Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1883)
- Date
- 1883-03-27
- Page
- Seite 213 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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213 Folgen kommen könnte. Ich bin der Acltere und für Dich Deinem Vater gewissermaßen verantwortlich, da er mich verpflichtet hat. Deine ersten Schritte in der neuen Welt zu überwachen. Ich sage Dir aber, daß, wenn Du meinen Freund, der zehn Mal so viel Ehrgefühl hat als Tu, durch das Anerbieten eines Honorars und überhaupt durch irgend eine Beleidigung noch einmal kränkst, so trete ich ganz aus seine Seite und breche mit Dir gänzlich, und sollte es mir meine Stelle in Eurem Hause kosten. Ich habe ihn Dir vorgestellt, und so bin ich ihm verantwortlich für die Behandlung seitens dessen, dem ich ihn vorgestellt!" — Mit diesen Worten wandte er seinem Vetter den Rücken zu und begab sich in die Kajüte herunter. Krämer blieb lange Zeit in sich versunken zurück. Ter aufmerksame Beobachter konnte an seinen Mienen und Blicken den Groll bemerken, der in ihm kochte. Ec verwünschte den unglücklichen Zufall und verstockte sich nur in seinem Grimm gegen den unschuldigen Gegenstand seiner Borurtheile und seines Haffes. Er habe ihn ja gar nicht aufgcfordcrt, ihm zu Hülfe zu kommen; er habe sich zugcdrängt, wie es diese Leute zu thun pflegen; die Sache wäre auch gar nicht so schwierig gewesen und der Schiffsarzt hätte cs eine Viertelstunde später ebenso gut gemacht. Er fing an, seinen Unmuth auch auf seinen Vetter zu übertragen, lehnte sich gegen deffen angemaßte Vormundschaft auf und beschloß, sich feiner so bald wie möglich zu entledigen, wenn er erst festen Fuß in New-Aork gefaßt hätte. Eine Woche war verfloffen. Längst hatte der Dampfer den Kanal durchfahren; der Scheideblick auf die Kreidefelsen Englands war der letzte Abschiedsgruß für die alte Welt. Man hatte die Höhe des atlantischen Lceans erreicht. Es war stürmisches Wetter geworden; die Wellen gingen hoch und starke Regengüsse waren nicht selten. Dennoch fand sich während der Tageszeit die Mehrzahl der Passagiere auf dem Verdeck ein, denn in den Cajüten und Cabinen war die Luft heiß und drückend. Meyer und Krämer grüßten sich kalt aber höflich, wenn sie einander trafen, vermieden sich jedoch soweit es möglich. Es war um Mittag; die Sonne kämpfte mit den rasch hineilenden Wellen. Das Schiff flog vor dem Winde und die Passagiere beobachteten diese schnelle Fahrt mit Befriedigung, denn um so eher schien das ersehnte Ziel erreicht zu werden. Da plötzlich erscholl der Ruf: „Feuer im Schiff!" Es verbreitete sich schnell das Gerücht, daß es im Raume, wo die Güter lägen, brenne und zwar gerade da, wo feuergefährliche Stoffe aufgehäuft waren. Eine furchtbare Panik ergriff Passagiere und Mannschft. Es waren in den letzten Jahren zu viele derartige Unglücksfälle vorgekommen, und in den Zeitungen ausführlich beschrieben worden, ahs daß man sich nicht sofort in die äußerste Ge, fahr versetzt glauben sollte. Eine dichte Rauchwolke drang aus einer Luke hervor und bestätigte den Schreckeusruf. Es war ein schreckensvollcs Durcheinander, ein Schreien, Jammern, Winseln. Viele stürzten nach ihren Cabineu, um ihre werthvollsten Sachen zu retten; Andere getrauten sich nicht hinunter, da sie daselbst den Tod ihrer schon wartend glaubten. Ter Capitän befahl die Maschine zu stoppen und eilte mit seinen Lfficieren in den Schiffsraum hinab, um sich von der Größe der Gefahr zu überzeugen. Sofort stürzten viele Passagiere zu einem der Boote und drängten einige Matrosen, es hcrabzulaffen; ja sie boten ihnen große Summen, es auch in Abwesenheit des Capitäns zu thun. Die Matrosen gaben nach, das Boot wurde Heruntergelaffen, eine Anzahl Passagiere stürzte sich hinein und immer mehr drängten nach. Auch Krämer war unter den letzteren und setzte alle Kräfte daran, die ihn umgaben, zurückzudrängen und über die Ballustrade in das Boot zu gelangen. Auf einmal fühlte er von kräftigen Händen seinen Arm umfaßt und sich zurückgeriffen. Es war Meyer, der ihm mit donnernder Stimme zurief: „Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, bleiben Sie zurück! Sehen Sie nicht, daß das Boot schon weit überfüllt ist und sich unmöglich auf den stürmischen Wellen über Wasser halten kann! Hier auf dem Schiffe aber ist noch lange nicht Alles verloren, und im Falle der Noth wird der Capitän die anderen Boote regelmäßig bemannen und besetzen lassen." — Krämer hatte diesen Worten kaum seine Aufinerkfamkeit geschenkt; er rang mit Meyer, um sich von ihm loszureißen; er erhob die geballte Faust, um ihn ins Gesicht zu schlagen, und schrie wüthend: „Hund von einem Juden, last" mich los oder ich morde Dich!" — Aber in demselben Augenblicke fiel ihn Hoffmann von der anderen Seite an, und die beiden rissen den Tobenden aus der Menge nach einem anderen, verlassenen Platze des Schiffes. Unterdeß war auch das Boot vom Schiffe abgestoßen und entfernte sich schnell von dem stillliegenden Schiffe über die schäumenden Wellen hinweg. Erschöpft warf sich Krämer auf einen Sitz, seine Zähne knirschten, seine Augen wallten vor Verzweiflung und Zorn. . . Jetzt kam der Capitän auf das Verdeck zurück und als er hörte, was vorgegangen, und das forrschießende Boot erblickte, war er einen Augenblick außer sich. „Ungehorsame Mannen", rief er aus, „Ihr werdet Eurer Strafe nicht entgehen!" Bald faßte er sich und gab nun seine Befehle. Tie übrigen Matrosen und was von den Passagieren Kraft und Geistesgegenwart besaß, stellte sich ihm zur Verfügung. Bald raffelte und knarrte cs im Innern des Schiffes, ein Schieben und Stoßen, daß der ganze Schiffsrumpf erzitterte. Ter Capitän lauschte gespannt, und als ein dumpfer Schlag aus der Tiefe ertönte, richtete er sich hoch auf und rief, daß es durch den Wind über das ganze Schiff tönte: „Jetzt sind wir gerettet!" — Bald wurde ihm auch gemeldet, daß die erste Schotte vollständig zu schließen gelungen sei. Das Klirren ,nb