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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-17 · Heft 16 (17.4.1883) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 16 (17.4.1883)
Date
1883-04-17
Page
Seite 260 (sequence 10)
Language
German
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und im Reichsrathe die Annahme jenes famosen Gemeindestatuts, welches sie zusammengeschmiedet hatten, zu erwirken hofften. Dieses Gemeindestatut bedeutete nichts Anderes als ein jüdisches Concordat, durch welches die Gemeinden der Herrschaft der Rabbis und Rebbes, die Schulen und alle anderen Anstalten ausgeliefert würden, zugleich alle Bildung und Aufklärung verbannt und alle Juden, die eine Schulbildung genoffen, von allen Körperschaften ausgeschloffen seien. Dies war die Mission Schreibens. Daß sie nicht glückte, ist zweien Umständen zuzuschreiben. Zuerst mußte den Männern der Regierung alsbald klar werden, daß Schreiber nach jeder Seite hin so unbedeutend, eine solche Null war, daß er in den parlamentarischen Kämpfen gar nicht mitzuzählen war. Er stimmte nach der Vorschrift seiner Partei, aber mehr konnte er nicht leisten. Dann aber hatte er auch den Reichsrathsabgeordneten Dr. Zucker zum Gegner, und diesem wurde es nicht schwer, die Regierung zu überzeugen, daß sie sich durch ein solches Statut die Hände nicht binden dürfe, daß die Partei Schreibens nur in jenen Rabbis und Rebbes bestehe, die Gemeinden selbst aber gegen eine solche Knechtung revoltiren würden. Somit war die Rolle Schreiber's im Reichsrathe eine völlig klägliche. Er verdarb sie aber zuletzt noch bei seinen eigenen Anhängern durch das Schreiben an die Juden in Stanislaus, in welchem er eigenmächtig den von allen jenen Rabbis ausgesprochenen Bannfluch zu Gunsten eines dem Judenthume. völlig entfremdeten Mannes aufhob, um dessen Wahl zu } empfehlen. Er that dies, weil er das Bedürfniß fühlte,- Jemanden neben sich zu haben, der für ihn und sein Statut j im Reichsrathe sprechen und schreiben könnte. Aber er ver-! darb es hierdurch mit jenen Rabbis, die ihm eine solche; Macht ihrer Gesammtheit gegenüber, eine Stellung über sie! hinweg nicht cinräumen wollten und sein Borgehen nicht > billigten. Dies war es auch, was seine letzten Lebenstage j verbitterte, weniger die Furcht vor einer strafrichtcrlichen Ber-1 solgung, die schließlich doch im Sande verlausen möchte. Was nun, nach dem Tode Schreiber's, die anderen Rabbis und Rebbes thun werden, muß abgewartet werden. Krakau, 27. März. Das Begräbniß des Abgeordneten Rabbiner Schreiber sand bereits heute um 3 Uhr Nachmittags statt. Anwesend waren der Krakauer Stadtpräsident, das Rabbinat der israelitischen Cultusgemeindc und viele Andere. An dreitausend Personen mögen sich eingefunden haben. Der Schwiegersohn des Verstorbenen, Kornicer, hielt eine Drciviertcl Stunden dauernde Grabrede. Schreiber hatte vor seinem Tode den Wunsch ausgesprochen, daß niemand Anderer, als einer seiner nächsten Anverwandten diese Rede halte. Biele israelitische Handlungen waren in dem Stadtviertel Kazimierz gesperrt. Die Stelle Schreiber's wird vorläufig Rappoport, der erste Rabbinats-Affeffor, versehen. I Krakau, 2. April. Betreffs des angeblichen Hirtenbriefes des verstorbenen Krakauer Oberrabbiners Schreiber geht nun auch der N. Fr. Pr. seitens sämmtlicher Söhne des Verstorbenen eine Zuschrift zu, in welcher der Brief für! unecht erklärt wird. Die Unterzeichner erbieten sich sogar, -tausend Gulden zu erlegen, wenn man das Original des! angeblichen Schreibens ihnen vorzeige. (Das betreffende i Schreiben nach Stanislau hatte zu viel böses Blut gemacht,!was sich auch bei dem Leichenbegängnisse zeigte!) > Aus Galizien, 29. März. (Privatmitth.) „Wer Wind jfäet, erntet Sturm." (Hosea 8, 7.) Das hat der soeben! plötzlich verstorbene Schreiber aus Krakau in ausgedehntem ■ Maße wieder erfahren. Zwei Male in einem Jahre hat er j ein Chillul Haschern vor der ganzen civilisirten Welt verübt, ,und das in einer Zeit, wo der Antisemitismus wie „ein j brüllender Löwe umhergeht, um zu sehen, wie viele Juden | er verschlinge" , und zwar in einem Lande, wo dieser in üppiger Blüthe steht. Daß er an der Spitze von 320 chassidischen und orthodoxen Rabbinen einen Bannfluch über alle I Juden, die nicht zu seiner Fahne schwören, erließ, war seine j erste Heldenthat; daß er diesen Bannfluch zu Gunsten eines dem Judenthume ganz entfremdeten Advokaten aufhob, um j diesen zur Wahl in's Abgeordnetenhaus im Interesse der Polen zu empfehlen, seine zweite. Aber diese mit erheucheltem Servilismus vollbrachte zweite konnte ihn vor den strafgerichtlichen Folgen der ersten nicht schützen. Er aber, der Schwert und Fackel gegen alle andersdenkenden Glaubensgenossen schwang, aber Nichtjuden, namentlich den Machthabern, gegenüber die größte Schwäche besaß und bezeigte, fiel vor Schrecken zu Boden, als er den Arm des Strafrichters gegen sich ausgestreckt sah. Gewiß find wir der Meinung, daß wir vor der Bahre eines Dahingeschiedenen jedes Urtheil mildern und möglichst zum Guten wenden müssen. Aber hier ist die böse That zu frisch und offenbar und ihre Folgen werden uns noch mannigfach drücken, als daß man die Wahrheit nicht unumwunden aussprechen müßte. Das Wohl des Ganzen wiegt schwerer, als der Leumund j eines Einzelnen. Zunächst wird die erhobene Anklage durch j den Tod des Einen den andern Mitgliedern jenes Ketzergerichtes nicht erspart bleiben, und so werden wir das; traurige Schauspiel erleben, eine ganze Reihe von Rabbinen! auf der Anklagebank zu sehen. Nicht minder wird die Wirkung auf die innern Verhältnisse der Gemeinden schwer auszugleichen sein. Zwar muß man einräumen, und ich thue j es gern, daß das letzte Sendschreiben Schreibers über die j Wahl in Stanislau auch in vielen seiner Anhänger und Partei- I gen offen den größten Unwillen erregt hat; diese Anmaßung und Selbstüberhebung, dieser lügenhafte Pomp, dieser sittliche Jesuitismus haben Bielen die Augen geöffnet, und selbst in dem Theile des jüdischen Publikums, der früher dem Ver-

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