Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1883)
- Date
- 1883-04-24
- Page
- Seite 277 (sequence 11)
- Language
- German
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_27 und eine eingeborne muhamedanische Bevölkerung. Es fragte! und fragt sich daher, in wie weit diese Eingeborenen sich der europäischen Cultur nähern und assimiliren. Bekanntlich hat Cremieux als Mitglied der provisorischen republikanischen Regierung im October 1870 durch ein Regierungsdekret sämmtliche eingeborene Juden Algeriens naturalisirt, also für Franzosen erklärt. Den eingeborenen Muhamedanern steht es frei, sich naturalisiren zu lasten, wobei ihnen keinerlei Schwierigkeit in den Weg tritt. Wie haben sich nun jene Israeliten zu dieser Naturalisation gestellt? Es ist nicht allein aus ihrer Mitte keinerlei Protest ergangen, sie haben sich den ihnen dadurch auserlegten Pflichten, z. B. Rekrutirung der Civiltrauung, des französischen Erbrechts willig unterzogen, sondern sie strengen auch gegen mehrfache Versuche revolutionärer Judenfeinde, die Wiederaushebung jenes Decrets bei der Deputirtenkammer zu erwirken, nachdrücklich sich an, jeden dieser Versuche erfolglos zu machen. Unterdeß hat nur eine verschwindend kleine Zahl von Muhamedanern an der Erlaubnis zur Naturalisation Gebrauch gemacht. Daß dieses Verhalten der eingeborenen Israeliten nicht etwa bloß durch äußere Bortheile veranlaßt worden, sondern daß in ihnen ein aufrichtiger Bildungstrieb, ein bewußtes Streben nach Erlangung europäischer Cultur in überraschendstem Maße besteht, dafür können wir einen zistermäßigen Beweis liefern. Nach der letzten Volkszählung lebten in Algerien: 233,937, naturalisirte Israeliten 35,665, Fremde 189,944, Muselmänner 2,415,763. Die Elementarschulen wurden nun von 54,174 Zöglingen besucht; darunter: Franzosen 27,256, Israeliten 6,725, Fremde 17,305, Muselmänner 2,861. Hiernach kam ein Israelit aus 5, ein Franzose aus 9, ein Fremder auf 10 und ein Muselmann aus 844. Der Besuch israelitischer Zöglinge, Schüler und Schülerinnen übertrifft also selbst den der Franzosen fast um das Doppelte, während die muselmännische Bevölkerung dem Bolksschulunterricht fast ganz fern bleibt. Hierin ist ein Beweis gegeben für die Annäherung der Israeliten an die europäische Cultur, wie ihn selbst der erbittertste Judenfeind nickt weg leugnen kann. Es ist dies um so wichtiger, als sich die eingeborenen algerischen Israeliten von den übrigen orientalischen Juden in nichts unterscheiden, also hiermit zugleich ein Beweis für die Culturbefähigung der orientalischen Juden überhaupt gegeben ist. — Ter Budget-Entwurf für das Jahr 1884 stellt für das Personal des israelitischen Cultus 170,9i;0 Frcs., für das israelitische Seminar 32,000 Frcs. aus, außer dem Unterstützung für die Gebäude des protestantischen und des israelitischen Kultus 10<tz0(>0 Frcs., ohne daß jedoch angegeben wird, in welchem Verhältnis; an dieser Summe der protestantische und der israelitische Kultus betheiligt sino. Paris, im April. Unsre Leser werden sich erinnern, daß vor einigen Jahren die hiesige portugiesische Ge- 7 _ meinde in großer Verlegenheit sich befand, da ihr ihre (gemiethete) Synagoge gekündigt worden und sie die Mittel nicht aufzubringen wußte, eine neue zu erbauen. Nur durch das freigebige Entgegenkommen eines ihrer Mitglieder wurde es ihr schließlich ermöglicht, und zwar in dem Augenblicke, wo ihre Auflösung unvermeidlich erschien. Um so erfreulicher ist es, daß diese Gemeinde sich jetzt im raschen Ausblühen befindet. Am 1. März war sie im Stande, durch die Spenden von 111 Glaubensgenossen die erste Hälfte der Hypothekenschuld mit 30,000 fr. zu tilgen. Statt im Jahre 1888, wird sie im Stande sein, schon in den nächsten Jahren ihre Synagoge von jeder hypothekarischen Schuld zu befreien. Ebenso konnte sie 26 Obligationen tilgen, so daß nur noch 1,109 derselben im Umlauf bleiben, (auf 2,500.). Ihr Budget für das nächste Jahr beläuft sich auf 21,000 fr. auf Einnahme und Ausgabe. Rußland. Moskau, im April. Wie in der Antisemitenzeit in Deutschland die bez. Preste über nichts mehr zu klagen wußte als über die starke Frequenz der höheren Lehranstalten durch die jüdische Jugend, so auch jetzt in Rußland. Der „K. Z." schreibt man: „Die Ssowannennija Jswestija « „die zeitgenössischen Nachrichten", ein Moskauer Panflawisteublatt) bringen, nachdem Gurko bekanntlich seine Klage wegen Ueberfüllung der Schulen des Südens durch Judenkinder beim Reichsrath eingereicht hat, eine Zusammenstellung aus Grund amtlicher Aktenstücke, in welcher nachgewiesen wird, daß in Odcsta im Jahre 1881 auf 1000 christliche 352 jüdische Schüler kamen (in Wilna 266 auf 1000 u. s. w.), und daß wenn jüdischerseits der Schulbesuch dem Verhältniß gemäß gewachsen ist, heutzutage schon über die Hälfte der Schüler mosaischer Confession sein mußten. Daraus zieht nun das Moskauer Blatt den Schluß, daß schließlich ganze Gegenden Rußlands verjüdeln werden, denn seiner Meinung nach bilden sich aus einem großen Theile der jüdischen Schüler jüdische Lehrer hervor, sodaß die Schulen am Ende ganz in die Hände der Juden fallen, was allerdings eine große Gefahr für das Reich des weißen Zaren mir den berühmten „103 Millionen" bedeuten würde. Es spricht übrigens eigenthümlich für das Bildungsbcdürsniß der russischen Bevölkerung, das; sie es den jüdischen Kindern erlaubt, sich schließlich ganz allein auf den Schulbänken zu vergnügen." — Daß die oben angeführten Zahlen insofern keine Bedeutung haben, als das numerische . Verhältniß der jüdischen und christlichen Bevölkerung nicht angegeben ist, sieht man leicht ein. So erscheint in Bezug auf Wilna das Verhältniß der jüdischen Schüler zu den christlichen nach dem dortigen Bevölkcrungsverhältnif; durchs ans nicht abnorm. Uebrigens giebt cs auch aus diesem Gebiete ein Terminus n.1 «in.-in. und ein noch weiteres