Entwickelung der Menschheit, sondern einer großen Offenbarung Gottes durch ein allumfaffendes Strafgericht die Erreichung des Zieles zuertheilten — was bei dem geringen Umfang geschichtlichen Lebens, der bereits hinter ihnen lag, erklärlich ist — ihre Verkündigungen oft zu sehr individualisirten und daher ganz nahe stellten, was erst im Laufe der Jahrhunderte, und dann der Jahrtausende sich erfüllen sollte — so können wir die innerste Wahrheit ihrer Aussprüche nicht ableugnen, und erst jetzt bezeugen Geschichte und Philosophie, daß sie, vom göttlichen Geiste beseelt, den Völkern und der Menschheit die höchste Wahrheit verkündeten. Sind nicht alle die Völker wirklich untergegangen? Hatten sie nicht erkannt, daß die ganze Welt des Alterthums untergehen müsse, ohne die Menschheit ihrem Ziele näher gebracht zu haben, — weil diese nur sich, nicht aber Gott und die Menschheit kannte? Ob dieses oder jenes Volk ein Paar Jahrhunderte später untergegangen, als ein Prophet subjcctiv meinte, thut dies der Wahrheit ihres Ausspruches einen Abbruch? Ist Israel nicht bestehen geblieben, seine Bestimmung, der Menschheit die Wahrheit zu lehren, immer weiter verfolgend? Ob in dem glänzenden Gewände, das die Propheten zur Tröstung des gedrückten Volkes ganz nahe annahmen, oder nicht? Was thut dies zur Sache? Gehet die Menschheit nicht der Zeit der Erkenntniß und Verbrüderung immer näher? Wer könnte dies leugnen? Ob nun gleich nach einer Ungeheuern Sturmpcriode, durch die die Menschheit ja doch gehen mußte und noch nicht ganz hindurch ist, oder nach einer langen Entwickelung? Auch dies widerspricht der innern Wahrheit der prophetischen Anschauung nicht, die zu einer Zeit, wo alle Nationen nur ihren engsten Kreis anerkannten, von den kleinen Hügeln Judäa's über die ganze Menschheit hinging, und die ganze Menschheit umfaßte, um sie zur Wahrheit und zum Frieden berufen zu glauben. Die Propheten bilden so das Buch der ganzen Bölkergeschichte." Ueber das mosaische Ziusgesetz. Bon vr. Julius Landsberger. Darmstadt, im Mai 1883. Wilhelm Hauff erzählt in der Einleitung zu seinen „Mittheilungen aus den Memoiren des Satans", wie im Herbst 1822 ein Herr v. Natas (umgekehrt gelesen: Satan) der Stadt Mainz einen Besuch abgestattet, mit ihm zusammen in dem „schönen Gasthof zu den drei Reichskronen" logirt und ihm beim Abschiede seine Memoiren zur Veröffentlichung übergeben habe. Es scheint damals dem Satan in dem goldenen Mainz gar sehr gefallen zu haben, denn jetzt nach mehr als sechszig Jahren wiederholt er, auf einer Geschäftsreise durch einen Theil Deutschlands, Rußlands, Ungarns u. s. w. begriffen, seinen Besuch in dieser Stadt. Diesmal kehrte er indeffen nicht in einem Hotel ersten Ranges, sondern in einer obscuren Buchdruckerei ein, von wo er Brandbriefe, unter dem Titel „die Wucherpille", in die Welt sendet, ein giftiges Blättchen, das von Judenhaß strotzt und eine Judenhetze in Scene zu setzen beabsichtigt. An dem Haffe des Herrn v. Natas gegen die Juden ist aber kein anderer als weiland der Professor der Theologie vr. Schnatterer schuld, dessen Vorlesung .,de angelis malis“ er vor sechzig Jahren als Hospitant anwohnte. Seiner eigenen Miltheilung zufolge hörte er hier nämlich, daß die Juden den Satan „Beelzebub" genannt hätten, welchen Namen der gelehrte Professor in Beelsebel (oder „Saephael", wie Hauff schreibt, Koth, Mist u. s. w.) emendirt und für „der Herr im (um nicht die Rache des Herrn v. Natas auch auf mich zu lenken, will ich mich hier weniger drastisch als vr. Schnatterer ausdrücken) Kothe, der Unreinliche, to pneuina akatharton, der (wiederum weniger drastisch) Uebclriechende" erklärte, mit dem Zusatze: „wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein gewisser unanständiger Geruch verbunden sei." Damals schwor er dem Herrn Professor wie den Juden Rache. Gegen den erfteren erfüllte er auch sofort seinen Schwur, indem er in der Gestalt der verrufenen „schönen Liesel" am Arme des hochwürdigen Herrn durch die Straßen der Stadt schritt, ihn auf diese Weise um alle Ehre und Reputation brachte und ihm außerdem einige schallende Ohrfeigen von Seiten der sittlich entrüsteten Frau Professorin zuzog. Mit den Juden verfuhr er damals viel glimpflicher; er machte sie bloß zur Zielscheibe seines Spottes als er unter der Maske des k. k. Legationsraths Schmälzchen aus Wien in Geschäften seines Hofes nach Mainz reiste. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben; wie Napoleon Bonaparte betrachtete er die Rache als eine Speise, die kalt genoffen werden muß, und strebt darum erst jetzt nach sechszig Jahren, seinem Eide ganz und voll gerecht zu werden. Zu diesem Zwecke dreht er nun „die Wucherpille", um die ihm zugefügte Beleidigung den Juden mit Wucher heimzuzahlen. Dieses Blättchen zeigt indessen, wie sehr Herr v. Natas in den verflossenen sechs Decennien gealtert und sein Geist stumpf geworden, wie der geistreiche humoristische Teufel, dem wir in den Memoiren begegnen, zu einem dummen, boshaften herabgesunken, obgleich er inzwischen wiederum mehrere ansehnliche Universitäten besucht hat, wo er es wieder zu Wege gebracht, daß viele Musensöhne — mit Herrn v. Natas und Jean Paul in seinem unübertrefflichen Quintus Fixlein zu reden — „in dem barbarischen Mittelaller recht tüchtig verschlammten."