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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-05-01 · Heft 18 (1.5.1883) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 18 (1.5.1883)
Date
1883-05-01
Page
Seite 294 (sequence 12)
Language
German
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294 also, daß wir uns Vieles abzufragen hatten und erst lange werkszeuge eines Revolutionsmannes gehörten. Ehrlich und nach Mitternacht heimkamen. selbstlos hatte er zur Sache der Freiheit gehalten und war Moriz Hartmann kannte Stadt und Leute wie Wenige, wie Alle, die sich mehr vom Jnstincte als von dem überleg- und ich konnte von keinem Befferen orientirt werden. Er wußte auch über alle Flüchtlinge Bescheid, die, aus ihrer Heimath Oesterreich verbannt, in der Weltstadt an der Seine noch um das tägliche Brot zu ringen oder schon ihre Existenz gegründet hatten. Es lag mir am Herzen, von dem Einen samen Verstände fortreißen lasten, bis an die schroff abfallenden Abgründe der Revolution vorgeschritten. Nachdem die Bewegung niedergeworfen war, entkam er mit Mühe und Noth durch die Flucht den Verfolgern, die ihn ohne Zweifel zum Tode durch heißes Blei begnadigt hätten, und Andern zu erfahren, und mein Herz fand sich jedesmal j Das war die erste Häutung, welche der Rabbinats-Canerleichtert, wenn ich eine günstige Auskunft erhielt. Es that j didat an sich vollzogen hatte. Die zweite glückte ihm bester mir wohl, daß in der Fremde nicht verdorben, die für diej und war ungefährlicher. Neber den schwanken Nothsteg, unter Heimath vogelfrei erklärt waren. Förmlich mit banger Be-> dem die Wildwaffer tosten, hatte er sich in das Handels sorgniß fragte ich nach dem Flüchtlinge Simon Deutsch, derj Comptoir gerettet. Man muß, um kaufmännisch groß anfangen gewiß nicht weich gebettet sein konnte, da er, wenn unprak-^zu können, Geld, viel Geld haben. Deutsch hatte sich durch tisch wie in der Heimath geartet, schlimmer als Andere daran > die Revolution wahrlich nicht bereichert; er fand aber in sein mußte, die sich mit Correspondenzen und literarischenParis Madame Strauß, die Freundin Börne's, welche dem Arbeiten, für die sich sein schwerfällig gelehrter Habitus nicht! armen Flüchtling die Fonds zur Einrichtung seines Geschäfts eignete, schlecht und recht durchhalfen. „Wie geht es dem! vorstreckte, das namentlich wegen der Handelsbeziehungen, die armen Teufel?" fragte ich, und Hartmann anwortetc mit'er mit dem Orient eröffnet, prosperirte. einem sonderbaren Lächeln: „Den wollen wir morgen de-! Die praktische Richtung, die er mit Erfolg eingeschlagen, suchen," und wechselt den Gesprächsstoff.! entfremdete ihn aber nicht der Politik, sondern diese wurde Unser erster Besuch am nächsten Tage galt dem Freun- > erst recht sein Steckenpferd, das er mit Paffion tummelte, de Simon Deutsch. Ich glaubte mich im Speditionsraume! Ein Anderes war es mit seinen hebräischen Studien, die er eines großen Kaufherrn zu befinden, als mich Hartmann mit' ganz und gar aufgab. Und doch hätte Jedermann in ihm, dem alten Kameraden zusammenbrachte, und war nicht wenig - trotzdem er sich thunlichst emancipirt hatte, nicht den Kauferstaunt, diesen als unumschränkten Herrn und Gebieter schalmann, sondern immer wieder den Rabbiner erkannt, zumal ten und walten zu sehen. Wie ein Hamburger Rheder gab j wenn er sprach. Der letzte Trödeljude vermochte mehr als er sich und traf, während er mit uns plauderte, Verfügungen, i er seine Zunge zu beherrschen. aus denen ich entnehmen konnte, daß er außer dem Pariser! Ich ging eines Tages mit Hartmann und Sigmund Hauptgeschäfte noch Commanditen in Belgien, in der Mol-! Kolisch über das Boulevard des Italiens, und zwar zur dau und in Konstantinopel hatte. Wie überraschend das Börsenzeit, in der man auf dieser relativ langen Straßenfür mich, es war dennoch richtig, daß sich aus dem unprakstrecke mehr das „geliebte Deutsch" als Französisch hörte, tischen Rabbinats-Candidaten, dem ich nicht zutraute, mit Freund Simon kam uns entgegen. „Da wären wieder einseinem Talente sich die bescheidenste Existenz schaffen zu können, j mal glücklich vier Juden beisammen." meinte Kolisch. — ein tüchtigerMeschäftsmann entpuppt hatte. „Freund Johannes ist ja doch kein Jude," corrigirte Hart- Hebräische Studien hatte er in Wien getrieben und war i mann. — „Dafür gilt unser Simon, ehrlich gewogen, für eifrig darüber her, nach einem Manuscripte der Hofbibliothek zwei Juden," replicirte Kolisch, der immer förmlich in Nerdas Wörterbuch des Menachem ben Seruk herauszugeben, venkrämpfe verfiel, wenn die semitische Race durch das Derlei literarische Arbeiten tragen gewiß keinen reichen Ge- „Mauscheln" verrathen wurde, was bei Deutsch der fast entwinn und höchstens die „goldene Medaille für Kunst und setzliche Fall war. Wistenschaft" ein, mit der er auch factisch ausgezeichnet wurde. Trotzdem und abgesehen von solchen störenden Formfeh- Die Revolution machte ihn diesen Studien abwendig, und er lern war Deutsch ein verläßlicher Freund und in aufopfernwarf sich kopfüber in die Bewegung. Wie weit seine Bor-! der Weise für Jene thätig, die mit seinen politischen Ansichbildung für die politische Laufbahn langte, mag man daraus ten nicht contrastirten. Selbstverständlich war er ein erbitterter beurtheilen, daß er eines Tages ganz erhitzt in das Kaffee- Feind der napoleonischen Herrschaft und allezeit bereit, wo haus kam und geärgert rief: „Sie wollen uns nur Eine Kamdieser offen oder geheim etwas am Zeuge zu flicken war. mer gestatten; ich werde aber nicht ruhen und rasten, bis Als ob er das zweite Kaiserreich gestürzt hätte, gebcrdete er ich noch die zweite herausbringe." Nachgerade arbeitete er sich wohl, wenn auch nicht in den Geist der Politik, doch in sich, nachdem es zu Falle gebracht war: sein Siegesübcrmuth mußte ihn folgerichtig zu den gefährlichsten Demonstrationen die stadtläufigen Phrasen hinein, die gleichsam zum Handführen.

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