Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-10 · Heft 15 (10.4.1883) · p. Seite 245

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 15 (10.4.1883)
Date
1883-04-10
Page
Seite 245 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227463--40724-3309138
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

245 Louis Elsaß in Cannstatt und den Bankdirekter Benzinger ' in -Stuttgart ernannt. O esterrei ch-Ungarn. Wien, 23. März (Privatmitth.) Es ist gewiß nicht ganz ohne Absicht, daß die „N. F. Pr." gerade am Purimfeste den Hirtenbrief veröffentlicht, welchen der fromme Krakauer Rabbiner und Reichstagsabgeordnete Simon Schreiber, „Diener des Kaisers in Wien", den 3. Tag des Wochenabschnittes Pekude im Jahre 5643, an die Heerde seiner Gläubigen, besonders an seine „theuren Kinder von Stanislau und Tysminnica", erlaffen hat. Das Schriftstück, in welchem Rabbi Schreiber einen Candidaten für die Reichsraths - Ersatzwahl an Stelle R. von Käminskrs vorschlägt, hat auch nach Purim noch einiges Interesse. Schreiber, der, seitdem er im Reichsrath sitzt, beharrlich schweigt, beginnt sein Hirtenschreiben mit den Worten: „Ihr wißt, was ich für euch gethan, ihr kennt meine Plage und Mühe für das Wohl der Nation." Nach einigen Stoßseufzern über die Poschim, die Reformjuden, „die die Zäune niederreißen und die Mauern vernichten, auf welchen wir im Feuer und Waffer gestanden", bekennt er, daß er seine Heerde verlassen und sich gegürtet habe, um — die Diäten zu beziehen, um „ein treuer Bote seinen Mandanten", „ein Fürsprecher zu sein gegen unsere Feinde vor dem Kaiser und seinen Fürsten". Dann fährt er fort: „Und nun meine Brüder, thut mir Gutes, entsprechend meinem Thun, indem ihr in meine Fußtapfen tretet und meinen Befehlen folget. Seid biedere Männer, gehorchet mir und unser Weg wird ein glücklicher sein . . . Der Rath, den ich euch gegeben habe, ist der: Ihr wählet den vr.. dessen Name euch hinlänglich bekannt ist, damit er euer Mund im gesetzgebenden Hause in Wien sei. Denn ich habe ihn als bieder vor mir gefunden, er ist nach Oben sehr beliebt, er wird mich aufrecht führen vor den Kaiser und seine Fürsten, damit ich Gnade finde in ihren Augen. Nun, ihn wählet und an ihm hänget, mäkelt nicht daran und stoßt euch nicht an das Verbot und den Bann, den ich euch in der Versammlung der Rabbiner, der Großen der Zeit, meinesgleichen, verkündet habe: daß ihr Niemand wählet von den Poschim, die den Sabbath entweihen, daß ihr diesen kein Amt anvertraut, sei es zur Führung der Gemeinde, sei es im Gemeinderathe, im Landtage oder im Reichsrathe. Es ist freilich wahr, daß dieser Mann nicht uns angehört, und es ist bekannt, daß er den Sabbath nicht heiligt, wie es sein sollte, daß er ihn vielmehr entweiht und daß ihm fremd sind die Satzungen der Thora . . . Aber hört mich, und es wird euch Gott erhören! Es ist die Zeit, für Gott zu wirken! Und der Mund, der bannt, kann auch lösen. Und ich gestatte mit aller Absolution der Welt, daß ihr, ohne den Bann zu brechen und ohne irgend ein Gebot zu verletzen, den Mann wählet. Er tritt heraus aus der Regel, er fei eine Ausnahme von den Poschim und werde zu jenen nicht gezählt, wenn er sich auch nicht hütet vor der Entweihung des Sabbaths, da er in Wien lebt ieit Jugend auf und seinen Studien oblag. Wenn wir ihn bringen in unsere Gesellschaft, retten wir eine Seele aus Israel, und er wird uns als Beispiel dienen, gerade so wie der fromme Rabbiner aus Kolin, der früher Rabbiner in Teschen war, und der jetzt auf jener Stufe angelangt ist, wo wahrhaft Fromme ihn nicht erreichen können". Der Hirtenbrief spricht für sich selbst und bedarf keines Commentars. Die Frommen in Galizien sind über den frommen Mann im höchsten Grade aufgebracht. Das ist ein Muster von Jesuitismus! — Am 15. d. M. starb hier Hr. vr. L. Brisken, ein Bruder des Obersten S. Brisken, im Alter von 79 Jahren. Er war ein tüchtiger Pädagog, der sich hauptsächlich mit - Mathematik beschäftigte. Bor ungefähr zwölf Jahren er-! schien von ihm die philosophische Schrift: „Das Judenthum und der Kulturfortschritt unseres Jahrhunderts", welche von der Kritik sehr beifällig ausgenommen wurde. (Wir waren eben im Begriff, das Sendschreiben des Krakauer Rabb. Schreiber noch einer näheren Kritik zu! unterwerfen, als die Nachricht einlief, daß derselbe am i 26. März einem Schlaganfall erlegen sei. Unsere Leser l wissen, daß wir auch einer orthodoxen Größe, wenn sie ver-; dienstvoll wirkte, die Anerkennung nicht versagen. Hier aber > stehen wir an der Bahre eines Mannes, der nichts als Zwietracht aussäete und kein Mittel unterließ, um feinem Ehrgeiz, seiner Großmannssucht zu fröhnen, ohne auch nur eine Spur von Begabung zu besitzen. Wegen seiner Bannflüche sollte eben eine strafrechtliche Untersuchung gegen ihn eröffnet werden. Bekanntlich ist schon von Joseph II. durch Dekret! vom 28. Mai 1783 den Rabbinen jeder Bann bei Strafe von 50 Dukaten verboten worden. Redakt. d. A. Z. d.Jud. » Pest, 26. März. Eine neue Enthüllung! Dem Nyircgyhazaer Gerichtshof ist von dem Miskolczer Staatsanwalt ' Soß eine wichtige Erklärung zugegangen, die ihm freilich nichts Neues bringt, ihn aber vielleicht zwingt, davon! Notiz zu nehmen. Soß erklärt darin dem Gerichtshöfe, der frühere Nyiregyhazaer Staatsanwalt Ladislaus Egressp- Nagy hätte ihm mitgetheilt, daß die Untersuchung in der; Affaire Solymosi unter den gröblichsten Gesetzesverletzungcn j vorgenommen, daß die Aussagen zahlreicher Zeugen gar nicht >ins Protokoll genommen, die anderer Zeugen hingegen ent- , stellt wiedergegeben, manche Zeugen eingeschüchtert, andere! wieder zur Aussage instruirt worden sein. Soß beschreibt j nach der Schilderung Nagy's eingehend die Art und Weise! der Peinigung der des Leichenschmuggels Beschuldigten. 15*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.