Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1883)
- Date
- 1883-03-27
- Page
- Seite 214 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227461--40691-3309103- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
! 214 von Neuem, und eine Viertelstunde später zweite Schotte geschlossen. Jetzt fing die Stoßen begann war auch die Maschine wieder zu arbeiten an, nicht aber um das Schiff, sondern die zahlreichen Schläuche des großen Pumpwerkes in Bewegung zu setzen. Ungeheure Mafien von Seewasser wurden in den Theil des Raumes gelassen, wo das Feuer wüthete. Bald begann es zu zischen und zu brausen; neben den schwarzen Rauchwolken stiegen weiße Wafferdämpfe auf, den Kampf bezeugend, den drunten die beiden feindlichen Elemente mit einander führten. Eine Stunde später waren die Rauchwolken, die schwarzen wie die weißen, verschwunden, das Feuer war gelöscht und man setzte jetzt die Pumpen zur umgekehrten Arbeit in Thätigkeit, das Waffer aus dem Raume wieder zu entfernen. Als auch dies gelungen, untersuchte man genau den angerichteten Schaden. Die aufgespeichertcn Güter waren zum größten Theil verbrannt oder verdorben. Glücklicher Weise war das Reisegepäck der Paffagiere in einem anderen durch die Schotten abgeschlossenen Raume eingcstaut gewesen, so daß nichts davon verloren gegangen. Auch die Wandung und der Boden des Schiffes hatten weniger I gelitten, als. man gefürchtet, und konnte der Schaden bald wieder hergesteüt werden. Glücklich über die bestandene Gefahr setzte man sich, wenn auch später als üblich, zu Tische. Nur einige der Passagiere waren in größter Unruhe, von welchen Verwandte oder Freunde sich in das Boot geworfen hatten. Schon beim Beginn der Thätigkeit zur Rettung des Schiffes hatte der Capitän die Kanonen lösen und Signale aufhissen lassen, um dem Boote den Befehl zu geben, zurückzukehren. Aber ob die Leute im Boote diese Signale nicht gehört und nicht gesehen, nicht gehorchen wollten oder konnten: das Boot kehrte nicht zurück und man hörte niemals wieder von ihm. — Während diese aufregenden Scenen an ihnen vorübergegangen, beruhigte sich natürlich auch der leidenschaftliche Zustand Krämers. Es kam ihm zum vollen Bewußtsein, daß er nur der Energie des von ihm verachteten und gehaßten Juden sein Leben zu danken habe. Es traten ihm jetzt erst alle Einzelheiten des Vorganges vor die Seele und da mußten in ihm alles Vorurtheil, aller Widerwillen niedergeschlagen und die bessere Erkenntniß siegreich werden. Er erhob sich endlich von seinem Sitze und eilte zu den beiden „Beruhigen Sie sich, Herr Krämer", erwiderte Meyer ruhig aber freundlich. „Es war eine Fügung Gottes, und ich habe nur das gethan, was Ihr «Christenpflicht» zu nennen pflegt, was aber auch mir die Vorschriften meiner Religion gebieten, und was wir deshalb richtiger «Menschenpflicht» nennen wollen. Nicht mehr, nicht weniger habe ich gethan, und wenn dies einen Dank beanspruchte, so könnte er nur darin bestehen, daß Sie, Herr Krämer, vorkommenden Falls in Gefahr befindlichen Mitmenschen Ihre Hülfe brächten, und solche Fälle bleiben bei Niemandem aus." „Wohl, Herr Toctor'. Ich habe keine andere Antwort erwartet. Doch lassen Sie es mich offen und unumwunden aussprechen: was hier geschehen, hat das leider bis jetzt mich beherrschende Vorurtheil mit Stumpf und Stiel aus meinem Herzen ausgcrottet, aus meinem Geiste verbannt. Ich habe das Schiff mit der düstersten Anschauung über Ihr Geschlecht und Ihren Glauben bestiegen, und verlasse es, gereinigt und geläutert von diesem Irrwahn. Ich werde fortan meine geringen Kräfte darauf verwenden, wo und wie ich es vermag, diesen sog. Antisemitismus zu bekämpfen und überall, wo sich mir die Gelegenheit bietet, werde ich Ihren Glaubensgenossen in freundlichster und werkthätigster Weise begegnen." „Das freut und befriedigt mich in ungewöhnlichem Maße", erwiderte Meyer. „Aber die Offenheit, mit der Sie dies erklären, fordert auch mich aus, mich frei auszusprcchen. Ich würde ein viel größeres Gewicht darauf gelegt haben, wenn Sie aus reiflichem Nachdenken und selbständiger Beobachtung der Lebensoerhältnisse zu diesen besseren Ansichten gekommen wären, als daß Sie dieselben ans einem einzigen selbsterlebten Beispiele gezogen. Denn wie sie jetzt aus diesem zu einer richtigeren Ansicht gekommen, so berufen sich unsre Gegner auf einzelne Beispiele von jüdischen Schurken, und rechnen die Unthaten dieser der ganzen Genossenschaft an, welche daran völlig unschuldig ist. Nein, verständigen wir uns wohl darüber: wir haben uns als Menschen, wes Glaubens und Stammes wir auch seien, gegenseitig zu achten, freundlich und helfend zu behandeln, uns gegenseitig dieselben Rechte und Pflichten zuzuschreiben, und nur diejenigen auszuschließen, die si^ durch ihre Handlungen dessen unwürdig machen, aber auch dann nur nach dem Maße, als sie es verdienen. Dahin müssen uns Bildung, Wissenschaft, Freunden, die mit Beobachtung der Fortschritte des Rettungs-.Kunst und das entwickelte soziale Leben führen, sonst wüßte Werkes beschäftigt, etwas entfernt von ihm neben einander! ich nicht, wozu alle diese mühsam errungenen Dinge, auf die standen. „Mann", sprach er tiefbewegt Meyer an, „Sie haben! unsre Zeit so stolz ist, nützen." mir das Leben gerettet, und mit einer Selbstverleugnung j Noch drei Tage und das Schiff landete im Hafen von und Hingebung, die ich bewundernd anerkennen muß! Wie soll!New-Z)ork. Die drei jungen Männer hatten während derich, wie sollen meine Eltern und alle Meinigen Ihnen genugselben freundschaftlich verkehrt. Jetzt sagte Krämer zu Meyer: sam dafür danken. Ja, mein ganzes Leben hindurch werde ich j „Ich setze voraus und bitte Sie dringend, eine Zeitlang in es Ihnen nicht vergessen, und wir werden glücklich sein, wenn! unsrem wohlcingerichteten Hause, das uns erwartet, zu verwir Ihnen dies irgendwie zu bethätigen vermöchten!" . . . j weilen. Es wird mir ein großes Vergnügen sein, mit Ihnen