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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-17 · Heft 16 (17.4.1883) · p. Seite 262

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 16 (17.4.1883)
Date
1883-04-17
Page
Seite 262 (sequence 12)
Language
German
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262 Adresse und einen silbernen Pokal. — In diesen Tagen starb! zn Paris der Klaviervirtuos uud ComponistHeinrich Ketten,! Sohn des Borbeters Ketten am Consistorialtempel in Paris 5 (früher in Posen.) Er erreichte nur ein Alter von 35 Jahren. Er war im März 1846 zu Baja geboren, kam frühzeitig mit; seinem Vater nach Deutschland, der, sein Talent erkennend, ihm den ersten Clavier-Unterricht ertheilte; (als er 4 Jahre zählte, war er mit seinem Bater bei uns in Magdeburg, und setzte uns durch sein außerordentliches musikalisches Gehör noch mehr als durch seine in so zarter Kindheit erlangte Technik in das größte Erstaunen;) der Knabe machte aber so riesige Fortschritte, daß er schon, kaum 7 Jahre alt, in Posen sein erstes öffentliches Concert mit großem Orchester gab. Auf Anrathen Franz Lißt's übernahm Hans v. Bülow seine weitere Ausbildung; in den fünfziger Jahren kam Ketten nach Paris, vervollkommnete sich dort unter Marmvntel's Leitung; schon im Jahre 1860 drängte cs ihn, sich seinen Landsleuten vorzustellen und als 13 jähriger Knabe gab er im Pester Nationaltheater seine ersten Concerte mit großartigem Erfolg. Aus dieser Zeit datirt sein Ruf. Er concertirte in den meisten größeren Städten Europas, spielte an mehreren Hosen und erwarb sich sowohl als Compositeur wie als Clavier-Birtuos einen ausgezeichneten Namen. Bor zwei Jahren hatte er stxe Engagements in Amerika, auch da feierte er große Triumphe und in der letzten Saison sollte er in Petersburg, Moskau, Berlin und Wien concertiren; allein ein hartnäckiges Leiden warf ihn auf's Krankenlager, das er nicht mehr verlaßen sollte. — In Stuttgart verschied in diesen Tagen Frl. Henriette Ottenheimer. Wenige von den Lebenden erinnern sich noch des Aufsehens, welches die Gedichte dieser Dame gerade vor einem halben Jahrhundert allgemein durch ihre Sinnigkeit und zarte Empfindung machten. Sie erschienen 1833 in München, dann 1834 „kleine Erzählungen" in Stuttgart, 1835 „der Kettenschmied, ein Mährchentraum", 1841 „Erzählungen" in Leipzig. Außerdem schrieb sie für damals bestehende Zeitschriften. Sie war am 10. Sept. 1807 in Stuttgart geboren, und litt von Kindheit an an einer Lähmung, die sie mit gemüthvollem Humor ertrug. (Näheres s. Kayserling „Jüd. Frauen" S. 238 ff. I? euilteton. Der alte Frie-hof der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Herr Director vr. Baerwald hat dem diesjährigen Programm der Real- und Volksschule der israelitischen Ge-! meinde (Philanthropie), die, beiläufig bemerkt 850 Zöglinge; zählt, eine Abhandlung über den alten Friedhof der Gemeinde z vorangeschickt, die vieles Bemerkenswerthe enthält. Dieselbe! beginnt: j „Von den Fenstern der Nordseite unseres Schulhauses überblickt man ein weithin sich erstreckendes, fast baumloses; Feld. Zwischen dichtem Gestrüpp und niedrigem Gebüsch ragen aus dem unebenen Boden Tausende von senkrecht in das Erdreich eingelassenen breiten, massiven Tafeln von rothem ( Sandstein hervor. Die meisten sind lies in den Boden ein-! gesunken, verwittert, fahlgrün, mit Moos bedeckt; alle tragen auf der einen breiten Vorderseite Inschriften, durchweg in hebräischer Quadratschrift. Während nach der Ostseite zu die Steine massenhaft sich erheben, mindert sich ihre Zahl nach Westen zu, wo sie, hier vereinzelt, dort in Gruppen hervortauchend, von hügeligen Grasflächen umgeben sind. Der weite, von einer hohen Mauer, von der Rückseite und den Höfen belebter Straßen umschlossene Raum ist ein Bild völliger Abgeschiedenheit. Von keiner Seite der ihn umgebenden Straßen zugänglich oder nur sichtbar, ist er nicht bloß den Hunderten von Menschen, die sich täglich in seiner nächsten Nähe geschäftig bewegen, verborgen, sondern wohl auch den meisten Bewohnern dieser Stadt unbekannt; nur wenige haben ihn je betreten. Und doch ist es eine geweihte, geschichtlich merkwürdige Stätte: der alte Friedhof der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. Vor länger als 54 Jahren, am 26. September 1828, fand auf demselben die letzte Beerdigung statt; seitdem ist er geschloffen. Bon Jahr zu Jahr mindert sich die Zahl derjenigen, welche, von Pietät getrieben, sich die Pforte dieses Friedhoses öffnen lassen, um eine ihnen theure Grabstätte zu besuchen; nicht lange, und es wird niemand mehr vorhanden sein, der einen der dort Ruhenden noch mit eigenen Augen gesehen hat. Da war es denn an der Zeit, bevor die Steine gänzlich verwittern und die auf ihnen eingegrabene Schrift völlig unleserlich wird, gleichsam ein Jnventarium aufzunehmen, die Steine zu zählen und mit Nummern zu versehen, die Inschriften, soweit sie noch leserlich sind, abzuschreiben und in einem Archiv aufzubewahren. Das ist im letzten Jahre gei schehen. Vor mir liegen die Abschriften von nahezu siebeni tausend Grabschriften." — Die hierzu erforderlichen Arbeiten! wurden besonders durch den Rabbiner vr. Horovitz gefördert.! Die älteste Inschrift datirt aus dem Monat Ab 5032, d. i. : vom Juli 1272. Geschlossen wurde der Friedhof 1828 und! zugleich bestimmt, daß er 1000 Jahre unberührt und un-! besetzt liegen solle. Allerdings ist es sicher, daß die jüdische; Gemeinde schon srüher einen anderen Friedhof besessen hat. j Die Schicksale des hier in Rede stehenden sucht der Berf. | zusammenzustellen. Wurde er ja doch mehrere Male bei

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