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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-10 · Heft 15 (10.4.1883) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 15 (10.4.1883)
Date
1883-04-10
Page
Seite 240 (sequence 6)
Language
German
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240 Anderer vermeinte die Ursache aller Verfolgungen in dem von den Juden betriebenen Wucher zu finden S. z. B. Schaab in seiner „diplomatischen Geschichte der Juden in Mainz", wo er S. 67 sagt, die Christen seien (schon bei den Greuelthaten des ersten Kreuzzuges) erbittert gewesen gegen die Juden wegen ihres Wuchers, sucht diese jedoch damit zu entschuldigen, daß sie dieses entehrende Gewerbe treiben mußten, weil ihnen jedes andere verschlossen war. Prof, vr. Grätz zeigt aber in seiner Geschichte der Juden B. VI S. 434., daß dem nicht also war, daß z. B. die Juden in Speyer vor dem ersten Kreuzzuge Ländereien, Gärten, Weinberge besessen haben und ihnen vom Bischof Rüdiger Huozmann die ausgedehntesten Privilegien ertheilt worden seien, sowie daß sie im 11. Jahrhundert in Deutschland durchaus nicht verhaßt waren. — Prof. Dr. SDtto Stobbe sagt in seinem Buche „die Juden in Deutschland während des Mittelalters" S. 280: „Ich glaube, daß die Ansicht, daß der Haß gegen die Juden wohl hauptsächlich erst durch die Kreuzzüge, die den Fanatismus des Pöbels aufgeregt haben, entstanden sei, gegen welche Lambert „die Entwickelung der deutschen Städteverfassungcn (Halle 1865) I S. 64 f. in tendenziöser Weise polemisirt, in der That durch die historischen Facta in Deutschland gerechtfertigt wird rc." — Wie im ganzen fränkischen Reiche, so auch in Deutschland, waren den Juden vor den Kreuzzügen allerlei Gewerbe gestattet, darunter auch der Handel ohne jegliche Einschränkung. Sie betrieben ihn als ordentliche Kaufleute. Auch waren sie die Vermittler des Welthandels. Erst durch den verfolgungssüchtigen Fanatismus der Kreuzzüge wurde eine nationale Antipathie und ein grimmiger Haß freventlich gegen sie erzeugt: der Betrieb eines jeden ordentlichen Gewerbes und somit auch des Handels wurde ihnen untersagt; der Handwerksstand vereinigte sich allmählig in Zünften, die Kaufmannschaft in Gilden, die ihnen verschlossen blieben; auf Messen und Märkten durften sie nicht erscheinen; Grund und Boden durften sie nicht besitzen, und so wurden sie aufs Geldverleihen und auf den Einnnd Verkauf von gebrauchten Sachen beschränkt. Dazu kam noch, daß manche geistliche und weltliche Fürsten sowie auch manche Städte fortan nur dann den Juden Schutz und Aufnahme gewährten, wenn sie hoffen konnten, durch hohe, fast unerschwingliche Steuern und Abgaben, die sie ihnen auferlegten, ihre Einnahmsquellen zu vermehren oder sich aus Geldverlegenheiten zu retten. Was blieb unter solchen Umständen den Juden, wollten sie ihr Leben nur einigermaßen fristen, anders übrig als zum Wucher zu greifen? >) Ties war aber erst die Folge der 1) Das ganze Mittelalter hindurch, schreibt Slobbe a. a. O. S. 187, war den Juden der Wucher erlaubt, nur übermäßige Zinsen waren ihnen verboten. „Darin, daß man das zinsbare Darleihen nicht entbehren konnte, lag das wesentliche Motiv zur Schonung und Duldung der Juden. Als Bernhard von Clairvaux im Kreuzzüge, nicht schon die Ursache des ersten Kreuzzuges. Wie hätte auch das kreuzzüglerische Gesindel, dem alle Begriffe von Mein und Dein abhanden gekommen und das das Eigenthum auch der Christen nicht schonte — Wilhelm der Zimmermann hat schon in Frankreich die Bauern ausgeplündert, um seine Schaar auszurüsten; später haben die Kreuzzügler in Syrien manche nur von Christen bewohnte Gegend ausgeplündert — auf den Gedanken kommen können, an den Juden in den Rheinstädten wegen Wuchers Rache zu nehmen! Etwas Verkehrteres läßt sich nicht denken. Nein, nicht den Wucher, sondern den Tod Christi wollten sie an Allen rächen, die die Taufe nicht annehmen. Es war also der Fanatismus, der die Verfolgung des ersten Kreuzzuges hervorrief, und dem sich noch andere Motive beige sellten. Ich werde jetzt sowohl in jenen als in diese näher einzugehen suchen. — Aus dem im Jahre 1877 von mir herausgegebenen, auf der hiesigen Gr. Hofbibliothek sich befindenden uralten Bericht über die Judenverfolgungen in Speyer, Worms und Mainz während des ersten Kreuzzuges 10b6, der von einem Augenzeugen oder wenigstens von einem Zeitgenossen herrührt, sollen hier einige Sätze citirt werden, die den verfolgungssüchtigen Fanatismus in seinem Grunde hinlänglich begreiflich machen und documentiren. Da heißt es S. 10 und 11: „Und nun sprachen sie, nämlich die Kreuzzügler, zu einander: „„Seht, wir wagen unser Leben, um zu streiten mit den Königen der Erde, zu morden und zu zerstören solche Reiche, die nicht an Christus glauben, seht doch da die Juden, die ihn gekreuzigt haben — sie müssen sich entweder zu ihm bekennen, oder wir vertilgen sie von Kind bis Säugling."" — Und auf S. 13 heißt es: „Und da versammelten sich die Irrenden-) und sie, nämlich die sich ihnen Anschließenden, sowohl Herren als gemeines Volk, aus verschiedenen Provinzen, bis sie soviel als Sand am Meere waren, und ließen öffent-! lich bekannt machen: „„Wer einen Juden tödtet, dessen Sünden! sollen vergeben sein." " — „ Die Juden haben Jesus gekreu-; zigt." — Nachdem nach dem viele Jahrhunderte währenden ' Kampfe das Heidenthum vom Christenthum theilweise über- 1 wunden und die im Schoße des Letzteren entstandenen Sekten I! Jahre 1140 während des zweiten Kreuzzuges von der Verfolgung i der Juden abmahnte, sagte er, daß wenn die Juden nicht da wären, i die christlichen Wucherer, die man eigentlich gar nicht Christen nennen! könne, es noch übler wie die Juden machen würden. — i Zur Aufklärung der Sache füge ich noch zweierlei hinzu: erstens j verstand man im Mittelalter unter Wucher selbst den geringsten Zins; eines Darlehens, und zweitens hat das kanonische Gesetz den Christen; das Zinsnehmen überhaupt verboten. Daß jene später diese Bori schrist unbeachtet ließen, ist allbekannt. j 2) 2v;i~n die Irrenden. So pflegten die Juden des Mittel > alters die Kreuzfahrer zu nennen. Zunz, zur Gesch. u. Lit. S. 183, übersetzt „die Herumirrenden", wahrscheinlich von ihrem unsteten j Herumziehen. Man mag aber anch dabei an ihre irrigen Meinungen; gedacht haben.

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