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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-10 · Heft 15 (10.4.1883) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 15 (10.4.1883)
Date
1883-04-10
Page
Seite 242 (sequence 8)
Language
German
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242 Die Völker Europas befanden sich in einem Zustande völliger Anarchie, wo nicht Gesetz und Recht, sondern die! Gewalt und die Faust herrschten. Die Vornehmen und Edlen j lagen gegeneinander in unaufhörlichen Fehden. Die Einen! zogen aus, um die Andern um Hab und Gut, um Existenz und Leben zu bringen. Das Volk mußte dies nicht nur > täglich mit ansehen, sondern wurde auch vielfach in Mitleidenj schast gezogen. Bezeichnend für die damalige social-politische! Situation ist, daß der Papst in seiner zu Clermont gehalj lenen Rede die Edlen und Vornehmen aufforderte, fürder nicht mehr auszuziehen, um Wittwen und Waisen um ihre Habe zu bringen, sondern um das Grab Christi von den Moslimen zu befreien. Nun ist es ja Thatsache der Geschichte, daß die während der römischen Kaiserzeit in immer größerem Maße aufgeführten Gladiatorenkämpfe die Gefühle des Mitleides und der Menschlichkeit abstumpsten. Die beständigen Fehden der Edlen und Vornehmen mußten einen noch verderblicheren Einstuß auf diese Gefühle bei solchen Völkern haben, die in Rohheit ohne Erziehung und Bildung aufwuchsen, da der Mensch mit unausgebildeter Vorstellungskraft nicht einmal recht die Fähigkeit besitzt, sich die Größe des Schmerzes vorstellen zu können, die er seinen Opfern bereitet; wie sollte er da warmes Mitgefühl und Mitleid empfinden! Noch weniger vermag sich ein so ungebildeter Mensch die religiösen Anschauungen und Grundsätze in dem Lichte vorzustellen, in welchem sie ihren Anhängern erscheinen, und den Schmerz zu bemeffen, den er ihren Anhängern bereitet, wenn er sie mit Gewalt und Zwang davon abbringen will. — Auf noch einen wichtigen Umstand muß ich aufmerksam machen, der zwar die zu Tage getretene Grausamkeit nicht direct erzeugte, aber doch stützte und förderte. In Frankreich war zur Zeit der Kreuzzüge der Bauernstand ganz ruinirt, und die denselben vorangegangenen Jahre der Dürre und des Mißwachses hatten Noth und Elend bis zum höchsten Grade gesteigert. Kaum hatte man daher den Aufruf zum Kreuzzuge vernommen, als ganze Oerter auswanderten: Männer, Weiber und Kinder, Greise und Schwache, Landstreicher und Verbrecher, um in andern Ländern Nahrung und Unterhalt zu finden, wenn auch mit Anwendung von Gewalt. „Sie streiften in der Stadt (Constantinopel) umher, erzählt v. Sybel in der Gesch. des ersten Kreuzzuges S. 251, mit wenig Mittel aber desto größerer Habsucht und in der Meinung, den Kriegern Gottes gebühre vor Allem ein reicher Besitz und ein freudiges Leben. Sie nahmen also, was ihnen gefiel; wo man ihnen wehrte, da plünderten sie mit Gewalt: , hier gingen ganze Paläste in Flammen auf, dort stahlen einzelne Waghälse das Blei von den Kirchendächern." — An einer andern Stelle lesen wir: sie dachten, wem der Himmel gehöre — und den suchten sie ja real und sinnlich in Besitz zu nehmen — dem fallen die Güter der Erde von selbst zu. Hielten sie aber gegen die Gläubigen Alles für erlaubt, um Hiermit stimmt auch der bekannte Ausspruch des Talmuds überein: „Die Frommen aller Nationen werden der zukünftigen Welt theilhcsst." In den kanonischen Schriften der jüdischen Bibel kommt nur eine einzige Stelle vor, welche die Unsterblichkeit des Geistes völlig ffar und deutlich ausspricht, dabei aber keine Rücksicht nimmt auf ein besonderes Religionsbekenntniß, sondern nur den Menschen als solchen ins Ange faßt. Sie lautet (Pred. 12, 7.): „Der Staub kehrt zurück zur Erde, wovon er ward, der Geist kehrt zurück zu Gott, der ihn gegeben hat." — Man sehe hierüber mein: „Das Gebetbuch und der Religionsunterricht rc." S. 34 ft. — R. Eleasar b. Jehuda