Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-10 · Heft 15 (10.4.1883) · p. Seite 241

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 15 (10.4.1883)
Date
1883-04-10
Page
Seite 241 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227463--40720-3309134
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

241 zurückgedrängt waren, erscholl von Zeit zu Zeit gegen die wehrlosen an Jesu Tod unschuldigen Israeliten die Parole, das Feldgeschrei, der Schlachtruf: „Die Juden haben Jesus gekreuzigt." Und wie wurde dieser Schlachtrus den zarten Kinderseelen in Haus und Schule eingepflanzt! Wie mußten diese in ihrer lebhaften Phantasie sich vorstellen, wie da die verstockten Juden Jesus den Berg Golgatha hinaufgeführt, ihn dort gemartert und ans Kreuz geschlagen haben! — Ist dies aber die Wahrheit? Schon sehr lange vor Jesu Auftreten war den Israeliten die Criminaljustiz entzogen. Sie lag ganz in den Händen der Römer. Die Kreuzigung war keine jüdische sondern eine römische Todesart. Die Kriegsknechte waren keine Israeliten, sondern Römer. Kurz, eine sorgfältige Untersuchung hat erwiesen, daß dem jüdischen Volke keine Schuld an dem Tode Jesu zuzuschreiben sei. Gesetzt aber auch, es wäre anders gewesen, was konnten und können die übrigen Juden und die nachfolgenden Geschlechter dafür? Lehren denn nicht Moses und die Propheten: „die Kinder sollen nicht um der Väter willen sterben, Jeder sterbe seiner Sünde willen; Jeder sei nur für sein eigenes Thun und Lassen verantwortlich, nicht aber der Sohn für den Vater?" (Deut. 24. Jer. 31. Ezech. 18.). — Und stimmen hiermit nicht Vernunft und Gewissen überein? — Bedenkt man nun noch, daß einige Jahrzehnte nach jener beklagenswerthen Begebenheit Hunderttausende von Israeliten im Kriege mit den Römern umgekommen, daß von damals bis zu den Kreuzzügen über 1000 Jahre verflossen und gar viele Generationen dahin geschwunden, und daß von jenen Anklägern sicher keine Spur eines Nachkömmlings mehr vorhanden war: so muß man über den Grad der Grausamkeit staunen, den diese wahnbethörten Menschen deßhalb bethätigten, weil sie den Tod Christi an dessen Stamm- und Glaubensgenossen, die an demselben ganz unschuldig waren, und die im tiefsten Frieden mit ihren christlichen Mitbürgern lebten, rächen wollten und in empörender Weise wirklich rächten. Man wird mir vielleicht erwiedern: wohl sei es den Nazarenern und Ebioniten, weil sie in Jesu zwar einen Gottgesandten, aber nur ein menschliches Wesen erblickten, nicht in den Sinn gekommen, seinen Tod zu rächen, ebensowenig wie es den Menschen je eingefallen war, den gewaltsamen Tod eines Sokrates und anderer großer Männer, die ein Opfer ihrer Ueberzeugung wurden, zu rächen. Auf einen solchen rachsüchtigen Gedanken konnten auch die Doketen nicht kommen, da nach ihrer Lehre Jesus nur Gott und kein Mensch war und der Logos nur einen Scheinkörper angenommen hatte, an dem eine Hinrichtung doch nicht wirklich sondern nur scheinbar stattfinden konnte. Aber die Kreuzzügler bekannten sich zum apostolischen Glaubensbekenntniß, wonach Jesu ein wirklicher Gott und ein wirklicher Mensch zugleich war, und dies veranlaßte sie, in Jesu Tod nicht nur einen Menschen sondern auch einen Gott zu rächen. Das sei ein Anderes. Allein hierin findet meines Erachtens jene bestialische Grausamkeit, mit welcher sie Jesu Tod an ganz daran unschuldigen Menschen, und zwar sowohl an Erwachsenen wie an kleinen^) Kindern zu rächen suchten, noch keine genügende Erklärung, es müssen vielmehr noch andere Ursachen mitgewirkt haben. — Nach der Lehre der alten Kirche sind alle Ungetauften, selbst die kleinen Kinder, wenn sie ungetanst gestorben sind, der ewigen Berdammniß verfallen, eine Lehre, die zur Zeit des Mittelalters für uilbestreitbar, gewiß und wahr gehalten und mit vollster Ueberzeugung geglaubt wurde. Den Anhängern dieser Lehre mußte es als höchst kindisch erscheinen, das Leben solcher zu schonen, die auf ewig verdammt sind und auf dieser Erde nur gleichsam als Bränder für die Hölle vorbereitet werden. Und was für eine Hölle! Die von extatischen Asketen und Mönchen fortwährend producirten und! unter dem Volke verbreiteten Höllenvisionen, worin die Marter und Qualen der Verdammten mit den grellsten Farben und auf eine schaudererregende Weise ausgemalt wurden, waren ganz dazu geeignet, das Gemüth der Gläubigen mit Schreck und Grauen zu erfüllen und in ihnen jedes Gefühl des Mitleids umso gewisser abzustumpfen, als ja alle Leiden und Schmerzen dieser Erde nur als Seligkeiten erscheinen im Vergleiche mit den intensiv und extensiv unendlichen Höllenqualen, zu denen der größte Theil der Menschheit verdammt ist. Das Unnatürliche, Absurde und Grausame, das wir in der Rachgier der Kreuzzügler bemerkten, mußte bei Menschen in einem milderen Lichte erscheinen oder ganz wegfallen, die von dem Glauben erfüllt waren, Gott räche die von Adam begangene Sünde und die sich aufgeladene Schuld an dem überaus größten Theile seiner Nachkommen, obgleich zu diesen das Licht der Offenbarung gar nicht gelangt ist, bis in alle Ewigkeit hinaus.^) 3) Mit ihrer Drohung! „Wir vertilgen sie von Kind bis Säug ling" haben sie grausam Ernst gemacht. Siehe Emek Habacha S. 9. — Ebenso berichtet Schlosser, Weltgeschichte B. V, von den Kreuzfahrern, welche 1099 Jerusalem eroberten: ..Die ganze Nacht hindurch wurden die Moslimen gewürgt. Man metzelte alle Ungläubige nieder und schonte nicht einmal die Säuglinge. 4) Man würde sich jedoch sehr täuschen, wenn man meinte, die ausschließliche Seligkeit sei nur eine Eigenthiünlichkeit des Katholicis mus; vielmehr hielten fast alle protestantischen Reformatoren des 16. Jahrhunderts an ihr fest und erklärten, daß außerhalb der Kirche auf keine Seligkeit und keine Sündenvergebung zu hoffen sei. wobei sie jedoch über den Begriff der wahren Kirche wiederum auseinander gingen. Nur der Reformator Zwingli machte eine Ausnahme, da ec die Lehre von der ausschließlichen Selig'eit offen und unzweideutig verwarf. In einem Glaubensbekenntnisse, das er vor seinem Tode verfaßte, schildert er in herrlicher Sprache jene „zukünftige Versammlung aller Heiligen, Heroen. Gläubigen und Tugendhaften", wo Abel und Henoch, Noah und Abraham, Isaak und Jakob sich mit Sokrates, Aristides und Antiaonus, mit Numa und Camillus :c. mischen, und jeder aufrichtige und heilige Mensch, der jemals levte. in der Gegen wart Gottes weilen wird. —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.