Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1883)
- Date
- 1883-04-24
- Page
- Seite 276 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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276 und daß es zustimmen wird, daß diese Anerkennung des hohen Hauses im Protocolle der heutigen Sitzung verzeichnet werde. (Zustimmung.)" Wien, 7. April. Ein Delegirter der in Odessa ansässigen österreichischen Juden hatte, wie die „N. fr. Pr." meldet, gestern eine Audienz beim Minister des Aeußeren, Grafen Kalnoky, um dessen schleunige Intervention zum Schutz gegenüber einer russischen Regierungs-Maßregel zu erbitten, welche im Widerspruch mit dem österreichisch-russischen Handelsvertrag verfügt und trotz aller nach russischen Gesetzen erlaubten Rekurse nicht zurückgenommen wurde. GrafJgnatieff hatte kurz vor feiner Demission verordnet, daß alle ausländischen, in Rußland domicilirenden Juden ausnahmslos ohne Rücksicht darauf, ob sie große' oder kleine Kaufleute, Bedienstete oder Handwerker sind, nach dem Steuersatz der ersten Gilde, d. i. mit etwa 1000 Rubeln jährlich, besteuert werden. Der Hinweis darauf, daß die österreichischen Staatsbürger kraft des Handelsvertrages nicht ungünstiger behandelt werden dürfen, als die russischen Staatsangehörigen, welche durch jene Verfügung nicht betroffen wurden, sowie alle Einwendungen, die erhoben wurden, blieben bisher fruchtlos. Die russischen Behörden stellten vielmehr den ausländischen Juden bis zum 1. Mai eine Frist, binnen welcher sie entweder der Steuerforderung entsprechen oder zur Liquidation schreiten müffen. Die Angelegenheit bildet auch bereits den Gegenstand diplomatischer Auseinandersetzungen. Graf Kalnoky, welcher sich vollkommen unterrichtet zeigte, versprach dem Delegirten die thunlichstc Beschleunigung der diplomatischen Schritte und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sich ein modus vivendi finden werde. Wien, 12. April. (Privatmitth.) Die Familie des verstorbenen Rabbiners Schreiber erklärt den jüngst veröffentlichten Brief des letzteren, in welchem dieser erklärte, er besitze die Macht „zu lösen und zu binden :c." für apokryph, und ich halte es für Pflicht, desien zu denken. Leider bleibt noch genug übrig, was den Verstorbenen belastet. Zu seiner Entschuldigung kann nur gesagt werden, daß er ein Mann von sehr beschränktem Gesichtskreise war und er sich von Personen inspiriren ließ, die die Tragweite der Action kannten, welche aber aus Herrschsucht handelten, denen es bloß darauf ankommt trx-c ■}$>' *d, und sie wollten eben die Führer sein. Betrübend ist es jedoch wahrzunehmen, daß sich in Galizien 300 Rabbiner fanden (allerdings mag darunter eine besondere Sorte von Rabbinern sein), die sich ins Schlepptau nehmen ließen, und was müffen das für Gemeintzen sein, wo derartige Rabbiner fungircn. Wahrlich hier ist ein großes Culturwerk zu verrichten und wäre es zunächst Pflicht Regierung, mit dem Chederwesen gründlich aufzuräumen. — Soeben geht mir eine Schrift: „Jüdische Lehre r jüdisches Leben", zu, deren Verfasser der nicht bloß Juden und Judenthum hochverdiente Josef Ritter v. Wertheimer ist. Ich denke diese Anzeige genügt für alle jene, die Sinn für Juden und Judenthum und für Humanität im allgemeinen haben. Sie werden mir jedoch gestatten, auf diese Schrift zurückzukommen. Pest, 9. April. (Privatmitth.) Trotz aller Versprechungen unseres Herrn Justizministers geschieht in der Tißa-Eßlarer Affaire nichts. Die Gattinnen der Schächter Samuel Buxbaum und Leopold Braun, welche sich nun schon seit elf Monaten in Untersuchungshaft befinden, wurden am 2. d. M. in Wien von Sr. Majestät in Audienz empfangen. Die armen Frauen flehten den Monarchen an, ihre unschuldig leidenden Ehegatten ihren Familien zurückzugeben. Se. Majestät versprach ihnen, ihre Angelegenheit prüfen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lasten, worauf die Frauen sich entfernten. An der Thür des Audienzsaales wandten sie sich nochmals um und baten den Monarchen, ihr Bittgesuch zu berücksichtigen. Se. Majestät beruhigte abermals die Bittstellerinnen, worauf diese, von bester Hoffnung beseelt, sich entfernten. — Dem Privatdocenten an der hiesigen Universität, Herrn vr. Berthold Stiller, wurde Titel und Charakter eines öffentlichen außerordentlichen Profeffors verliehen. Die Budapester Universität hat nun im Ganzen drei außerordentliche Profefforen jüdischen Bekenntnisses: Schwimmer, Böcke und Stiller, die alle drei der medicinischen Facultät angehören. Eine ordentliche Profeffur ist einem Juden an der hiesigen Universität noch nicht verliehen. — Der Gesetzentwurf über die Ehe zwischen Juden und Christen gelangt in der morgen stattsindenden Sitzung des Justizausschuffes und, wie verlautet, in den nächsten Wochen auch im Abgeordnetenhause zur Berathuug. Pest, 11. April. Der Justizansschuß des Abgeordnetenhauses nahm den Gesetzentwurf betreffend Eheschließung > zwischen Christen und Juden mit 6 gegen 5 Stimmen als | Grundlage für die Einzelberathung an. Der Justizminister! sprach sich dabei gegen die Aufhebung der kirchlichen Gerichts-! barkeit aus. Mehrere Redner bekämpften de» Entwurf und * verlangten Einführung einer wirklichen Civilehe.! Lemberg, 6. April. Der hiesige Gemeinderath hat in der gestrigen Abendsitzung den Landtags-Abgeordneten vr. Zucker trotz lebhafter Gegen - Agitation zum Bürgermeister- Stellvertreter gewählt. Frankreich. Paris, 2. April. (Privatmitth.) In Algerien findet, seitdem die Franzosen sich des Landes bemächtigt haben (1830», ein interessanter Culturproceß statt, der dereinst ein Blatt der Geschichte einnehmen wird. Reben den Franzosen und anderen europäischen Einwanderern, worunter natürlich auch europäische Israeliten, besteht eine eingeborene israelitische