aus Worms (A. 1220 u. Z.). bekannt unter dem Namen seines Hauptwerkes „Rokeach", Verfasser vieler Werke exegetischen, talmudischen, ethischen und mystischen Inhalts, auch vieler Piutstücke, Klag- und Büßlieder (ryi:p und rniT^D) lehrte in seinem „Buche des Lebens" (-)>>-- -pq ms. p. 60), die Seelen der kleinen Kinder ohne Unterschied der Nation und des Glaubens haben, da sie nichts verschuldet, keine Strafe im Jenseits zu erdulden. Vergleicht man diese Lehre mit der des Kirchenvaters Augustinus (st. 430 n. Ehr.), der alle ungetanst verstorbenen Kinder, wegen der ihnen anhaftenden Sünde und Schuld Adams der ewigen Berdammniß, der ewigen Höllenqual preisgiebt, so kann man wahrlich nicht umhin, jene als vernünftig, tolerant und menschenfreundlich zu erklären. Bon Luther, der bekanntlich dem Cölibat abgeneigt und dem Familienleben zugethan war, hatte man, ungeachtet er an der Erbsünde festhielt, erwartet, er werde die unermeßliche Anzahl der ungetanst verstorbenen Kinder aus der Hölle befteien; allein da er befürchtete, es könnte daraus leicht eine Verachtung der Taufe und mit ihr alles äußeren kirchlichen Lebens entstehen, ließ er in der Augsburgischen Confession die Verdammniß derselben aussprechen. David Sttauß fügt in seinem Hauptwerke „Die christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Entwickelung B. II S. 547 die Worte hinzu: „Zum Wunder haben die folgenden lutherischen Dogmatiker die liberale Idee Luthers (daß nämlich die ungetanst sterbenden Kinder gerettet wären) festgehalten; doch nicht ohne sie durch Beschränkung auf Christenkinder zu schänden", da jedoch die Kinder der Juden, Muhamedaoer rc. der Hölle überwiesen bleiben. — Bon R. Eleasar b. Jehuda, der einen große» Einfluß auf die Juden des Mittelalters übte, soll hier noch ein Arg seines echt sittlichen und menschenfreundlichen Charakters erwähnt werden. R. Eleasars Frau Dolce, die, wegen ihrer Kenntniffe und Tugenden gerühmt, Frauen in der Gebetordnnng unterrichtete, ihren Mann und Kinder durch ihrer Hände Arbeit ernährte, dabei wohlthätig gegen Arme und so sanft war, daß R. Eleasar in einem ihren Tod betrauernden Gedichte von ihr sagte, nie durch sie unwillig geworden zu sein, diese edle Frau wurde sammt ihren Kindern und den anwesenden mit dem Studium beschäftigten Jüngern von den vetthietten Kreuzzüglern erschlagen (1214), der unglückliche Gatte und Vater ausgeplündert und ihm nur das nackte Leben gelassen — und dennoch sind seine Lehren vom Geiste wahrer Sittlichkeit und allgemeiner Menschenliebe durchweht; dennoch sprach er in seinem Buche Rokeach § 243 die Mahnung an die Israeliten aus, alle erfahrenen Grausamkeiten mit Ergebung zu tragen und von jedem Racheplan abzustehen. R. Eleasar gehörte zu den Lehrern aus der französischdeutschen Schule, welche seit der Mitte des 11. Jahrhunderts Sittenbücher verfaßten und sichs darin, wie Dr. Bäck in seiner Gesch. d. jüd. Volkes ebenso schön als wahr sagt, zur Aufgabe machten, die Gesinnung der Jsraeltten rein, ihr Leben fleckenlos, ihren Wandel gottgefällig zu erhalten und ihrem Streben eine ideale Richtung zu geben, was, da sie in einer Zeit unmenschlicher Verfolgung lebten, destomehr Zeugniß ablegt von ihrer hohen sittlichen Charakterstärke. — R- Eleasar war ein Sohn von R. Jehuda b. Kalonymos aus Mainz, wohnte aber und lehrte in Worms. Daß sein Unterricht unentgeltlich war, ist selbstverständlich, da der unentgeltliche Unterricht seitens der Rabbiner eine uralte heilige Sitte im Judenthum war und verblieb bis in unser Jahrhundert. In dem auf der Gr. Hofbibliothek sich befindenden Codex man., welchem ich im Jahre 1877 die Judenverfolgungen in Speyer rc. 1096 entnommen, sind mehrere Piecen enthatten, deren Verfasser R. Eleasar war, darunter auch „Regeln über Lebensansichten und Gemüthsrichtungen" (11 Abschnitte), die noch nicht edirt sind. —

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