Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1883)
- Date
- 1883-05-01
- Page
- Seite 286 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227466--40772-3309189- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
286 mußten sich dort Juden niedergelasien haben, und eine Zeit lang war daselbst eine Lehrschule. Palästina war zur Zeit der zweiten Zerstörung Jerusalems in dem verhältnißmäßig bedeutenden Umfange, in welchem die Juden es inne hatten, sehr stark bevölkert und zählte wohl 5—6 Millionen Seelen, also fast so viel, wie sie gegenwärtig nach achtzehn Jahrhunderten zählen. Diese Bevölkerung, obgleich durch den Krieg etwas herabgemindert, ergoß sich nunmehr über die ganze damalige civilisirte Welt, nachdem sie bereits 3 Jahrhunderte hindurch große Schaaren von Colonisten nach allen Weltgegenden entsandt hatte. Diese Entleerung Palästinas von seiner jüdischen Bewohnerschaft vollendete sich nach dem Aufstande des Bar Kochba. Es war also immerhin eine beträchtliche Bolksmafse, die auseinanderfloß und in den verschiedensten Orten sich theils den schon bestehenden Gemeinden anschloß, theils neue Wohnstätten sich gründete. Dabei war sie sehr beweglich, ward bald hier, bald dort von einem Sturm der Verfolgung ergriffen und weiter getrieben, theils folgte sie freiwillig den Heeren und Ansiedlungen der Römer und fand selbst in den entlegenen, noch halb barbarischen Provinzen gastliche Aufnahme. Es ist daher sehr übertrieben, wenn Renan von den geringen Massen spricht, welche direkt aus Palästina stammten, oder doch palästinensischen Juden entsprungen wären. Wie gesagt, die gegenwärtige Anzahl der Juden ist nicht viel stärker als die der gezwungenen Auswanderer aus Palästina, abgesehen davon, daß alle, oft volkreiche Colonien, die von Alexander an bis zum Falle Jerusalems bereits bestanden, auch unmittelbar aus Palästina stammten. Diejenigen, welche Palästina verließen, nahmen ein bereits durchaus befestigtes Gesetz und eine unüberwindliche Anhänglichkeit an demselben; mit und brachten es denjenigen Colonien zu, welche der tral ditionellen Entwickelung des Gesetzes fern geblieben waren. -Die Schulen Hillel's und Schammai's hatten bereits das i Fundament des traditionellen Gesetzes in fester und selbst {systematischer Weise gelegt und das Bauwerk auf demselben ^gestaltet. Innerhalb desselben nahm das Ehegesetz einen i vollen Raum ein, und mit diesem war der Vermischung mit j anderen Volkselementen eine starke Schranke gezogen. Bon I hier aus haben wir also die Diaspora ins Auge zu faffen, > und zu diesem Ende einige Jahrhunderte zurückzugehcn. vw cpvu&c fj tyCcw. Deutschland. i Paderborn, im April. Die „Israelitische Waisen-Er-! ziehungs-Anstalt für Knaben und Mädchen aus Westfalen! und Rheinland" hat ihren 23. Jahresbericht — die Anstalt! besteht jetzt 26 Jahre, begann mit 2 Zöglingen und zählte jetzt 50 — veröffentlicht. Man kann derselben nachrühmen, daß sie in diesem Zeitraum 180 Waisen Pflege und Erziehung gewährt hat, wodurch sie allerdings weniger befähigt war, große Fonds zu sammeln, aber auch desto rascher und umfänglicher in Wirksamkeit trat. Im verfloffenen Fahre hat sie zehn Zöglinge (6 Knaben und 4 Mädchen) entlasten und zehn Waisen (4 Knaben und 6 Mädchen) ausgenommen. Der Bericht spricht sich über die Leistungen der Anstalt sehr befriedigt aus und befinden sich auch die finanziellen Verhältnisse in blühendem Zustande. Die Hauptquelle der Einnahmen bilden noch immer die gestifteten Jahrzeiten, die im verflossenen Jahre sich aus 11,670 Mk. beliefen. Die Bermächtnisie und besonderen Gaben betrugen 9286 Mk., die Collectengelder 5389, die Zinsen 5207. Die Summe der Einnahmen waren 37,555 Mk., die Ausgaben 32,435, so daß also der Bestand der im Vorjahre 638 Mk. betrug, diesmal sich auf 5119 Mk. erhob. Zur Richtigstellung wollen wir nur noch bemerken, daß in obiger Einnahme und Ausgabe 3000 Mk. verlooste und neu gekaufte Werthpapiere enthalten sind. Der Nominalwerth der im Besitze der Anstalt befindlichen Werthpapiere beläuft sich auf 135,853 Mk. Somit hat sich die Anstalt aus den unbedeutendsten Anfängen, die nur eine so muthige Seele, wie das verewigte Fräulein Fanny Nathan besaß, zum Beginne ihrer Thätigkeit veranlaffen konnten, zu einem zwar noch schwach fundirten, jedoch in der guten Meinung des Publikums prosperirenden Institute erhoben, dem der gedeihlichste Fortbestand zu wünschen ist. Meininge«, 15. April. (Privatmitth.) Am gestrigen Tage fand die Einweihung der im maurisch-byzantinischen Style neuerbauten Synagoge statt, nachdem am Abend vorher eine schöne Borfeier vollzogen worden. Es sind jetzt beinahe 5 Jahrhunderte verfloffen (1384), daß die damalige Synagoge zu einer christlichen Kapelle umgewandelt worden, nachdem schon 1349 die zahlreiche Judenschast auf die Denunziation einer Dienstmagd, die gerade durch das Ghetto gegangen sei und von den Juden gehört haben wollte, daß sie sich verschworen hatten, die Christen zu überfallen und zu tödten (!!!), ausgerottet wurde, i) Die Einweihungsfeier 1) Die Chronik der Stadt Meiningen, welche darüber ausführj lief) berichtet, erzählt auch, daß zwei Bürgerssöhne zwei sehr schöne! Jüdinnen hätten retten und heirathen wollen unter der Bedingung,! daß sie sich taufen ließen; die beiden Mädchen aber hätten sich dessen > geweigert, wären zu ihren Eltern und Geschwistern geeilt, um mit | ihnen verbrannt zu werden. Corresv.