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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-03-27 · Heft 13 (27.3.1883) · p. Seite 205

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 13 (27.3.1883)
Date
1883-03-27
Page
Seite 205 (sequence 7)
Language
German
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205 in einem frühern Briefe* auseinandergesetzt. In erster Linie ist es der Mangel an Idealismus in dem durch und durch realistischen Russen, dem „ein Nagel des letzten Schmiedes werthvoller als alle Madonnen Raphaels" ist. Daher kommt es wohl, daß Rußland an naturwissenschaftlichen Specialisten keinen Mangel, an Ingenieuren und Technologen sogar einen Ueberschuß haben soll, während die Katheder der Philosophie und Jurisprudenz, der Geschichte und Philologie, und was kaum glaublich ist, insbesondere der russischen Geschichte, Sprache und Literatur — wohl aus dem Grunde, weil dazu ausländische Kräfte schwer herbeizuschaffen sind — Jahre lang unbesetzt stehen. Eng verbunden mit dem Mangel an Idealismus ist der Mangel an Anregung zu wiffenschaftlichen Bestrebungen von Seiten der russischen Gesellschaft. Gute, ernste und besonders noch umfassende Bücher, wenn sie nicht gerade in Paris Mode sind, werden wenig gelesen. Der erste Schriftsteller hat hier kein Publicum, besonders wenn er nicht versteht, durch liberale Phrasenmacherei und Bolksthümelei sich bei der studirenden Jugend einzuführen. Gelehrsamkeit ist überhaupt in Rußland eine Erscheinung, die noch recht neu ist, und es ist ihr bis heute noch nicht gelungen, ordentlichen Respect und Achtung sich zu verschaffen, von Liebe spreche ich schon nicht. Der Name Gelehrte ist noch immer ein leerer Schall. Im russischen Salon wird der letzte Lieutenant dem ersten Doctor den Rang ablausen, und der Professor gilt nur so weit als seine Rangklasse. Wenn man aber partout als Gelehrter gelten will, so kostet es einem nicht viel; man braucht bloß einige Werke über eine gewisse Frage zu lesen, gewandt mit gelehrten Brocken um sich zu schleudern, und ernste Miene zum geschickten Spiel zu machen, und siehe da — man wird zum Specialisten gekrönt. Ich kenne selbst solcher Specialisten nicht wenige. Gestützt darauf, daß ernste umfassende Werke hier wenig oder gar nicht gelesen werden, verstehen so manche Carrieremacher, dickleibige Bücher mit hochgelahrt klingenden Titeln zu schreiben, um eines Tages als „unser bekannter oder gar berühmter Gelehrter" begrüßt und höheren Ortes „wegen eminenter gelehrter Verdienste" befördert zu werden. Solche Verhältnisse konnten nicht ohne Einfluß auf die sich russificirenden Juden bleiben. Wenn in den wissenschaftlichen Disciplinen, die an sich weniger Idealismus und Anregung fordern, wir noch einige verdienstvolle Gelehrte aufzuweisen haben, wie Physiologen, Mediciner, Mathematiker und Juristen: — so haben wir auf anderen Gebieten der Wissenschaft und insbesondere auf dem des Judenthums, bis auf H. vr. Harkawy und Steinberg, noch keinen einzigen Gelehrten von irgend welcher Bedeutung. So tritt denn der russische Einfluß auf die sich bildende russische Judenheit in Richtung und Leistung in einer frappanten und höchst traurigen Weise hervor. Leute, die alle Anlagen dazu hatten, Männer der Wissenschaft par exeolleneo zu werden, sinken unter dem russischen „Realismus", um nicht zu sagen, — Nihilismus, zu simplen Professionisten herab. Bon diesen Herren, denen Geld, Genuß gesellschaftliche Stellung meist Alles ist, die Wiedergeburt der jüdischen Wissenschaft, die Verjüngung des Judaismus und die Bekämpfung des entarteten und immer mehr um sich greifenden Materialismus zu erwarten, und in ihre Hände das Schicksal Israels zu legen, das hieße wohl den Wolf zum Hirten machen. Nun aber wächst die Zahl und die Macht dieser Herren mit jedem Tag. Die Rusfificirung geht mit der zunehmenden Bildung der russischen Judenheit Hand in Hand, und macht Riesenfortschritte, und es ist durchaus nicht gefehlt, wenn man glaubt: der Russiftcation gehöre die Zukunft. Wir haben gesehen, was diese Russification bedeutet, welche Gefahr sie dem Judenthum droht, und was sie schon aus einem beträchtlichen Theil der russischen Judenheit gemacht hat; und wie dürfen wir gegen sie gleichgültig bleiben, sie ungehemmt in das Judenthum eindringen lassen, und müßig zusehen, wie sie Hand an unser Heiligstes und Theuerstes legt?! Wie dürfen wir es, wofern wir noch Juden sind, wofern wir das Berständniß für die große Mission Israels noch nicht verloren haben, die Liebe zu unserem hartgeprüften Volke in uns noch nicht erloschen ist, und wofern wir nicht feig und treulos mit den heiligen Traditionen unserer Väter brechen, und die Fahne unserer viertausendjährigen Cultur, für die wir so unsäglich viel geduldet und gelitten haben, fallen lassen wollen! Nein! Wir dürfen es nicht, und wir werden es nicht! Wir sind Juden, und wir werden Juden bleiben. Mögen schwache Gemüther, vom modernen Hellenismus und vom russischen Nihilismusangekränkelt, die Hoffnung auf die Zukunft und Größe Zsraels verlieren, mögen schwankende Geister, ohne Glauben an die Menschheit, ohne die Geschichte und die Bedeutung Israels für die Menschheit zu kennen, an seine, Israels Mission ■ zweifeln, oder sie gar als eine Illusion betrachten; noch leben? die Millionen Juden, die vom Glauben an die Menschheit und an Israels Beruf, sie zu lehren und zu bessern, „ein! Reich der Priester und ein heiliges Volk" zu sein, beseelt und : durchdrungen find; noch begeistert ein jugendfrisches Hoffen, ja ein unerschütterlich festes Vertrauen auf eine große Zu-! kunft unseres Volkes Millionen Glaubensgenossen. Auch in den Herzen vieler russificirter Juden, die wir dem Judenthum verloren glaubten, begann, unter dem Einfluß der traurigen Ereignisse der letzten Jahre, das jüdische Bewußt-!sein sich zu regen: Mitleid mit dem Leiden ihres Volkes, dem sie längst den Rücken gekehrt, sing immer vernehmbarer i in ihrem Busen zu pochen an, und immer energischer tritt in ihnen der Wunsch, das Bestreben hervor, ihren Stammesgenossen, von denen sie sich so lange fern hielten, zu Hülfe

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