Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1883)
- Date
- 1883-04-17
- Page
- Seite 258 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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258 für Künste und Handwerk." Eigentümlich ist es, daß erst jetzt der Bericht über das Jahr 1881 erstattet worden. In diesem Jahre zählte die Schule 71 Zöglinge, während seit ihrer Gründung ungefähr 7i 0 aus ihr hervorgegangen und in ihrer größten Mehrheit sich zu tüchtigen Künstlern und Handwerkern ausgebildet baben. Die Einnahmen betrugen im Jahre 1881: 22,057 Fr., die Ausgaben 21,215. Wir heben hervor, daß der Generalrath von Niederelsaß 2000 Fr., die Stadt Straßburg 2000 Fr. jährliche Subvention leisten. Das Grundvermögen des Vereins besteht aus 81,079 Fr. Oesterreich-Ungarn.! Wicu, 26. März. (Privatmitth.) Es wogte einst der Strcil, was vorzuziehen sei, ob das Studium der jüdischen Wissenschaft oder die Ausübung der Lehre? Desto erfreulicher ist es, wenn beide Eigenschaften in einer Persönlichkeit vereinigt sind. Herr Em. Baumgarten ist nicht - bloß dem Namen nach Mitglied des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde, sondern er kümmert sich wirklich “'2^n außerdem aber ist er für jüdische Interessen literarisch thätig. Wir hatten erst jungst Gelegenheit, lobend seine Schrift: „Die Blutbeschuldigung gegen die Juden" zu erwähnen und nun liegt uns wieder eine neue vor: „Gutmeinung über den Talmud der Hebräer". Es ist dies nämlich ein wohlmotivirtes Gutachten des bekannten Censors jüdischer Bücher in Prag über den Talmud, Fischer, welches er im Jahre 1792 abfaßte und es dann im Jahre 1802 einem Freunde zusendete. Dasselbe befindet sich als Manuscript im Privatbesitze und wir rechnen es Herrn Baumgarten zum besondern Verdienste an, daß er es in dem jetzigen Momente veröffentlicht. Wir finden hier einen Christen, der eine seltene Vertrautheit mit dem jüdischen! Schriftthume besaß und dessen Zeugniß für den Talmud da-! her von besonderem Werthe ist. Er begnügt sich nicht bloß, 1 vorgebrachte Klagen gegen den Talmud zu widerlegen, christ-! liche Gelehrte als Zeugen für denselben vorzuführen, sondern' er bringt selbst eine Blumenlese aus der Ethik des Talmuds, j um den Nachweis zu führen, welche Schätze derselbe in sich j birgt. — Was jedoch den Censor Fischer veranlaßte, diesen! Effay, den er im Jahre 1792 abfaßte, im Jahre 1802 einem Freunde mitzutheilen, so mag wohl folgende Ursache dieses: herbeigesührt haben: Wie man weiß, begann nach dem Tode Josef II. die rückläufige Bewegung. Schon 1791 brachte der damalige Gubernialrath in Prag Graf Rottenhahn Bemerkungen gegen den Talmud vor. Am 4. Llpril 1795 (vergl. G. Wolf: Studien zur Jubelfeier der Wiener Universität S. 119) genehmigte der Kaiser Franz die Einsetzung einer Commission zur Prüfung und Läuterung des Talmud. Diese Commission förderte weiter keine Resultate zu Tage. Am 24. Mai >802 (vergl. G. Wolf: Josef Wertheimer S. 21) erließ der Kaiser in Folge an ihn gelangter Denunciationen ein Handschreiben in Betreff der jüdischen Gebete. Es lag nun nahe, daß diese Untersuchung die bereits entschlafene Commission zur Prüfung des Talmuds zu neuem Leben erwecken konnte und Fischer teilte fein Elaborat einem Freunde mit. Doch wie imnrer, ist es werthvoll und sehr verdienstlich von Herrn Baumgarten, daß er es veröffentlichte. W. Wien, 27. März. (Privatmitth.t Ich wollte meinem Unmuthe über das Schreiben des Herrn Rabbiners Schreiber an die jüdischen Wähler von Stanislau, in welchem er diese auffordert, einen hiesigen jüdischen Advokaten, der kaum mehr dem Namen nach Jude ist (wie ich hörte, beabsichtigte er sich für consessionslos zu erklären, weil er die Cultussteuer nicht zahlen wollte)zum Reichsrathsabgeordneten zu wählen, Ausdruck geben. Abgesehen von dem jesuitischen Geiste, der den Brief durchweht, so erklärt Herr Schreiber in demselben, daß er die Macht zu lösen und zu binden besitze, N',n -.0x57 nsn -T-r nsn und hebe er in dem gegeben Falle den Bann auf, der von den galizischen Rabbinen über jene verhängt i wurde, die den Sabbath entweihen rc. Wie bemerkt, wollte i ich meinem Unmuthe über diesen schmählichen Vorgang Aus-! druck geben, da traf die Nachricht ein, daß Herr Rabbiner | Schreiber plötzlich gestorben sei. Er steht nun vor dem himmlischen Richter; möge er ihm für den Chillul haschem, mit welchem er aus der Welt geschieden ist, ein gnädiger Richter sein. Wie übrigens die Zeitungen melden, erhob die Staatsanwaltschaft gegen ihn und die Rabbinen in Galizien, welche den angeführten Bann unterschrieben haben, die Klage wegen Erpressung. Ist das wieder ein Gaudium für die Antisemiten und ermangeln sie nicht aus dem Falle Kapital zu schlagen. Wien, 28. März. Die Leiter der Wiener Antisemiten- Bewegung, welche die letzten Wochen scheinbar dazu benutzten, um auf ihren Lorbern auszuruhen, scheinen diese Ruhepause verwendet zu haben, um der Welt neue Ueberraschungen zu bereiten. Ueberraschend muß es sicherlich wirken, wenn man vernimmt, daß die Partei dieser Herren schon in eine Anzahl Fraktionen und Fraktiönchen zerfallen, welche unter sich einen nicht minder grimmigen Kampf führen, als der fein sollte, den sie gegen das Volk Israel zu führen beabsichtigten. Das Lager der Antisemiten hat sich in drei Parteien gespalten. Der ersten dieser Parteien, die aus dem Döring'schen Standpunkte steht, läßt sich nicht absprechen, daß sie bei Verfolguug ihres Zieles den nüchternsten, das ist mehr praktischen Weg gehen will. In ihrem Programm > heißt es: Wir sind Antisemiten, vorwiegend vom ökonomischen j Standpunkte, perhorresziren jede Discufsion über religiöse und! dogmatische Dinge und lassen uns auf Erörterung über den Talmud gar nicht ein. Die Thatsache, daß diese Partei die nüchternste ist, macht es erklärlich oder richtiger, läßt es