Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1883)
- Date
- 1883-04-02
- Page
- Seite 221 (sequence 3)
- Language
- German
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221 Weise für begünstigt, sich für benachteiligt und „enterbt". Daß zur ergiebigen Produktion außer der mechanischen Arbeit auch noch das geistige Wissen und Können und das Kapital unentbehrliche Momente bilden, wird nicht beachtet; man macht sie glauben, daß das Kapital confiscirt und die geistige Begabung der mechanischen Arbeit unterthan gemacht werden könnten, und nun verlangen sie dies, während doch das Kapital, sobald es eingezogen ist, leblos und sich selbst verzehrend wird, und die geistige Begabung und Thätigkeit in solcher Unterwürfigkeit zu Grunde gehen und zur Indolenz berabsinken würde. Jndeß der Riß ist einmal da, die Bewegung in Fluß gerathen und die moderne Wisienschast hat die Waffen einer gewiffenlosen Revolution durch ihre Erfindungen ungemein vermehrt. Um so mehr lebt in jedem Geiste die Frage: wie diesen gesellschaftlichen Zuständen abzuhelfen sei? Die Mittel, die sich darbieten und sich finden lassen, sind sehr verschieden. Das erste ist: eine starke Regierung, welche jedem revolutionären Versuche der socialistisch - anarchischen Partei mit; allen ihren Machtmitteln entschieden entgegentritt. Wir haben oben bemerkt, daß im Laufe der Geschichte noch kein socialer Aufstand gegen die organisirte Gesellschaft einen Erfolg erzielt hat. Allein ebenso lehrt die Geschichte, daß es einem entschlossenen Haufen einer schwachen Regierung gegenüber öfters gelingt, einen augenblicklichen und örtlichen Sieg zu gewinnen. Die Geschichte der französischen Revolution bis zur Commune von 1871 hat derartige Vorgänge genügend verzeichnet. Freilich bringt die Notwendigkeit, gegen eine gährende Masse zu den Mitteln der Gewalt zu greifen, es mit sich, daß die politische und religiöse Freiheit geschädigt und in wesentlichen Momenten hintenangesetzt werde. Aber so beklagenswerth dies ist, so steht doch der Umsturz der Gesellschaft, die maßlose Verwirrung aller Verhältnisse, der bedingungslose Angriff auf Eigenthum und Leben höher; jene politische und religiöse Freiheit kann und wird ihre volle' Geltung in der geordneten Gesellschaft immer wieder erlangen. Aber es ist doch einsichtlich, daß die Anwendung der Gewalt gegen die empörerische Menge zwar die traurigen Folgen der aufrührerischen Bewegung verhindert, aber dem Uebel selbst keine Abhilfe schafft. Ein anderes, nur sekundäres Mittel liegt in der gerechteren Steuervertheilung. Man will die ärmeren Klaffen von allen Steuern befreien und diese in progressiver Weise auf die Besitzenden legen, ja man will durch eine stärkere Besteuerung die Anhäufung des Kapitals vermindern. Aber so gerechtfertigt der erste Theil dieses Rathes ist, so bleibt seine Wirkung für die Verhält niffe im Großen nur gering: der zweite Theil ist unserer Meinung nach ein Jrrthum. Auch er ist gerechtfertigt, wenn die Bedürfnisse des Staates es erfordern, aber die Cumulation des Kapitals kann er nicht verhindern, sondern nur einigermaßen erschweren; es ist wie eine Tantieme, die einem stillen Socius gewährt wird, die jedoch dem Geschäfte selbst nicht schadet. Richtig ist es, daß die sociale Anarchie in einer Demoralisirung der Masse beruht, und ebenso gewiß ist es, daß, wenn es gelingen könnte, in den Geistern der Menge die wahre Moral wieder zu erwecken und zur Herrschaft zu bringen, den Verführern der Masse der Boden hinweggenommen wäre. Auch halten wir uns überzeugt, daß es gerade das moralische Gefühl ist, welches einen großen Theil des Volkes von der social-anarchischen Bewegung zurückhält. Würden die Begriffe von Recht und Unrecht, die Ueberzeugung von einem göttlichen Gesetz, wie es in der Natur des Menschen liegt und wie es ausgesprochen und überliefert ist, würde die richtige Vorstellung vom Werthe des Besitzes und wie derselbe Unzufriedenheit, Unruhe, geistiges und leibliches Siechthum durchaus nicht verhindert, sondern in zahllosen Fällen vermehrt, würden Mäßigkeit, Familiensinn, Sittenreinheit wieder allgemeiner und der Hang zu sinnlichen Genüssen und Luxus verringert werden, so würde der Sturm sich bald legen und die Wellen des gesellschaftlichen Lebens sich beruhigen. Aber dies ist eben die Schwierigkeit; : denn wo das sittliche Bewußtsein vor dem Eigennutz und; einem Wahngebilde von Recht geschwunden, da ist es unendi lich schwer, es wiederherzustellen. Dennoch muß um fo unermüdlicher hierauf hingearbeitct werden durch Alle, die dazu j berufen und befähigt sind. Dann aber müßten auch die übri- ' gen Stände und Klassen mit gutem Beispiele vorangehen und jenen Geist des Haders, des Parteikampfes, des eonfessionellen und socialen Hasses, des Jnteressenkampfes aufgeben, der unsre gegenwärtige Welt mehr als in vielen früheren Perioden zerwühlt. — Wie dem aber auch sei, die Einsicht beherrscht Alle, die sich für die große sociale Frage interefsiren, daß auch Positives und Reales geschehen müsse, zunächst um den härtesten Uebelständen abzuhelfeu, und zwar durch Unfallversicherung, Krankenkassen, Älltcrsversorgung, Arbeiterwohnungen u. s. w. Diese Idee ist nicht neu; sie ist schon vor vielen Jahrzehnten ventilirt worden; wir berufen uns z. B. auf unsre desfallsigen Aufsätze in der „Zeitung für die Gewerberäthe" (Magdeburg, Baensch, nämlich als obligatorische Veranstaltungen mit Beitragsver pflichtung für die Arbeitgeber. Damals aber verweigerte die Staatsregierung ihre, hierzu doch unentbehrliche Mithilfe. Jetzt ist dieser Gedanke allgemein als die Befriedigung nicht abznweisendcr Bedürfnisse anerkannt und geht jedenfalls seiner Verwirklichung entgegen. Die Schwierigkeit ist nur. woher die Mittel zur vollständigen Erreichung dieser Zwecke hernehmen? Die oft vernommene Antwort lautet: wenn der Staat sich zu einer bedeutenden Herabminderung des Mili täretats entschließen könnte, würden die Mittel in genügen dem Maße fließen. Allein wer sieht nicht ein, daß dies für 1 l*