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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-10 · Heft 15 (10.4.1883) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 15 (10.4.1883)
Date
1883-04-10
Page
Seite 239 (sequence 5)
Language
German
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LLL refpondenz der „Köln. Zeitg." soweit, aus den Bannflüchen > der galizischen Fanatiker den Schluß zu ziehen, daß „man > Dinge, welche an die finstersten Zeiten menschlichen Irrwahns j gemahnen, doch nicht von vornherein als unglaublich ab- | weisen" dürfe. Jedermann weiß, was sie meint. Jndcß! gerade dieser Umstand wird vielen Anhängern der galizifch-! orthodoxen Partei die Augen öffnen, namentlich allen, welche 1 mehr aus alter Gewohnheit, als aus wirklicher Ueberzeugung, ihnen angeschloffen geblieben. Der gegen die Mitglieder jener Versammlung eröffnete Prozeß wird diesen zeigen, daß sie fich ihren sträflichen Gelüsten nicht straflos hingeben dürfen. Ihren bisherigen Führer und Treiber hat bereits die Bor-j sehung vom Schauplatz abberufen. Die Ursachen -er Judenverfolgungen im Millelatter. Von W. Waunheimer in Darmstadl. Die Antisemiten zwingen uns über manche im Mittelalter stattgefundenen Judenverfolgungen nachzuforschen und deren Ursachen, über welche jene so gern falsche Ansichten verbreiten möchten, zu erörtern und ins wahre Licht zu setzen. Im Folgenden sollen einige nicht unwichtige Beiträge hierzu geliefert werden. — Die erste uns aus Frankreich und Deutschland bekannt gewordene blutige Judenverfolgung war wohl die, welche R. Joseph Cohen in seinem Emek Habacha (cd. Wiener) S. 18 erzählt, die nach Zunz (die synagogale Poesie des Mittelalters S. 19) unter Heinrich I. in Paris stattgefunden! haben soll. Daselbst heißt es: Zehn Nichtswürdige beschul-! digten einen Juden, er habe in einem Topfe mit Wasser! und Oel eine Hostie gekocht, und sie hätten gesehen, daß ein Kind auf dem Wasser schwamm. Der Jude wurde verj brannt, und in von der Residenz des Königs entfernten; Orten, wo sie dieser nicht schützen konnte, wurden viele Juden erschlagen und ihrer Habe beraubt. In No. 45 der isr. Wochenschrift v. I. habe ich nachgewiesen, wie die hier vorgebrachte Anklage und Beschuldigung mit der von PaschasiuS Radbertus dem Abendmahlsdogma gegebene Bestimmung, ohne welche sie gar nicht verständlich wäre, Zusammenhänge, und wie sie dazu diente, letztere, welche bei den Gelehrten auf vielfachen Widerstand stieß, beim unwissenden Volke Eingang und Glauben zu verschaffen. Und bei Ermangelung von Zeitungen war die an vielen Orten begangene Ermordung und Beraubung der Juden das geeignete Mittel, die Nachricht von jenem wunderbaren Ereigniß auch in den weitesten Kreisen zu verbreiten, das um so gläubigere Aufnahme fand, als das sich daran knüpfende, von einem Juden begangen sein sollende Sacrilegium eine Veranlassung bot, die Gier nach der Habe der Juden befriedigen zu können. — Aehnliches mag noch öfters vorgekommen sein, daß man nämlich eine bestrittene dogmatische Behauptung, deren Her» leitung und Begründung nur den Gelehrten, nicht aber dem unwiffenden Volke begreiflich war, diesem durch eine in Scene gesetzte Verfolgung hat anschaulich und faßbar machen wollen. Wie der Chemiker irgend ein Object wählt, um daran zu experimentiren und Schlüffe daraus zu ziehen, so wählte sich der Fanatismus die Juden, um durch Verfolgung und Unterdrückung derselben nicht etwa ewige Wahrheiten, sondern schwankend menschliche Meinungen zu erhärten. Und wenn die jüdischen Chronisten bei der Verzeichnung der Anschuldigungen und Verfolgungen öfters keine Rücksicht auf die Beziehung nehmen, in welcher dieselben mit dem zeitweiligen Standpunkte der christlichen Dogmen stehen, so rührt dies daher, daß manche fromme Rabbis es für eine Sünde hielten, solche Lehren zu besprechen oder niederzuschreiben, die auch nur im Entferntesten gegen den jüdischen Monotheismus zu verstoßen schienen. — Die zweite blutige und sehr große Verfolgung war die des ersten Kreuzzuges. Einige Schriftsteller unsres Jahrhunderts, die, weil selbst von toleranter und humaner Gesinnung erfüllt, sich in die grausame Fanatismuswuth früherer finsterer Jahrhunderte nicht hineinzudenken vermögen.! wollen die Ursachen aller Verfolgungen in anderen Zuständen und Verhältnissen finden. Der Eine möchte sie allesammt auf Neid und Mißgunst gegen das Besitzthum der Juden reduciren. Ich gebe zu, daß diese bei manchen Verfolgungen das treibende Motiv waren, doch nicht bei allen. So z. B. kann dies beim ersten Kreuzzuge nicht der Fall gewesen sein. Tenn die Erfahrung lehrt, daß in uns diese üblen Neigungen, die sich allerdings unter Umständen zu verderblichen Leidenschaften steigern können, in der Regel naturgemäß zunächst und hauptsächlich gegen die Menschen unsrer Umgebung, unsrer Bekanntschaft, die Mitbewohner unsres Ortes rc. sich zu regen und kund zu thun Pflegen. Aber die christlichen Einwohner der rheinischen Städte, worin beim ersten Kreuzzuge Verfolgungen stattgefunden haben, standen in ihrer großen Mehrheit den Juden bei, was doch nicht auf Neid und Mißgunst schließen läßt. So z. B. in Köln, wo die älteste und größte jüdische Gemeinde wohnte, flohen am 30. Mai 1096 die Juden vor ihren Verfolgern, den Kreuzzüglern unter Hermann dem Zimmermann, in die Häuser ihrer christlichen Freunde und Bekannten, fanden hier freundliche Aufnahme und wurden verborgen gehalten, bis sie einige Tage nachher der edle Erzbischof Hermann III. heimlich aus der Stadt führen und, um sie zu retten, auf sieben Orte seines Erzstiftes vertheilen ließ. Auch in Worms mußten fich die Städter nicht an der Verfolgung der Juden betheiligt haben; denn woher hätte denn der Bischof Johannsen die Mannschaft nehmen können, mit welcher er die Kreuzzügler streng bestrafte, als aus der Mitte jener? Ein

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