Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1883)
- Date
- 1883-03-27
- Page
- Seite 206 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227461--40683-3309095- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
I- 206 zu eilen, nur fehlt Klarheit ihrem Wunsche und ihrem Streben ein bewußtes Ziel; nur gebricht es ihnen an Einheit und Einigkeit, an einer Fahne, um die sie sich alle versammeln sollten, an Leitung und an Belehrung, und daher zerstreuen sie sich nach verschiedenen Richtungen, und zersplittern ihre schwachen, unerprobten Kräfte. Die Einen wollen par tout sofort in Palästina ein jüdisches Reich nach der allerneuesten socialistischen Theorie gründen, die Anderen sehen alles Heil in einer jüdischen Colonisation der unlängst von Rußland eroberten wüsten asiatischen Ländereien: die Einen glauben durch Förderung der neuhebräischen Sprache und Literatur, durch die Herausgabe hebräischer Manuscripte Israel aufzurichten, die Anderen erwarten die Erlösung von allen Leiden und Verfolgungen von einer völligen Assimilation mit den Rusien; die Einen dünken sich über alle Religion und Religiosität erhaben, und lasten das Judenthum nur als Nation gelten, für welche sie, wo es auch sei, poli tische Selbständigkeit unverzüglich erkämpfen, oder, wenn dies schiedenen Restarts, nach Vereinbarung des Präsidenten mit den betreffenden Ministern und Verwesern zu ernennen. 3) Dem Präsidenten der Commission steht das Recht zu, bei den Berathungen der einzelnen Fragen Experte hinzuzuziehen. 4) Die Arbeiten der Commission sind unmittelbar nach ihrem Abschluß durch den Minister des Innern in gesetzgeberischer Ordnung zur Begutachtung vorzulegen. — Solche Commissionen zur Revision auf Juden bezüglicher Gesetze haben in Rußland nicht wenige und bis heute meist ganz fruchtlos getagt. Wenn wir uns dennoch von der gegenwärtigen Commission etwas versprechen, so ist es der Persönlichkeit ihres Präsidenten Makoff und der ihm verliehenen weitgehenden Vollmachten zu verdanken. Makoff gehört zu den tüchtigsten russischen Staatsmännern und Würdenträgern, die von der Pike hinauf gedient haben bis zu den höchsten Posten. Dank seiner Begabung und Energie, seinem Diensteifer und sittlichen Ernst, hat er es vom kleinen Beamten bis unmöglich ist, das ganze Judenthum fallen lasten möchten;! zum Minister des Innern gebracht. Uebrigens hat H. v. M. die Anderen, denen es nicht genügt, ein treuer Bürger des russischen Vaterlandes zu sein, und die sich gern als Vollblutrusten betrachten, erkennen das Judenthum blos als Religion an, und schreien Zeter nach Reforrnen, und zwar noch solchen, die den jüdischen Cult möglichst dem russischen gleich machen, und dafür die reformirten Juden zur Emancipation und zu äußeren Abzeichen von den übrigen Juden berechtigen sollten. Alle diese Richtungen, Wünsche und Bestrebungen schon jetzt seine strenge Gerechtigkeit bethätigt, indem er zum Mitglied besagter Commission einen Juden ernannt, was seine Vorgänger nicht für nöthig hielten. Dieser Jude ist, wie ich aus sicherer Quelle erfahre, der rühmlichst bekannte Financier Dr. I. I. Kaufmann, der auch außer den Aemtern seiner Specialität, seit einigen Jahren das Amt „eines Beamten zu besonderen Aufträgen in jüdischen Angelegenheiten" am Ministerium des Juden bekleidet und eine haben zwar bis jetzt blos in unzähligen Zeitungsartikeln! Reihe von Jahren Mitglied des Comitös „ des Vereins zur und besondern Brochüren viel Rumor gemacht und zu nichts > Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland" war, geführt; nichtsdestoweniger sind sie doch beredte Zeugniste und schließlich von Odessa zu ihrem Deputirten in der d. g. von einer inneren Bewegung, vom Erwachen des jüdischen Rabbiner-Commission, welche im Jahre 1879 am Ministerium Bewußtseins, vom Jntereste am Schicksal ihres Volkes, und > des Innern gewählt wurde. H. Kaufmann hat mithin schon das allein ist immerhin doch etwas, was nicht zu! Gelegenheit gehabt, die jüdische Frage nach verschiedenen unterschätzen ist: und wie unreif, roh und unklar diese! Seiten hin zu studiren. Statistiker und Oekonom vom Fach, Richtungen, Wünsche und Bestrebungen auch sein mögen, es liegt doch in ihnen allen ein Keim, der, mutatis mntauckis, unter sorgfältiger Pflege und gedeihlichem Umgang gute Früchte tragen könnte. Doch darüber nächstens. Für jetzt genug. .—z. Die jüdische Frage ist in eine neue, und wollen wir hoffen, in eine günstigere Entwickelungs - Phase getreten. Dem „Regierungsbote" zufolge hat Seine Majestät der Kaiser auf den Bericht des Ministers des Innern vom 4. 16. Februar d. I. Allerhöchst zu befehlen geruht: 1) Behufs Revision aller auf die Juden bezüglichen Gesetze eine besondere Commission einzusetzen. 2) Zu Gliedern der Commission, deren Präsident der Wirkliche Geheimrath Makoff ist, sind die Glieder der ver wird er wohl im Stande sein, die Rechte der Juden, mit Zahlen in der Hand, auch von ökonomischer Seite hin zu verfechten. Als Schwiegersohn des greisen, hochgeachteten neuhebräischen Literaten und bewährten Veteranen in der jüdischen Frage H. Moses Berlin, welcher lange Jahre als „gelehrter Jude" beim Mogilow'schen Generalgouverneur angestellt war, ist er gerade an der rechten Quelle, aus welcher er im Nothfalle jüdisch-wistenschaftliche und ähnliche Daten schöpfen könnte. Was die jüdische Gesinnung des H. Kaufmann betrifft, so haben wir von ihr nur das Beste zu erwarten. Zum Schluß sei mir gestattet, ein Gerücht hier mitzutheilen, das mir von zuverlässiger Seite zuging, und recht wahrscheinlich klingt. Der Generalgouverneur von Kiew, General (der Judophobie) Drenteln, soll bei seinem jüngsten Aufenthalt in Petersburg neue „Gseroth" gegen die