Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1883)
- Date
- 1883-05-01
- Page
- Seite 295 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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295 Seine Eitelkeit, wie die Gegner, oder sein Ehrgeiz, wie die Freunde es tauften, verleitete ihn, in prononcirter j Borliebe mit hervorragenden Persönlichkeiten zu verkehren; gleichsam durch einen geheimen Zauber fühlte er sich zu politisch stark Compromittirten hingezogen. Das brachte ihn während und nach der Commune in Paris in die Gefahr, wenn nicht sein Leben, doch die Freiheit zu verlieren. Als die Herrschaft der Communards gebrochen war, kam ich mit Mühe und Noth nach Paris. Bon St. Denis weg und unweit von den Feldern, wo das Scheusal Troppmann seinen verruchten Massenmord begangen hatte, wanderte ich zu Fuß, weil ich mich nicht durch die unverschämten Forderungen der Miethkutscher maßregeln lasten wollte, gegen die Stadt und wartete auf gut Glück, ob die Zugbrücke niedergelaffen und mir der Einlaß gestattet würde. Ein Mann aus dem Volke trug mir bis dahin mein Gepäck und noch eine lange Straßenstrecke über der Brücke, bis ein Wagen, der mich aufnahm, zufällig des Weges kam und mich nach dem „Hotel de Bade" brachte, wo ein Engländer und ich die einzigen Pastagiere waren. Schon bei der Einfahrt machte ich die Wahrnehmung, daß ich nicht das lustige Paris von früheren Jahren, sondern eine durch die letzte Katastrophe verwüstet und unheimlich verschüchterte Stadt finden sollte. Es war ein trüber und nebeliger Abend; die Straßen, durch die ich fuhr, waren wie ausgestorben, und öde und verlasten sogar die Boulevards, die sonst durch ein Lichtmeer taghell beleuchtet waren. Die meisten Boutiquen waren geschlossen, und nur in der einen und andern flackerten kärgliche Lichter, was sich durch die Zerstörung der Gasleitungen erklärte. Ein solcher Abend war nicht verlockend, sofort das zerstörte Paris anzusehen. Als ich am nächsten Morgen ausging, sah ich die Zerstörung allerwegen. Noch rauchten die Trümmer des Stadthauses und des verwüsteten Theiles der Tuilerien, noch hatte ich über nicht weggeräumte Barricaden zu steigen, noch fand ich in versteckten und förmlich gemiedenen Seitengassen und auf den Uferböschungen der Seine halbverdeckte Leichen; das Standbild des corsischen Begründers der napoleonischen Dynastie lag in tausend Bruchstücken auf dem Bendömeplatze, der ober schon von Stadtsergeanten umstellt war, die eine Verschleppung dieser an der Kaiserzeit mahnenden Reliquien zu verhindern hatten. Auf meinen Rundgängen durch die Stadt, die nicht ani ersten, aber in den folgenden Tagen sich in der Peripherie erweiterten und bis an die Forts und Bororte von Paris erstreckten, war ich wiederholt Augenzeuge von ganz abscheulichen Fangscenen; es wurde nämlich eine eigentliche Razzia und Treibjagd auf angebliche Communards angestellt, und das Denunciantenthum wurde schwunghaft betrieben. Wer sich eines langjährigen Feindes oder unbequemen Gläubigers entledigen wollte, „verzündete" ihn bei der Polizei- oder Militär- Behörde. Erst nachdem ich mir so widerwärtige Hetzen angesehen, begriff ich vollkommen, warum mir Graf Hoyos, der für unseren Botschafter, den Fürsten Metternich, in Paris fungirte, bei einem Besuche aufs dringendste empfahl, nie ohne meine Paßlegitimation meine Behausung zu verlasten. Das war, wie ich jetzt erkannte, nothwendig, weil es ja einem muthwilligen oder boshaften Müßiggänger, dem mein Bollbart mißfiel, durch den Sinn fahren konnte, mich dem nächsten Posten als gewesenen Communard zn denunciren. Durch die empfohlene Vorsicht wurde aber eventuell eine solche Verhetzung sofort wettgemacht. Weniger vorsichtig war Simon Deutsch, welcher doch alle Ursache gehabt hätte, wenigstens für einige Zeit und so lange die Jagd nach Communards zum Sport der „Fanatiker der Ruhe" gehörte, Markt und Straße zu meiden, zumal er während der Zwischenherrschaft der Commune nicht müßig, wenngleich auch nicht direct betheiligt war. Er hatte mit dem Einen und Andern der Machthaber jenes Interims und namentlich mit dem Finanzkünstler verkehrt und diesem, mit dem er von früherher befreundet war, ein Diner im Cafe Riche gegeben. Diese Gastfreundschaft sollte ihm thcuer zu stehen kommen. Einer von den Gästen, die an Nebentischen Zeugen dieses Diners waren, und der wahrscheinlich für den ausgestandenen Schrecken während jener Zwischenherrschast sich dadurch revanchiren wollte, daß er Helfershelfer der Policisten wurde, hatte richtig den armen Deutsch als sein Opfer bezeichnet. Und so kam cs, daß dieser aus dem nämlichen Cafe, wo er den Amphitryon gespielt, weggeholt und hinter Schloß und Riegel gebracht wurde. Sein Berkehr mit einem stark Compromittirten, der flüchtig geworden, war hinlänglich, um ihn nach kurzem Verhöre, bei dem er sich wegen eines solchen brutalen Ueberfalles ungeberdig benommen haben mochte, in die Orangerie nach Versailles zu schicken. In dem Worte „Orangerie" liegt wahrlich nichts Schreckhaftes und vielmehr ein ganzer duftiger Frühling. Eine kurze Schilderung aber dürfte genügen, um die Ueberzeugung zu vermitteln, daß ein Aufenthalt darin während des Nachspieles der Commune geradezu entsetzlich war. In diesen Gewächshäusern, deren in reichem Blüthenschmuck stehende Bäume ins Freie geschafft waren, hatte man eine Zwischenstation für die eingebrachten Communards errichtet, die von hier nach den Forts und an die Pontons abgeliefert wurden. Tie Langräume der Orangerie waren dicht mit Gefangenen belegt, und zwar so, daß von der Rückwand gegen die Gartenseite deren Strohlager abzweigten, die gleichsam die Zinken eines Rechens bildeten, zwischen denen nur ein schmaler Durchgang war. Alt und Jung, Vornehm und Gering,