Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1883)
- Date
- 1883-04-17
- Page
- Seite 263 (sequence 13)
- Language
- German
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263 Belagerungen in den Kreis der Bertheidigungsposten gezogen, mit Kriegsknechten besetzt, und die Mauern mit Erkern versehen. Wer keine Kenntniß von den Steuerlasten hat, unter welchen die mittelalterlichen Juden seufzten, die bald von Kaiser und Reich, bald von Erzbischöfen und Feudalherren, bald von den städtischen Behörden ausgesogen wurden, so daß die Juden darob in die größten Verlegenheiten und Bedrängniffe geriethen, kann sich von dem S. 7 berichteten darüber unterrichten lassen. Die Gemeinde war genöthigt zur Bestreitung der geforderten Abgaben ihren Friedhof, ihre Synagoge und andere Grundstücke zu verpfänden und zwar bei christlichen Mitbürgern (1316.) Man sieht also, daß der den Juden zugeschriebene Reichthum nicht vorhanden war; der wahre Reichthum bestand nur in ihrer Geschästsgewandtheit. Mit der Zeit lösten sie die verpfändeten Grundstücke wieder ein. — Eine solche Sammlung von Grabschristen aus beinah sechs Jahrhunderten hat einen vielfach geschichtlichen Werth. Die bildende Kunst geht dabei allerdings leer aus. Der Verf. sagt hierüber: „Um so eingehendere Beachtung wird darum der Form und dem Inhalte der Inschriften zu widmen sein. Als Denkmäler der Schrift und Sprache bieten sie für Entwickelung beider dem Forscher das chronologisch am besten beglaubigte Material, bei weitem am wichtigsten aber werden sie durch den Einblick, den sie in die Sitten- und die Lebensanschauung der Juden gewähren, Materien, über welche die mittelalterlichen Chronisten gar nichts oder nur Mißverstandenes berichten. Der Tod versöhnt, mit den Todten sind wir nur durch die Liebe vereint, am Grabe spricht die Pietät. Und doch charakterisirt sich der Einzelne wie die Gesammtheit durch die Vorstellungen von dem Jenseits, durch die Art, wie er über diejenigen, die ihm vorhergegangen sind, denkt und sich äußert. Was wir von dem Todten als rühmenswerth hervorheben, muß uns doch selbst erstrebenswerth erscheinen; in dem Bilde, in dem wir das Ergebniß seines Lebens zusammenfaffen, zeichnen wir unser Ideal: so möchten wir selbst sein, wie wir nun in erhöhter Liebe uns den Heimgegangenen denken, so möchten wir in unserer Sphäre wirken, wie wir uns den Heimgegangenen in seinem einstigen Wir kungskreise vorstellen. Wie redeten nun die mittelalterlichen Juden von den Todten? wie dachten sie von dem Jenseits? welche Ideale vom Menschen schwebten ihnen vor? Die Grabschristen belehren uns darüber. Der Todte heißt „der Ruhende", sein Name wird niemals genannt, ohne daß hinzugefügt wäre: „lieber ihn der Friede'." oder „Sein Andenken zum Segen", oder „Das Andenken des Gerechten zum Segen". — Formeln, mit denen die Grabschriften schließen, sind: „Seine Seele sei dein Lebensbunde einverleibt", oder, „Seine Seele im Garten Eden. Amen, Sela", oder „Seine Seele sei dem Lebensbunde einvcrleibt mit den andern Seelen der Gerechten im Garten Eden. Amen, Sela". Von den Eltern spricht der Sohn nie anders als „mein Herr Vater, mein Lehrer", „meine Mutter, meine Lehrerin", oder „meine Mutter, meine Lehrerin, Heil der, der sie geboren." „Eine edle Frau, jung an Jahren, all ihr Thun anmuthend, herrlich wie eine Königstochter im Prunkgemach, ihre Hand streckte sie entgegen den Armen." „Sie redete zu Jedermann sanft und demüthig." „Sie war ehrbar, edel, lieblich in ihrem Walten wie eine Rose." „Sie war gottesfürchtig von Jugend auf im Hause ihres Vaters, sie liebte den Frieden, leitete ihre Kinder den geraden Weg." „Sie war bemüht zu schaffen für die Bedürfnisse ihres Hauses, zu ehren ihren Gatten zur Zeit seines Alters." „Sie erzog mit Aufwand aller Kraft ihre Kinder für das Studium der Thora, in ihren kaufmännischen Geschäften waltete sie mit Treue, viele Schmerzen waren ihr beschieden in schweren Stunden, alles hat sie ertragen in Liebe". „Sie pflegte Kranke, erwies den Todten die letzten Liebesdienste." „Sie sorgte für Beleuchtung des Gotteshauses." „Ihr Gebet war mit Andacht, sie übte Werke der Mildthätigkeit, besonders an der studirenden Jugend." „Hier ruht ein Mann, der war schlicht und gerade, er wich vom Bösen und that Gutes. Von Jugend auf verachtete er die Nichtigkeiten der Welt und ihre Vergnügungen und wählte das Gute und beschäftigte sich mit der Thora und mit profaner Wissenschaft; er war ein geübter Gesetzeskundiger, vieler Sprachen kundig und weltlicher Dinge. In seiner Jugend schon setzte er sich Zeiten fest für Thorastudium, in seinem Geschäfte waltete er mit Treue, ihm war ein reines Herz zu beten mit Andacht, er machte milde Stiftungen, übte Werke der Barmherzigkeit." „Er ehrte Vater und Mutter." „Er hat Fremde in sein gastliches Haus genommen und sie mit freundlichem Blick empfangen." „Redlich und gerade hat er gethan nach dem Wort: „Du sollst darüber sinnen Tag und Nacht." „Er hat unser hiesiges Lehrhaus gegründet." „Er hat Waisenkinder erzogen und ihnen einen häuslichen Herd gegründet." „Unrecht ward nicht gefunden auf seinen Lippen." „Er gehörte zur heiligen Vereinigung für Krankenpflege und Leichenbestattung." „Er wandelte untadelig und übte Recht, war täglich einer der zehn Ersten im Gotteshause, ein treuer Hirt war er unserer Gemeinde drei und dreißig Jahre, er strebte nach Wahrheit und Frieden, er gehörte zu denen, die zwei Kaisern die Geschenke unserer Gemeinde darbrachten." „Ein Greis, der sich Weisheit erworben. Heil der, die ihn geboren, er hat sein Alter nicht beschämt, er lernte und lehrte."