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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-04-02 · Heft 14 (2.4.1883) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 14 (2.4.1883)
Date
1883-04-02
Page
Seite 227 (sequence 9)
Language
German
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227 — Wie sich voraussetzen ließ, senden conservative Bereine zahlreiche Petitionen sür den Antrag Maltzahn auf Abänderung der Bestimmungen über den gerichtlichen Eid an den Reichstag ab. Dies wird nun weiter keinen Eindruck machen. München, im März. (Privatmitth.). Der „Studien- und Arbeitsbeförderungs - Verein sür Israeliten in Baiern" hat soeben seinen Bericht für 1882 ausgegeben. Derselbe unterstützte zwei Kandidaten der Philosophie, einen der Jurisprudenz, sechs der Medicin, neun Polytechniker, einen Gymnasiasten, sieben Schüler der Akademie der Künste, zwei Realschüler, zwei Lehramtsaspiranten, einen Oekonomen, eine Schülerin der Musikschule, neun Handwerker mit einer Aus. gäbe von 3348 Mark. Das Bereinsvermögen besteht in 1500 st. und 22,800 Mark. Der Verwaltungsausschuß konnte in seinem Berichte sagen, was anderen derartigen Vereinen selten geschieht: Die an den Verein gestellten Ansprüche waren erheblich größer als in früheren Jahren und obzwar die Ein. nahmen besonders in Bezug auf Spenden und Schenkungen einen Rückgang zu verzeichnen haben, so waren wir doch im Stande, auf alle an uns gelangten Gesuche Unterstützungen in ausgiebiger Weise zu gewährend Um so eher werden die Hoffnungen des Ausschusses, auch weiterhin die nöthige Unterstützung seitens der Beitragenden und Spender zu ererhalten, in Erfüllung gehen. Fürth, 25. März. (Nekrolog.) In den Morgenstunden des 23. ds. verbreitete sich schnell die Trauerkunde in unserer Stadt, daß Dr. Ignaz Ortenau in der Nacht v. 22. ds. in München, 54 Jahre alt, aus dem irdischen Leben geschieden sei. Diese schmerzliche Nachricht, die zunächst unsere ganze jüdische Gemeinde in empfindliche Aufregung versetzte, fand bald durch ehrenvolle Nachrufe in hiesigen und Nürnberger Zeitungen ihre Verbreitung, um die betrübende Botschaft eines schweren Verlustes zu bringen. Hier geboren, bekleidete O. viele Jahre den Posten eines Secretärs bei der jüdischen Gemeinde, wurde am 21. April 1862 als königlicher Notar ernannt (der erste jüd. Notar in Bayern) und durch Beschluß der Landwehrstellen erhielt er am 24. Mai 1867 die Stelle eines Regiments-Auditors im hiesigen Landwehrregiment. (Der erste jüdische Auditor in Bayern.) Aus die Entwicklung des Notariatswesens äußerte er durch mehrfache Schriften großen Einfluß. Sein Commentar zur Subhastationsordnung wird als bester Jntcrpretationsbehelf zu diesem Gesetze geschätzt. O. besaß eine glaubenstreue Ueberzeugung für das Judenthum, besten Interesse er mit Freimuth und wahrer Herzenswärme vertrat, er that dies nicht bloß aus Rechtsprincipien, sondern auch als Jude, als aufrichtiger Bekenner des Judenthums, dem er in praktischer und specisischer Weise seine Dienste jederzeit freudig widmete. Seine Schrift „Die rechtliche Stellung der Juden in Bayern" wurde preisgekrönt und mit dem Accessit belohnt, er war Vorstand der hiesigen Cultusgemeinde und das Vertrauen seiner Glaubensgenossen berief ihn auf die gleiche Stelle in München, wohin er seit sieben Jahren gezogen war, um dort das Notariat auszuüben. Die hiesige Gemeinde delegirte O. zu dem 2. deutschisraelitischen Gemeindetag in Leipzig, der am 14. April 1872 in der Synagoge zu Leipzig eröffnet wurde. Als der inzwischen leider verstorbene damalige Vorsitzende, Herr Moritz Kohner in Leipzig, die Versammlung zur Wahl des Ausschusses für die nächsten drei Jahre schreiten ließ, befand sich auch O. unter den Gewählten. Am 13. Dezember 1874 bildete sich hier ein Verband bayrischer Gemeinden gegen den Wanderbettel, O. präsidirte der damaligen Versammlung, welche die unter seiner thatkräftigen Mitwirkung verfaßten Statuten nach 5 ständiger Berathung annahm, in musterhafter Weise. Das lebhafteste Interesse O.'s für Juden und Judenthum giebt Anlaß zu einer culturhistorischen Bemerkung. Durch das ganze Mittelalter bis auf die neueste Zeit übten die jüdischen Aerzte auf jüdischem Gebiete großen Einfluß. Sie bildeten ein starkes Band zwischen der Cultur und ihrer Glaubens - genoffenschaft und ihre Ueberzeugungstreue wirkte schaffend und belebend. In der letzten Zeit haben die Juristen die Rolle den Aerzten abgenommen. Die für das Judenthum thätigen Aerzte vermindern sich, während eine beträchtliche Anzahl von Juristen hiefür eintreten. Es giebt eben keine wissenschaftliche und besonders keine mit dem praktischen Leben verbundene wissenschaftliche Ausbildung, die nicht zugleich eine lebhafte Theilnahme für das Judenthum und die Religionsgenoffenschaft in jüdischen Männern erweckte! Die Verdienste O.'s fanden in hohen und höchsten Kreisen verdiente Würdigung. Se. königl. Hoheit Prinz Luitpold von Bayern verlieh O. für eine Denkschrift über das Erbfolgerecht in das früher dem Prinzen Carl zugestandenc Secundogenitur-Fideicommiß eine goldene Medaille mit dem Bild und Wahrspruch des Prinzen; Se. Majestät der König von Bayern zeichnete ihn durch Verleihung des Ritterkreuzes 1. Claffe des Verdienstordens vom heiligen Michael aus. Am 23. August 1870 begab sich O. mit mehreren Menschenfreunden auf den Kriegsschauplay, um die zweite Samm lung des hies. Hilfsvereins zu überbringen. In allen Richtungen, nach welchen hin sich O. bewegte, steckte er sich die höchsten Ziele und erreichte eine bedeutsame Stufe, lieber sein edles Gemüth, seinen hohen Geist, die vollkommenste Unbescholtenheit seines Charakters, seine Leutseligkeit, Dienstfertigkeit und Liebenswürdigkeit herrscht nur j Eine Stimme. O. war eine nach menschlicher Weise vollenj bete Natur, als Mann der Wissenschaft, als Glied der menschi lichen Gesellschaft, als Bürger der Stadt, als Beamter des Staates, als Jude; die Milde und Besonnenheit, welche zu 14

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