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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-17 · Heft 16 (17.4.1883) · p. Seite 253

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 16 (17.4.1883)
Date
1883-04-17
Page
Seite 253 (sequence 3)
Language
German
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253 flußt wird, daß eine jede Zeit in den geheiligten Dokumenten! das vor Allem sucht, was ihm geistig noththut, was in ihm selbst lebt. Dann ist es aber nur die Frage, ob diese Auslegung eine einfache, exegetisch richtige, aber nicht eine künstliche, erzwungene, hineingetragene ist, ob wir nicht bloß finden, weil wir suchen, sondern weil es wirklich darin vorhanden ist. Hierfür wollen wir nun einen einfachen Beweis geben, wenn auch durchaus nicht in erschöpfender Weise. Wir finden ihn darin, daß wir alle Auslegung des Specialgesetzes bei Seite lassen, obschon es niemals geleugnet werden kann, daß in den speciellen Gesetzen ein allgemeines Princip verkörpert und ein einzelnes Beispiel für eine ganze Reihe von Fällen gegeben wird; daß wir von allem Subjectiven und Individuellen, von allen Ergüssen individueller Gedanken und Empfindungen und von dem ganzen Geschichtsapparat absehen, der in der h. Schrift in so reichem Maße vor uns liegt. Dann bleiben uns eben prägnante, kurzgefaßte und nachdrücklich betonte Allgemeinsätze übrig, in welchen das Princip und die objective Lehre ausgesprochen und nachdrücklich betont sind. Sie geben das, was als ewige Wahrheiten hingestellt werden soll, was unverändert durch Zeit- und nationale Verhältnisse unberührt bleibt, was gleichsam als leuchtende Sterne am nächtlichen Himmel der Menschheit durch die Jahrtausende strahlen und zuletzt nach langer mühseliger Entwickelung des Menschengeschlechts als Sonne für dasselbe aufgehen soll. Wir bezeichnen sie hier als „Wahrsprüche", weil wir sie eben ohne ihren Zusammenhang im Texte und ohne ihre Consequenzen in der Speciallehre und dem Specialgesetz hervorheben. Hat man sie sich vor Augen geführt, dann wird man nicht mehr sagen dürfen, daß wir für Principien des Judenthums ausgeben, was wir erst selbst abstrahiren. Der Ausspruch der höchsten Principien ist in der Schrift selbst vorhanden und braucht nicht erst durch Abstraction zu Stande gebracht zu werden. Selbstverständlich begegnen wir hier nichts Neuem, sondern was wir längst kennen, lieben und verehren. Gott ist das absolute, unveränderliche Sein ("rs 2 Mos. 3, 14.) und darum einzig: „Ter Ewige unser Gott ist einzig" (5 Mos. 6, 4.), und ewig: „Der Ewige, der Gott der Ewigkeit" (1 Mos. 21 , 33.), Schöpfer des Universums und aller in ihm vorhandenen Wesen in ihrem Werden und Vergehen: „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde" (1 Mos. l. Psalm 104, viele Stellen besonders in Jesaias II. und Hiob). Er ist die Allmacht (‘“r tn 1 Mos. 17, 1), allgegenwärtig und allwissend, wie an vielen Stellen mit beredten Worten ausgeführt wird. Er ist die Allliebe: „Gütig ist der Ewige gegen Alle und erbarmt sich aller seiner Werke" (Ps. 145, 0.) „ewig währet seine Gnade" (Psalm 118, 1. u. oft). Den Menschen „schuf er in seinem Ebenbilde, nach seiner Aehnlichkeit" (1 Mos. 1, 27.); der Mensch, Leib und Seele in höherer Einigkeit, besitzt Freiheit des Willens, Selbstbestimmung: „Siehe ich lege dir vor Leben und Tod, wähle das Leben" (5 Mos. 11, 26, 30. 15. 10.). Wie Gott die Vorsehung für die gesammte Menschheit, für die Völker und alle einzelnen Menschen ist, wird auf allen Seiten der h. Schrift gelehrt, und in dieser Vorsehung ist er avgerecht nnd allbarmherzig: „Der Ewige, der Ewige, Gott, barmherzig und gnädig, langmüthig und voller Huld und Wahrheit, bewahrend Huld den Tausenden, vergebend Sünde, Missethat und Schuld, läßt aber nichts ungestraft" (2 Mos. 34, 6.). — Das höchste Sittengesetz ist deshalb die Heiligung: „Du sollst dich heiligen, wie Gott heilig ist" (3 Mos. 10, 2. 20, 7.). Nur in der Nacheiferung nach dem vollkommenen Borbilde Gottes und im Anschluß und in der Hingebung an Gott erreicht der Mensch eine immer höhere Stufe der Sittlichkeit: „Vollkommen sei mit dem Ewigen deinem Gotte" (5 Mos. 18, 13.). Diese Heiligung des Menschen besteht in der vollkommenen Liebe zu Gott: „Liebe den Ewigen deinen Gott mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen" (5 Mos. 6, 5.), und in der unbedingten Nächstenliebe: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (3 Mos. I'.', 1*. 34.), so wie in der Unterdrückung alles Hasses, der Rache: „Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen", „Du sollst dich nicht rächen und nicht Zorn nachtragen" (5 Mos. 19, 17. 18.) und aller niedrigen Begierden aus Habsucht, Neid u. s. w., wie das zehnte Gebot vorschreibt: „Du sollst nicht begehren u. s. w." So sprechen auch die Zehn Gebote die Heiligkeit des Lebens: „Du sollst nicht tödten", des Eigenthums: „Du sollst nicht stehlen", und der Ehe: „Du sollst nicht ehebrechen"' aus. — Hinsichtlich der menschlichen Gesellschaft beruht die ganze biblische Anschauung auf der Einheit des Menschengeschlechts, wie sie sich in der Geschichte Adams und Noah's darstellt, und eine besondere Andeutung in den Worten findet: „Dies ist das Buch der Geschlechter des Menschen" (1 Mos. 5, 1.). Bon da aus proklamirt sie die persönliche Freiheit aller Menschen, denn nur „Des Ewigen Knechte sind sie", keines Menschen; die persönliche Freiheit des Menschen ist unverletzlich (3 Mos. 25, 54, 55.): „Wer einen Menschen stiehlt und ihn verkauft oder er tvird gefunden in seiner Hand, der soll gctödtct werden" (2 Mos. 21, 16. 5 Mos. 24, 7.) „Rufet Freiheit ans im Lande für alle seine Bewohner" (3 Mos. 25, 10.). lind nicht minder lehrt sie die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetze: „Ein Gesetz, ein Recht sott bei Euch sein, dem Einheimischen wie dem Fremdling" (2 Mos. 12, 49. 4. Mos. 15, 15. 16. 29.). Daher muß in der Gesellschaft unbedingte Gerechtigkeit herrschen, wie sie sich seitens der Gesellschaft in der sorgfältigsten, unparteiischesten Rechtspflege bethätigt. Darum heißt es 5 Mos. 16, 20, nachdem die Einsetzung 16*

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