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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-10 · Heft 15 (10.4.1883) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 15 (10.4.1883)
Date
1883-04-10
Page
Seite 238 (sequence 4)
Language
German
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238 Die Sanuflüche der fogruannreu Orthodoxe» m Galizien. Unsere Lesere werden sich unserer Berichte, namentlich auch des Leitartikels S. 256 des v. I. über die Versammlung erinnern, welche damals ungefähr 300 galizische Rabbinen, chassidische und sog. orthodoxe, abgehalten, und in der sie Bannflüche gegen alle Juden, die nicht zu ihrer Fahne schwören und insbesondere gegen alle Schulbildung, deren sie allesammt untheilhaftig find, erließen. Wir gingen alsdann, wie alle Welt, stillschweigend darüber hinweg, weil wir den Vorgang ebenso für folgenlos wie ähnliche frühere Versuche hielten. In der jüngsten Zeit find die Proklamationen dieser Versammlung aber mehrfach in die Oefientlichkeit getreten I Gemeinden völlig unter die Herrschaft der Rabbinen gestellt! werden. Während dieses ganzen Zeitraums versuchten fie da, wo ihnen die Staatsregierung reactionär erschien, bei derselben auch Gewaltmaßregeln gegen jede Reformbestrebung zu erwirken. Es gelang ihnen dies z. B. in den dreißiger Jahren in Preußen. Neuerdings glaubten sie bei dem österreichischen Ministerium ein Gemeindegesetz nach obigem Sinne durchzusetzen. Wie benahmen sich die der Kultur und der religiösen Klärung zugeneigten Juden diesen Ketzergerichten und Bannflüchen gegenüber? Wir können in völliger Unparteilichkeit sagen: in der würdigsten Weise. Sie haben natürlich bei den meisten Ausbrüchen jener Fanatiker den Kampf in Wort und Schrift ausgenommen; sie haben aber niemals auf irgend und haben die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, eine thatsächliche Weise ihren Gegnern zu vergelten gesucht, so daß wir sie hier noch einmal in Betracht ziehen müssen. was diese an ihnen gethan. Sie haben den Gedanken der Von dem Augenblicke an, wo Aufklärung, Bildung und! Einheit des Judenthums niemals aufgegeben. Allen Ber- Gesittung in die so weit zurückgebliebenen Juden einzudringen begannen, lehnte sich die Stillstandspartei, denn dies ist der richtige Name für die, welche die Bezeichnung der suchen, auch auf dem Gebiete der Emancipation zwischen orthodoxen und gebildeten Juden einen Unterschied zu machen und diesen größere Rechte als jenen einzuräumen, find sie Orthodoxie" beanspruchen, gegen alle derartige Bestrebungen; entschieden entgegengetreten und haben um die bürgerliche auf. Sie verbrannten die Mendelssohn'sche Pentateuch lieberj Gleichstellung für Alle ohne Rücksicht auf die religiöse Richsetzung, obgleich diese in hebräischer Quadratschrift gedruckt tung gekämpft. Wenn die sog. Orthodoxen zu constatiren war. Als 1818 der Hamburger Tempel mit verbeffertem suchten, daß sie und die sog. Reformjuden zwei ganz ver- Cultus gegründet ward, donnerten sie mit Bannflüchen gegen schiedene Religionsparteien seien, erklärten sie sich energisch denselben. Einige Hundert Rabbinen, unter denen ein kleiner Theil Deutsche, richteten gleiche Berdammungsurtheile gegen die Rabbinerversammlung zu Braunschweig 1841. In Deutschland ganz ohne Erfolg geblieben, und sich in ihren Wirkungskreisen immer mehr beschränkt sehend, ließen deutsche hiergegen. Wo fie in der Minorität waren und fich ihren eigenen Gottesdienst herstellten, lösten sie fich niemals von der Muttergemeinde und trugen lieber die doppelten Cultnskosten. Nirgends stifteten sie gemeinnützige und wohlthätige Veranstaltungen, von deren Genuß etwa die andere Partei Rabbinen allmälig von solchen Versuchen ab. Dafür verj ausgeschlofien wäre, wie dies von der anderen Seite geschah, pflanzte sich das „ Ketzerrichten" nach Ungarn, wo mehrere j Sie haben ihre mildthätige Hand für alle Glaubensgenoffen Versammlungen sich gegen die Schulbildung und den veri ohne alle Beziehung auf religiöse Ansicht offen gehalten, besserten Gottesdienst in Bannflüchen ergingen und die jüj Alles dies sind Thatsachen, die allgemein bekannt find und dische Bevölkerung Ungarns in zwei feindliche Lager zu! für welche wir die zahlreichsten Beweise anführen könnten, spalten suchten, was ihnen auch gelang, da sie bei der Re- > So haben sie stets die höchsten Ziele der Religion: Liebe, gierung und dem Abgeordnetenhause im Namen der „Relij Gerechtigkeit und Frieden auf ihre Fahnen geschrieben und gionsfreiheit" Unterstützung fanden, neuerdings aber in Mißj sich von keinem Geschrei der Gegner darin stören lassen. Sie kredit geriethen. Die Berdammungssucht wanderte deshalb! lebten der Hoffnung, daß die Zukunft ihnen gehöre und die in den letzten Jahren nach Galizien aus. Dort, wo die! nöthige Ausgleichung bringen werde. West- und Mittelgroße Mehrheit noch dem Stillstände angehört, und die sog. j europa haben erwiesen, daß sie Recht hatten. Fortschrittspartei nur an einigen Plätzen eine größere Schaar Wir verkennen nicht, daß die jüngsten Vorgänge in Anhänger zählt, und wo mit jener der üppig wuchernde Chassidismus sich verbindet, konnten die Ketzerrichter auf einen Galizien auch nach der Seite eine schwere Versündigung der sog. Orthodoxen enthalten, als sie dem Antisemitismus eine größeren Erfolg rechnen. Sie ließen deshalb die Maske! neue und reiche Nahrung geboten haben. Wir können dies völlig fallen und zeigten ihren unsittlichen und unreligiösen! auch bei solchen Tagesblättern beobachten, welche zwar nicht Charakter, ihre der Thora, den Propheten und dem Talmud! offen fich zu jenem bekennen, aber ins Geheim ihm mit widerstreitenden Neigungen in offenster und härtester Weise, ganzer Seele anhängen. Hier ist eine Gelegenheit, sich in Sie verlangten, daß mit allen andersdenkenden Juden jeg diesem Sinne zu äußern, ohne sich geradezu als illiberal zu licher Verkehr, jedwede Verbindung abgebrochen und die I compromittiren. Verflieg fich ja z. B. eine Wiener Cor-

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