Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1883)
- Date
- 1883-05-08
- Page
- Seite 305 (sequence 7)
- Language
- German
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305 gegen das manchesterlich - jüdische Bestreben wandte, Wohl-! thaten, die man den Arbeitern durch Gewährung von Arzneij Mitteln, Unterhaltung im Krankenhause u. s. w. gewähren wolle, durch Geld zu ersetzen, wie es die freien Hilfskassen; thäten". Hierauf ergriff der Abg. Löwe (Berlin) das Wort und bedauert, daß in den Worten des Vorredners jene antisemitische Verirrung zu erkennen sei, die in jener Partei wahrlich nicht zu ihrem Ruhme groß geworden. Die jüdischen, dem Manchesterthum angehörigen Arbeitgeber behandelten ihre Arbeiter sicher nicht schlechter als andere, und man habe nicht von solchen Wahlbeeinflustungen ihrerseits gehört, wie sie! auf jener Seite vorgekommen. Biele der Konservativen verdanken ihr Mandat derartigen Beeinflussungen der Arbeiter durch ihre Arbeitgeber. (Rufe: Lanschner!) Vielleicht habe der heftige Wahlkampf, den der Abg. Lohren gegen den frühern, dem jüdischen Glauben angehörigen Mendel zu bestehen gehabt, in ihm die Ansicht erweckt, daß er jetzt den Abg. Hirsch, den Glaubensgenossen Mendels, dies entgelten lasten müste. — Wir unsererseits können doch die Bemerkung hierbei nicht unterdrücken, daß in diesem Krankenkastengesetze von den Konservativen die Bevormundung der Arbeiter in einem so hohen Grade angestrebt wird, daß die Unzufriedenheit der Arbeiter immer mehr wachsen und sie dem Socialismus in die Arme treiben wird. — Der Redakteur des antisemitischen „Deutschen Tageblatts" wurde vom Schöffengericht zu 5 Mark Geldstrafe verurtheilt, weil er einem Berkäufer, dem er einen un-I redlichen Verkauf in seinem Blatte nachgesagt, die jüdische^ Konfestion vorgeworfen hatte. Der Gerichtshof hatte nicht zu enffcheideu, ob wirklich ein Betrug vorliege; die Verurtheilung des Angeklagten „mußte wegen der Hineinziehung der Konfestion des Klägers ausgesprochen werden". — Wir dürfen uns nicht einbilden, daß der Antisemitismus aus der Hauptstadt des deutschen Reiches völlig geschwunden sei. Als in einer gestrigen Versammlung des Potsdamer Thorbezirksvereins unter dem Vorsitz des Abg. Knorke der Vortragende Rath im Justizministerium, Geh. Ober-Justizrath Starke einen sehr anregenden und interessanten Vortrag über „die Nothwendigkeit der Mitwirkung des Publikums in der Sorge für die Besserung entlassener Strafgefangenen gehalten hatte", entblödete sich ein junger Mann nicht, ganz ungehörige antisemitische Schimpfereien vorzubringen, und als ihm das Wort entzogen worden, machte eine Schaar junger Leute einen so fürchterlichen Lärm, daß der Vorsitzende die Versammlung schloß. Man sieht also, daß diese antisemitische Rotte noch immer nicht geneigt ist. Ruhe zu halten. Hamburg, 26. April. (Privatmitth.) Die Hydra des Antisemitismus fängt nun wieder einmal an hier in der freien Stadt, der Stadt Lessings und Rieffers, ihr mißgestaltet Haupt zu erheben, trotzdem bereits vor zwei Jahren ein schüchterner Versuch (dessen Seele Or. Henrici war), die Bewegung hierher zu verpflanzen schmählich Fiasko machte. — Damals war es in erster Linie der löblichen Polizei unserer Stadt zu verdanken, daß der Versuch im Keime erstickt wurde, indem es Henrici nicht gestattet wurde auf Hamburgischem Gebiete öffentlich zu sprechen; obwohl nun die Altonaer Polizei es erlaubte, mußte Henrici s. Z. unter einem fast einstimmigen Pereatrufen und Pfeifen die Rednertribüne verlassen. Wie aus nachstehendem Cirkular ersichtlich, das irrthümlich an die Adresse eines ehrenwerthen, also nicht antisemitischen Kaufmanns gelangte, scheinen die wenigen hiesigen Heißsporne des Antisemitismus es wieder einmal versuchen zu wollen, die Angelegenheit in Fluß zu bringen. Bon dein erleuchteten Senat unserer Stadt steht aller-! dings zu erwarten, daß die hier künstlich heraufzubeschwöj rende Bewegung im Keime erstickt wird und wie allgemein ' verlautet, soll die löbl. Polizeibehörde bereits ihr Augenmerk auf die Aufwiegler gerichtet haben, und sind hoffentlich heute , an maßgebender Stelle keine andern Principien die leitenden, wie vor zwei Jahren. Das famose Schriftstück lautet: „Seit Monaten schon versammelt sich alle 14 Tage eine Anzahl von Herren, den verschiedensten Berufsklasten und politischen Parteien angehörend, um über einen Gegenstand ihre Meinungen auszutauschen, welcher alle in gleichem Grade interestirt, nämlich die Judenfrage. Da jedoch ein bloßer Meinungsaustausch an den zu beseitigenden Uebelständen nichts ändern würde, haben wir folgende Zwecke in's Auge gefaßt: 1) Die Vereinigung aller Antisemiten Hamburgs und seiner Umgebung. 2) Die Aufklärung derjenigen, welche von der Judenpreste beihört, den Juden für würdig der Gleichberechtigung mit den Völkern des Abendlandes halten. \l) 3) Die Verbreitung antisemitischer Preßerzeugniste durch Auflegung in öffentlichen Lokalen, sowie auf jedem anderen Wege. Es ist uns nicht unbekannt, daß gerade die Judenfrage bei der innigen Mischung jüdischer und nicht-jüdischer Interessen sehr vorsichtig behandelt sein will. Wir haben deshalb > von der Bildung einer förmlichen Gesellschaft Abstand ge-! nommeu und lassen unsere Zusammenkünfte völlig zwanglos ftattsinden. Dieselben legen weder eine pekuniäre noch irgend eine andere Verpflichtung auf und können für den Theilnehmer in keiner Hinsicht kompromittirend wirken. Ich verdanke Herrn Kümpel die Mittheilung, daß Sie, geehrtester Herr, mit uns der Ansicht sind, der gegenwärtige Zustand der Berjudung sei eine Schmach und ein Unglück für jedes von ihm betroffene Land.