Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-10 · Heft 15 (10.4.1883) · p. Seite 243

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 15 (10.4.1883)
Date
1883-04-10
Page
Seite 243 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227463--40722-3309136
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

243 wie vielmehr gegen die Ungläubigen, zu denen sie nicht bloß! monarchischen Spitze zu vereinigen und dadurch das hierardie Moslimen, sondern auch die Juden zählten. ^chische Gebäude zu vollenden. Endlich gelange ich zu einem Punkte, den ich schon! Wie waren aber die besonneren Deutschen, die nicht oben berührt habe: die Kreuzzügler ließen öffentlich bekannt Haus und Hof verlaffen, eine lange beschwerliche Reise und machen: „Wer einen Juden tödtet, dessen Sünden sollen vereinen Kampf mit anderen Reichen unternehmen und ihr Heil geben sein." Diese Kundgebung und Verheißung, die an die 1 in fernen Ländern suchen wollten, für den Kreuzzug zu ge- Ermordung eines Juden Ablaß und Sündenvergebung knüpft,! winnen? Da wurde ihnen von fanatischen, gewiffenlosen ist nicht nur den Anschauungen und Intentionen, die Papst! Priestern und Mönchen ein Kreuzzug eröffnet, der leichteren Urban II. in seiner berühmten zu Clermont gehaltenen Rede Kaufs zu unternehmen war, nämlich ein Kreuzzug gegen die kundgethan, nicht entsprechend, sondern als eine directe Ab-: wehrlosen Juden, die nun, entgegengesetzt den Worten des weichung davon anzusehen. Denn in jener begeisternden Rede, > Papstes Urban, zu den Ungläubigen, zu den Heiden gezählt, die er am 26. November 1095 zu Clermont vor einer ungeheuer großen Versammlung hielt, und in der er zum Kampfe gegen die Moslims, welche die Kirchen und heiligen Oerter zu Jerusalem in Stätten des Unflaths verwandelt und von denen die Pilger viele Drangsale zu erdulden hätten, auf- und mit deren Tödtung der Ablaß, die Sündenvergebung, verknüpft wurde. Der Ablaß war ja unstreitig ebenfalls einer der mächtigsten Hebel zur Aufrichtung des hierarchischen Gebäudes. Denn sobald es in den Händen des Papstes lag, binden und lösen, die Bußmittel bestimmen aber auch theil forderte, floß kein böses Wort gegen die Juden über seine! weise oder ganz davon abweichen, die Sündenschuld erlassen Lippen. Vielmehr stützte er seine Schilderung der Würde; und den Weg zum Himmel öffnen zu können, so lag alle Jerusalems auf das alte Testament. Er citirt die Worte kirchliche Macht in ihm als einer monarchischen Spitze con des Propheten Jesaias (Jes. 19, 16) „Gott liebt die Thore j centrirt. Daß man aber von der ursprünglichen Bedingung, Zions über alle Wohnungen Jakobs", und wies darauf hin,! unter welcher der Papst Ablaß verhieß, abwich und eine andere daß die Gottesstadt der Mittelpunkt des ganzen Weltalls,! leichter zu erfüllende an deren Stelle setzte, ist nicht befremddas Pilgerziel der Juden und Christen sei, und einst auch, lich, wir finden Aehnliches öfters in der Kirchengeschichte, nach der Verheißung des Alten Bundes, aller Völker werden Bauer sagt in seinem berühmten Werke „Die christliche Kirche solle; denn es stehe geschrieben: „Jerusalem, du heilige Stadt, des Mittelalters" S. 162. Ep., daß wenn die äußere Bezu dir werden alle Völker sich nahen" (Jes. 43, 52; 54, 60; dingung, unter welcher die Sündenvergebung stattsinden, nicht Tob. 13, 13.). Ein gewaltsames Vorgehen gegen die Juden mit der inneren sittlichen Selbstthätigkeit in Beziehung gesetzt lag also gewiß nicht in der Absicht des Papstes. Allein )! werden und eine sittliche Gesinnung erzeugen soll, sehr leicht unter der Hand fanatischer Priester und Mönche wurde ihr ein zufälliges Surrogat an deren Stelle gesetzt werden könne, eine andere Richtung gegeben und seine Worte falsch gedeu-; — Daß übrigens auch diese dargebotene Lockspeise bei den det: die Juden wurden von ihnen zu den Ungläubigen, den besonnenen Deutschen keinen großen Anklang fand, geht daraus Heiden, gezählt, gegen die man einen heiligen Krieg führen; hervor, daß die christlichen Bewohner der Städte in ihrer müsse. Der Papst hatte, um das Unternehmen des Kreuzgroßen Mehrheit den Juden beigestanden, und daß letztere zuges zu fördern, allen denen, welche an letzterem theilnehmen! nach Abzug des kreuzzüglerischen Gesindels vor der Hand in oder ihn durch Gaben unterstützen, Ablaß d. h. Erlaß kano-, Ruhe und Frieden gelassen wurden. — nischer oder göttlicher Strafen für vergangene Sünden veri Fasten wir nun die oben besprochenen Ursachen der heißen. Demungeachtet hatte dasielbe anfänglich bei den; Verfolgung zusammen, so können wir uns nicht verwundern, bedächtigen Deutschen, sogar bei den päpstlich Gesinnten — wenn unter ihrem Einflüsse bei den Kreuzfahrern und denen, damals war Deutschland getheilt in päpstlich und kaiserlich , welche sich ihnen anschlossen, ein Grad der Grausamkeit Gesinnten — nur geringen Anklang gefunden. Der unge-j erzeugt wurde, dessen wir die menschliche Natur nicht fähig wohnte Anblick der ersten, aus den verschiedensten Nationen, halten würden, wenn er nicht durch Thatsachen der Geschickte Ständen und Elementen zusammengewürfelten buntscheckigen beurkundet wäre. — Zu der Ruhe, welche die Juden vor Kreuzesschaaren erregte hier ein höhnisches Kopfschütteln, man der Hand genoffen, hat unstreitig Kaiser Heinrich IV., der hielt das ganze Unternehmen für abenteuerlich und verfehlt, im Jahre 1098 aus Italien nach Deutschland zurückgekehrt — Nun lag bekanntlich der Kreuzzugsbewegung eine hierarwar, viel beigetragen. V. Giesebrecht sagt a. a. O. S. 685: chische Idee zu Grunde, die nämlich, alle Völker Europas „Der Frevel, den Ruthard an den unglücklichen Juden ausunter der Leitung und Herrschaft des Papstes als unter einer geübt hatte, gab den Anlaß zu diesem Hader. Sobalv der 5) Das Concil zu Pavia vom Jahre 850 warnte vor den die 6) Für Heinrich IV. war es unter den damaligen Umständen verschiedenen Länder durchstreifenden Geistlichen und Mönchen, welche höchst gefährlich, sich die erbitterte Feindschaft des ersten Kirchenviele Jrrthümer unter dem Bolle verbreiteten. (Neander, Geschichte fürsten im Reiche, des Erzbischofs von Mainz, zuzuziehen; aber er der christl. Religion und Kirche B. IV S. 202.) kannte feine Gefahren, wenn es galt, einen argen Frevel zu bestrafen. 15

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.