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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-10 · Heft 15 (10.4.1883) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 15 (10.4.1883)
Date
1883-04-10
Page
Seite 237 (sequence 3)
Language
German
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237 dogmatisch und praktisch zu einem Grundstock des christlichen ' Wesens gemacht, wiederum in einem viel umfassenderen Maße und einschneidender in das wirkliche Leben, als es im Judenthume geschehen. Kuenen und Bender werden sich hierbei nicht wieder auf eine Verwechselung von Rheologie und Religion berufen können; wir würden uns sonst aus alles Das berufen, was in den großen Massen des Volkes gelebt hat und lebt, was in den Kirchen gelehrt, gefordert, und dessen Verletzung schwer geahndet wurde und wird; wir würden uns berufen auf alle Erscheinungen, die seit mehr als anderthalb Jahrtausenden innerhalb des Christenthums hervorgetreten. Was hingegen einzelne Denker und Gelehrte aussondern , sichten und abstrahiren, kritisch untersuchen und extrahiren, können wir als das wirkliche Christenthum nicht gelten lassen. Müßte doch sonst jede andere Religion derselben Operation unterzogen werden, und die Resultate würden schließlich sich nicht viel unterscheiden. Also gerade die Bedingungen, welche K. und B. für den „wahrhaften Universalismus", für den Charakter als Weltreligion fordern, sind auch vom Christenthume nicht erfüllt worden. — Und endlich drittens, auch in der innern Natur des Christenthums ist ein Grundelement vorhanden, das dem Universalismus, dem Sittlichen, dem Allgemein-Menschlichen widerstreitet. Durch alle Kirchen und Sekten geht die Anschauung der Ausschließlichkeit, daß Seelenheil und Seligkeit vom Glauben und zwar an die christlichen Hauptdogmen abhängig seien, und daß ohne diesen Glauben, sei's auch durch die lauterste Entfaltung des Sittlichen, Seelenheil und Seligkeit nicht erlangt werden können. Diese, dem Christenthum tief imprägnirte Anschauung hebt den Universalismus, wie ihn K. und B. definiren, vollständig auf, und ward vom Judenthume niemals getheilt. Wir brauchen uns nur auf den talmudisch-maimonidischen Lehrsatz zu berufen, daß die Gerechten aller Völker des ewigen Lebens theilhaftig seien (Sanhedrin 105, 1.) und daß Jeder, der den einzigen Gott bekenne, Jude genannt werden könne (Megil. 13, 1.). Glauben wir hiermit erwiesen zu haben, daß das Christenthum, wie es historisch in die Erscheinung getreten, ebenso wenig den Universalismus zum Charakter und Inhalt hat, wie die beiden andern im Bereiche des Menschengeschlechtes weitverbreiteten Religionen, so geht eben daraus hervor, daß die Frage nach der „Weltreligion" eine durchaus verkehrte ist, daß wir vielmehr bei der Betrachtnahme jeder Religion die Frage zu erheben haben: in welchem Maßstabe ist in ihr das Universelle, der ethische Monotheismus, das Sittliche und Allgemein-Menschliche enthalten? Und da glauben wir berechtigt zu sein, daß wir dem Judenthume, namentlich in seinen mosaischen und prophetischen Fundamenten, ein sehr hohes Maß zuschreiben dürfen. Die in ihnen enthaltenen Lehren von Gott, dem absoluten Sein, von Gott, dem Schöpfer des Alls in Allweisheit und Allliebe, von der Schöpfung des Menschen im Ebenbilde Gottes, von der Einheit des Menschengeschlechts (1 Mos. 5, I. Sanhedrin 37.1, von der göttlichen Weltleitung, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes, von der Heiligung des Menschen, von der allgemeinen Menschenliebe, von der Unterdrückung aller schlechten und niedrigen Leidenschaften und Begierden, namentlich auch des Hasses und der Rache, sowie von der liebevollen Behandlung auch der Feinde, von der Versöhnung des Menschen mit Gott und der Sündenvergebung, alle diese und andere Lehren haben durchaus einen universellen Charakter , erfüllen die Bedingungen des Weltreligiösen. Wenn die Schriften, des alten Testaments wie die aller andern Religionen, auf Grund subjectiver Situationen und Empfindungen vielfache Aeußerungen enthalten, die diesen Lehren zu widersprechen scheinen, so muß eben in einem vorzugsweise geschichtliche Darstellungen enthaltenden ausführlichen Werke die objectivc Lehre von den Ergüssen der Subjeetivität ge- - schieden werden, und gerade aus den Gesichtspunkten, welche 1 K. und B. aufstellen, müssen wir hingegen Gewicht aus die vielen Stellen legen, in welchen das rituelle und asketische - Formenwesen verurtheilt werden. (Jesaias Kap. 1 und viele! andere Stellen.) Wenn Autor und Referent darauf hin! weisen, daß jener ethische Monotheismus selbst durch die Propheten in der Bolksgemeinde nicht rcalisirt zu werden j vermochte, so weisen wir eben darauf hin, daß Christenthum, Mohammedanismus und Buddhismus dies auch nicht ver-! mochten, sondern sich geradezu mit nicht minder starkem -Ritus und noch stärkerer Askese umgaben. Der Islam conservirte schon einen Theil des jüdischen Gesetzes und verstärkte dasselbe anderweitig; der Buddhismus kehrte zum Brahmanismus zurück. Es ist dies in der Natur des Menschen, in der Anlage des Bolkswesens begründet. Wir wünschten sehr, durch diese, wenn auch skizzenhaften Bemerkungen beigetragen zu haben, die obschwebende Frage aus ihren richtigen Standpunkt zu bringen. Daß in der Gegenwart im Judenthume wie im Christenthume das Streben vorherrscht, den universellen Gehalt immer mehr ans Licht zu setzen und von der Ueberfülle des Rituellen, Asketischen und Dogmatischen zu lösen, ist nicht zu verkennen. Allein auch hier darf die Vorsicht nicht außer Augen gelassen werden, den Bestand des Universellen durch die allzu rasche Zerstörung seiner historischen Unterlage nicht zu gefährden. Denn ihm, dem ethischen Monotheismus, steht der Gegner gegenüber, der den Monotheismus leugnet, das Ethische sich anzüeigneu sucht und sich erst recht für das Universelle ausgiebt, der Atbeismus und Marerialismtis. lö:

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