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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-24 · Heft 17 (24.4.1883) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 17 (24.4.1883)
Date
1883-04-24
Page
Seite 271 (sequence 5)
Language
German
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\ 271 in das Erziehungswesen eingegriffen, ist nie dem Priesterj lebens als Ziel ihres Strebens betrachteten. Auch die nach stände das Recht zuerkannt worden, dasselbe zu leiten und! dem babylonischen Exil in allen größeren Orten des jüdischen zu controliren; cs war eine Angelegenheit des häuslichen § Landes entstandenen Synagogen hatten eine pädagogische Lebens. So groß aber auch die väterliche Gewalt war, so fand sie doch eine Schranke im nationalen Glauben. Denn je mehr die Anschauung durchdrang, daß Israel das auserwählte Volk Gottes sei, um so bestimmter mußte auch der Werth und das Menschenrecht des israelitischen Kindes der väterlichen Willkür gegenüber anerkannt werden; und so mußte auch der altsemitische Brauch, Kinder den Götzen zu Bedeutung, da in denselben durch Gebet und Schriftauslegung der nationale Sinn und Geist gepflegt wurde, den die Eltern auf die Kinder fortzupflanzen hatten. Denn, wie gesagt, im ganzen jüdischen Alterthum blieb die Erziehung Sache des Hauses und des Lebens; Elementarschulen gab es nicht. Das Borbild und das belehrende Wort der Eltern waren die Quellen, aus denen die Kinder ihren religiösen opfern, von welchem Brauche sich in der israelitischen Ge-^ Glauben, ihre sittlichen Lebensregeln, ihr Volksbewußtsein schichte noch Spuren finden, allmählich außer Uebung kom-- schöpften. Schulkenntniffe waren noch wenig Bedürfniß; das men, ja als Gottlosigkeit erscheinen. Die Richtschnur der! Lesen, in Ausnahmefällen auch das Schreiben, lernten die Erziehung war im mosaischen Gesetze, besonders in den Knaben von ihren Vätern, von denen sie zugleich in einen Zehngeboten gegeben. Und da dieselben als Ausdruck des! praktischen Beruf und in das öffentliche Leben eingeführt, höchsten Willens galten, also Gott selbst als König, Pädagog i zur Klugheit, Gewandtheit und Selbständigkeit angeleitet und Richter des Volkes betrachtet wurde (Theokratie), so war i wurden. Die Mädchen erhielten keinen Unterricht im Lesen die israelitische Erziehung eine entschieden religiöse. Die!und Schreiben, dagegen eine sehr sorgfältige Anleitung zu pädagogische Autorität der Eltern wurde aus göttlichem Auf-, weiblichen Handarbeiten (Spinnen. Weben, Kleidermachen :c.t, trage, ihr pädagogisches Verfahren aus göttlichen Vorschriften! zur Besorgung der Küche, zur Erhaltung der Reinlichkeit abgeleitet. Daß das Kind ein rechter Israelit, ein gehorsamer und Ordnung im Hause, überhaupt zur Führung der Wirth¬ und treuer Knecht Jehova's werde, war Hauptziel der Er-Zchaft. Als Ideal der weiblichen Erziehung galt einfach der ziehung. Mit dieser religiösen Richtung war zugleich die! Beruf der Gattin, Mutter und Hausfrau, Sittsamkeit, Fleiß, sittliche gegeben; denn das Gesetz Gottes zeichnete das Thun! Sparsamkeit und praktische Tüchtigkeit waren die Haupt- und Lasten des Menschen vor. Daß hierbei häufig die! lügenden des Weibes. Fortgepflanzt wurde diese altisraelitische bloße Gesetzlichkeit als Sittlichkeit gelten mußte, daß die! Erziehungspraxis lediglich durch die Nationaltradition: in Rücksicht auf materielles Wohlergehen eine starke Triebfeder ein pädagogisches Lehrgebäude ist sie nie gebracht worden, des Wollens und Handelns war, daß der israelitische National-! Aber Anfänge zu einer Erziehungstheorie finden sich allersinn und Nationalstolz den Herrn der Welt gern zum bloßen! dings schon bei den alten Juden. Ihre heiligen Bücher Volksgott machte, daß er in Dünkel und Selbstsucht, in Haß enthalten ernste Mahnungen zur treuen Unterweisung der und Verachtung gegen fremde Nationalitäten ausartete, zuweilen! Jugend; besonders aber widmet das Buch Sirach (um 200 auf gänzliche Ausrottung aller „Heiden" (nein, des Heidenv. Chr. verfaßt) den pädagogischen Verhältniffen eine thums!) sann, kann nicht bestritten werden. Gewiß ist aber auch, lebhafte Theilnahme. Da dasselbe von dem Satze ausdaß der israelitische Bolksgeist in den tonangebenden Trägern 'geht, daß der Mensch nicht böse geschaffen fei, sondern desselben sich allmählich zu einem edlen Cosmopolitismus, eben so leicht zum Guten als zum Schlimmen hingeführt zu reiner Humanität und zu reiner geistig-sittlichen Reliwerden könne, so macht es den Eltern zum großen Nachgiosität verklärt hat. Hierfür zeugt besonders das Propheten-! drucke für das Gerathen der Kinder verantwortlich und thum, dieses Nationalgewissen des israelitischen Volkes, wclempfiehlt ihnen strenge Zucht, gewissenhafte Ueberwachung. ches mit gleichem Freimuth gegen den Despotismus und die regelmäßige Beschäftigung der Kinder; auch das physische Lasterhaftigkeit der Fürsten, wie gegen die hierarchischen Ge- Gedeihen derselben legt Sirach den Eltern dringlich ans lüste der Priester und gegen die Engherzigkeit, die niedrige Herz, namentlich aber sollen die in den heiligen Schriften Gesinnung und Verstocktheit der Massen kämpfte." des Volkes ausgezeichneten Geschichten als Beispiele der „Die Propheten suchten den alten, von jedem Götzendienste Gottesfurcht und Tugend der Jugend vorgehalten werden, freien Glauben und die von den Vätern erc,bte Sittenstrenge Auch der jüdische Gelehrte Philo (im ersten Jahrhundert aufrecht zu erhalten; zugleich aber das Volk von nationaler unserer Zeitrechnung) vergißt bei seinen wissenschaftlichen Beschränktheit zu hochherziger Menschlichkeit zu führen; und Speculationen nicht, wie sehr das gesammte Volksleben von wenn sie sich auch zunächst nur an die Erwachsenen wenden der Erziehung der Kinder abhängig sei, wie denn von jeher konnten, so kam doch ihre Wirksamkeit auch der Jugend zu denkende Männer gegen den beginnenden Verfall ihrer Nation Gute, weil sie den Eltern das Gewissen schärften, überhaupt in der Heranbildung eines bessern Geschlechtes die stärkste die geistige und sittliche Gesundheit des gesammten Volks- Schntzwehr erblickten, freilich meistens zu spät." i

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