Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1883)
- Date
- 1883-05-08
- Page
- Seite 301 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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301 zu dem Zwecke statt, Mmosen nach Jerusalem zu schicken. Erst unserm Jahrhunderte war es Vorbehalten, allgemeinere, nicht durch die Oertlichkeit begrenzte Verbindungen innerhalb des Judenthums zu schaffen. Es ist bemerkenswerth, daß es zuerst Unterstützungsvereine für jüdische Lehrer, dann für Studirende, weiterhin für Waisen, Taubstumme und Blinde waren, die zu größeren Associationen veranlaßten. Innerhalb der letzten Jahrzehnte nun dehnte sich diese Tendenz zu Vereinen für allgemeine Zwecke aus, welche entweder große Ländercomplexe befaßten oder ohne alle geographischen Grenzen blieben. So entstand die Alliance israelite universelle, die Wiener Allianz, die Anglo-Jewish-Association, der deutsche Gemeindebund, die Union amerikanischer Gemeinden. Rühmlichst hervorzuheben ist, daß all' diesen Vereinen die humansten Zwecke einwohnen. Weder religiös-fanatische Gedanken, noch irgend welche materielle Jntereffen liegen ihnen zu Grunde. Die intellectuelle und moralische Hebung und die religiös-sittliche Stärkung, sowie die Beseitigung des Druckes, der in den halbcivilisirten Ländern noch gegen die Juden geübt wird, dies allein sind die Aufgaben, welche sich jene großen Vereine gestellt und die sie bis jetzt mit Eifer und Anstrengung verfolgt haben. Es war vorauszusctzen, daß trotzdem diese Vereine auf Gegner und Verleumder stoßen werden, welche die Juden wehr- und widerstandslos haben wollen und deshalb jede Kräftigung für dieselben perhorresciren. Sie haben jene Vereine in mannichfaltiger Art verleumdet und aus ihrer Existenz neue Anklagen gegen die Juden geschmiedet. Allen diesen Gehässigkeiten tritt der einfache Umstand entgegen, daß diese sämmtlichen Vereine jederzeit alle ihre Vorgänge und Handlungen durch periodische Druckschriften der Oeffentlichkeit mittheilen, so daß über ihre Tendenzen und Mittel auch nicht das schwächste Dunkel herrscht, sondern diese der Kenntnißnahme für Jedermann zugänglich sind. Man braucht deshalb hierüber kein Wort zu verlieren. Die genannten Vereine habe» durch die Ereigniffe in Rußland und die Folgen derselben gewissermaßen eine Krise durchgemacht, mit etwaiger Ausnahme des deutschen Gemeindebundes, dessen Tendenz außerhalb jener traurigen Erscheinungen lag. Sie mußten beweisen , und zwar unter den drängendsten Umständen, was sie wollten und was sie vermöchten. Eine verhältnißmäßig ungeheure Masse von Flüchtlingen hatte sich nach den Weftgrenzen des Czarenreiches gewälzt und es kam darauf an, diese längere Zeit zu unterhalten, nach freieren Ländern zu schaffen und zum Theil zu repatriiren, als Ruhe und Sicherheit in den russischen Provinzen wieder hergestellt war. In der anerkennenswerthesten Weise haben die Vereine in dieser mißlichen Lage ihre Aufgabe begriffen und alle Kräfte angestrengt, um sie in möglichst angemessener Weise zu lösen. Allerdings reichten ihre eigenen Kräfte hierzu nicht aus; es mußten alle Menschenfreunde, ohne Unterschied der Confession, zur Beihilfe aufgefordert werden; es mußten sich noch besondere zeitweise Vereine bilden, um den Zweck annähernd zu erreichen, wie das Berliner Comite, das des Liansion House, des Hilfsvereins zu New-Zork. Gegenüber jenen antisemitischen Wühlereien bildet die allgemeine Theilnahme an dem Hilfswerk, die Bethcilignng der bedeutendsten Männer aller civilisirten Staaten an der Rettung jener unglücklichen Verfolgten eine schöne Seite auf den Geschichtstafeln der neuesten Zeit. Wie dem aber auch sei, die Vereine, von denen wir hier sprechen, namentlich die Alliance israelite universelle, die Wiener Allianz und die Anglo-Jevrish-Assoziation hatten hier die volle Gelegenheit, die Nothwendigkeit und Tragweite ihrer Existenz zu erweisen, und haben dies in würdigster Weise gethan. Jetzt, nach wiedereingetretener Ruhe, haben sie ihre stetigen humanen Bestrebungen wieder fortzusetzen. Wenn man den Auslassungen der Antisemiten Glauben schenkt, so schwimmt die Alliance isr. univ. nur so in den Millionen herum. Sie könnten, wenn sie die Wahrheit liebten, wie sie es nicht thun, sich vom Gegentheil aus dem vorliegenden Semestrial-Bülletin der Alliance vom Gegentheil überzeugen. Die Ausgaben vom 1. Juli bis 31. Dec. 1882 betrugen: Frcs. 167,15.0. Um diese zu decken, reichten die Einnahmen nicht aus, und konnte dies nur durch die Freigebigkeit des Barons von Hirsch geschehen, der den Ausfall mit Frcs. 40,274 deckte, nachdem er außerdem für den Unterricht von Lehrlingen Frcs. 17,010 gespendet. Ohne diese Liberalität eines Einzelnen hätten fast 60,000 Frcs. von den Fonds entnommen werden müssen. Jene Leute würden sich doch wohl beschämt fühlen müssen, wenn sie aus den revidirten Rechnungen erfahren, daß von der angeführten Ausgabesumme für Schulzwecke Frcs. 117,306, und außerdem für die Ackerbauschule zu Jaffa Frcs. 18,202 verausgabt worden. Wenn durch irgend Etwas, so werden durch diese Zahlen die eigentlichen Tendenzen und Zwecke der Alliance charakterisirt. Tie Fonds der Alliance beliefen sich am 1. Januar 1883 auf Frcs. 100,630, für eine so ausgedehnte Gesellschaft gewiß nur ein geringes Vermögen. Allerdings hat die Alliance noch eine Million Frcs., eine Gründung des Baron Hirsch, in Händen, deren Zinsertrag jedoch ausschließlich für „die Erziehung der israelitischen Jugend in der Türkei" bestimmt ist und verwendet wird. Uebrigens sind die Schulen der Alliance Zöglingen aller (Suite geöffnet, und in der That werden diese in Adrianopel, Kaiffa, Mehdia, Rustschuk, Salonichi, Samakoff, Smyrna, Sofia, Tatar-Bagardjik, Tunis und Varna von christlichen und mohamedanischen Schülern und Schülerinnen, wenn auch nicht in größerer Zahl, besucht. Die sämmtlichen Schulen der Alliance werden von 7674 Zöglingen besucht, von wel- 19