Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1883)
- Date
- 1883-04-24
- Page
- Seite 273 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ersten Jahrhunderte des Christenthums ihrerseits unternommen haben, in welchen dieses dem Judenthume noch nahe stand und alsdann mit ihm in Conflikt gerieth, ein Conflikt, der seine Schatten bis in die Gegenwart hinein geworfen hat. Wir wissen die Unparteilichkeit einiger christlichen Forscher vollständig zu würdigen; aber sie wird ausgewogen von der Menge einmal obwaltender, über jene Zeiten ge- | breiteter Boruriheile, welche selbst dem wahrheitsliebenden: Kritiker schwer zu durchbrechen find, da am Ende auch er! von gewifien Voraussetzungen ausgeht, sowie von der Masse 1 derer, welche jede Andeutung, die zum Schaden der Juden! benutzt werden kann, ohne irgend welche Berücksichtigung der! Quelle begierig auffaffen. Was bis jetzt auf diesem Gebiete von jüdischen Kritikern geleistet worden, ist von dem eifrigen! Bestreben nach Unparteilichkeit durchdrungen. Nicht als ob' wir Juden nicht hinwiederum die Neigung hegen, unsere Vorfahren von den auf sie geladenen Anschuldigungen frei zu sprechen; aber gerade weil wir dem Vorwurfe der Voreingenommenheit allzusehr ausgesetzt sind, bemühen wir uns von vornherein, demselben möglichst vorzubeugen. Bon diesem Ernste aufrichtiger Kritik, die erst sucht und dann findet, nicht aber finden will, was sie sucht, ist auch Dr. Joel erfüllt, und es wird schwer sein, ihm ein Anderes nachzuweisen, obschon er vielen hergebrachten Meinungen entgegentritt. Nach einer Einleitung, in welcher er als den Gegenstand seiner Schrift den Versuch bezeichnet, zu zeigen, wie der literarische Kampf, den die christlichen Autoren gegen das heidnische Rom im zweiten Jahrhundert zu führen hatten, eine starke Rückwirkung übte auf ihre Darstellung des jüdischen Verhaltens gegen das Christenthum, handelt er zunächst: „Zur Lage der Christen im zweiten Jahrhundert und zu den gegen sie erhobenen falschen Anklagen." Justin und Tertullian bemühten sich, die Juden als die Urheber der infamiae, mit der das Heidenthum die Christen zu brandmarken suchte, zu bezeichnen, obschon nicht die leiseste Spur in einer jüdischen Quelle sich Nachweisen lägt, die zu einer solchen Behauptung den Anstoß bietet. Die Lügenhaftigkeit der Griechen und die bis zu Hadrian (117—138) im ganzen Gebiete des römischen Reiches noch immer vorgenommenen Menschenopfer gaben Gelegenheit genug, den Christen den Gebrauch des Menschenblutes zu imputiren. Gerade diese falschen Behauptungen jener Kirchenväter veranlaßten das Mittelalter, jene Anschuldigungen auf die Juden selbst zu übertragen, wie z. B. der Befehl, einen gelben Flecken zu tragen aus einer solchen Quelle stammt. Das folgende Capitel führt die Ueberschrift: „Das officielle Rom in der christlichen Literatur des zweiten Jahrhunderts." Damals suchte die bedrängte Kirche sich gegen heidnische llebermacht dadurch zu schützen, daß sie eine milde Behandlung durch die früheren römischen Machthaber vorgab, und dafür einen Sündenbock in den Juden suchte. Das hierauf folgende Capitel: „Worin eigentlich die geschichtliche Sünde der Juden bestand?" erscheint uns als das wichtigste des ganzen Buches. Bon der Stunde ab, wo das Judenthum im Christenthum nicht mehr eine innerjüdische Hoffnung, sondern einen Gegensatz sah, zog sich das offizielle Judenthum von jedwedem Verkehr in Literatur und Disput zurück; man beschränkte sich auf einen völlig passiven Widerstand und versenkte sich in die Auslegung des Gesetzes, um mit den exegetischen Allegorien nichts zu schaffen zu haben. Philo und Josephus wurden ihm völlig unbekannt, und was man auch von da ab den Inden aufbürdete, wenn es nur auf Griechisch oder Lateinisch gesagt wurde, blieb ohne alle Widerlegung und konnte sich ungestört einnisten. Es ist dies ein so schwer wiegendes Verhalten, das von so traurigen Folgen begleitet war, daß es noch einer ausführlichen Behandlung werth ist. Wir unsererseits meinen, daß dieses Verhalten auch wesentlich daraus erfolgte, daß das eigentliche Geistesleben der Juden sich nach den unseligen Katastrophen in Palästina ganz in die Ostländer zurückzog und in den westlichen Ländern völlig erlosch. Eine Zeit lang sprühete noch der hellenisch-jüdische Geist einige Funken aus, wie sie uns in den sibyllinischen Srakeln aufleuchten. Dann war es in Egypten, Griechenland und Rom innerhalb der Juden völlig dunkel. Die babylonischen Juden aber kamen mit dem Christenthum und mit der westlichen Cultur wenig in Berührung. Es bildete sich deshalb bei ihnen eine Welt für sich, aus der sich namentlich jeder geschichtliche Sinn verlor. Die Juden im römischen N.iche aber kamen von der Theilnahme an der Literatur gä.'zlich ab. Von irgend welchem Einflusie in derselben keine 2r':tv. Es kam deshalb so weit, daß den Talmudisten jede Kenntniß der Vorgänge zur Zeit Jesu in Palästina völlig fehlte, so daß der Talmud seine Kunde über die Entstehungsz.il des Christenthums nur aus der evangelischen Tradition zeg. so gering auch das Maß deffen war, was aus dieser a:i ihn gelangte. Die Talmudisten waren ohne irgend eine s. lbstständige Ueberlieferung über Jesus, und Joöl zeigt sogar, daß die Angaben des Talmuds im Laufe der Jahre mit der veränderten christlichen Tradition sich gleichfalls ändern. Er weist dies gerade an den Berichten über den Proceß Jesu nach. Dieser Mangel an geschichtlichem Sinn dauerte durch das ganze Mittelalter bis einschließlich Mendelssohn fort; | auch den Rabbinen erschienen geschichtliche Erörterungen als! leere Dinge, und Mendelssohn erklärte noch, daß er an einer! geschichtlichen Darstellung nicht des Inhalts wegen, sondern! nur, wenn sie gut stylisirt ist, sich freue. Es war dies ein schweres Verhängiß für die Juden und die Entwickelung des jüdischen Wisiens und der jüdischen Cultur. — Im folgenden Capitel erörtert der Vers, den Unterschied des ersten : christlichen Jahrhunderts vom zweiten. Erst im letzteren ent-