Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1883)
- Date
- 1883-03-27
- Page
- Seite 203 (sequence 5)
- Language
- German
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203 Petersburger Lriefe. Unsere Gegenwart und Zukunft. III. St. Petersburg, 4. März. Nie und Nirgends, darf man wohl mit Sicherheit behaupten, wurde die talmudisch rabbinische Literatur so viel und so fleißig studirt, als unter den gegenwärtig sog. russischen Juden seit vielen Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag. Wenn auch in den letzten zwei Decennien das Talmudstudium bei uns sichtlich in Abnahme begriffen ist, so wird dennoch dies Studium hier weit eifriger noch betrieben als irgendwo. Wir haben noch recht viele „Jeschibot" mit zahlreichen „Bachurim", wie auch viele „Klausen", stark frequentirt von „Prusffm", und sogar neue „Jeschibot", wie die zu Schneenzjan und zu Kelm, und neue Klausen, wie in Kowno wurden eröffnet und für alte wie die zu Wilosen und Wilna in „Remalesklaus", wurde kämpfen gehabt, daß sie nicht aus den weit und breit sich ergießenden Fluthen der europäischen Civilisation ihr Wissen geschöpft haben, daß in ihren von der Culturwelt entlegenen Krähwinkeln, wo sie meist lebten, in ihren geheimen Verstecken, wo sie vor dem Berfolgungseifer ihrer unduldsamen, abergläubischen Brüder sich verbargen, ihren damals noch als „Ketzerisch" verschrieenen Studien oblagen. Immerhin haben sie bedeutendes geleistet, was, weil sie fast ausschließlich Hebräisch geschrieben, noch lange nicht gehörig gewürdigt worden ist, und kann man nicht genug bewundern, wie sie bei dem völligen Mangel an Anleitung und Belehrung, Bibliotheken und Museen :c. so viel zu Tage gefördert haben. Um so mehr war man berechtigt, von ihren Jüngern und Nachkommen zu erwarten, die, wie sie, idealistische polnischjüdische Erziehung genossen, wie sie, in „Cheder" und in der „Jeschiba" aufgewachsen sind, wie sie, an der talmudischrabbinischen Literatur viele Jahre ihren Geist genährt, und Regierungsbestätigung ausgewirkt. Das beweist, daß das dabei nicht versäumt haben, allgemeine, im Geiste der Zeit Interesse für die talmudisch-rabbinische Literatur noch rege ist.! eingerichtete Schulen zu besuchen und von europäisch-geschulten Freilich hat dieses Interesse mehr einen religiösen als einen! Lehrern methodischen Unterricht in den allgemeinen Wissenswissenschaftlichen Character; das würde aber schwerlich die wissenschaftliche Bearbeitung besagter Literatur stören, wenn das Studium derselben mehr wissenschaftlich gehandhabt wäre, wenn man mit einer umfassenden allgemeinen Bildung, mit historisch-philologisch und philosophischem Wissen sich an dasselbe machen würde. Bor der Hand liefert dieses Talmudstudium fächern zu erhalten. Schon abgesehen von den einstmaligen „Rabbinerschulen" in Wilna und Sitomir, die meistentheils gewesene „Bachurim" zu ihren Jüngern zählten, recrutirten sich auch die Schüler der Gymnasien und Realschulen in der ersten Zeit in überwiegender Majorität und zum Theil noch heute aus einstmaligen Talmudjüngern. Man begegnet bei blos Bausteine, Material zur wissenschaftlichen Kritik. Eine uns nicht wenige Aerzte und Juristen, Ingenieure und Techno solche wissenschaftliche Kritik war von der Aneignung allgemeiner Bildung von Seiten der russischen Judenheit zu erwarten. Man durfte hoffen, daß, wenn die Talmudjünger, logen, die, wie vornehme Krautjunker etwa „spaßhalber" mancher Bolksausdrücke sich bedienen, oder gar „mauscheln", sich den Spaß machen, ihre Unterhaltung geschickt mit taldie im Besitz so reichen talmudisch-rabbinischen Wissens sind, > mudischen Citaten zu würzen, oder als „Curiosum" hebräisch dereinst ihren zeitigen Horizont erweitern, ihr Wissen durch! schreiben und dabei eine Belesenheit im Talmud und eine vielseitiges Studium bereichern, daß sie dann am meisten! Beherrschung der hebräischen Sprache entwickeln, um welche berufen wären, in die jüdische Wissenschaft sich zu vertiefen,! sie so mancher moderne Rabbiner beneiden würde. Wenn sie nach allen Seiten zu erforschen und zu ergründen, fie | man aficr fragt: was haben diese Tausende jungen Leute, die eingehend und populär zu bearbeiten und so nach innen siej eine polnisch-jüdische und eine europäische Erziehung genossen, hoch aufzurichten, und nach außen den weitesten Greifen | jübifc^e^ und allgemeines Wissen sich angeeignet, was haben zugänglich zu machen. Und in der That, kaum haben die sie bis jetzt für die jüdische Wissenschaft gethan, wie viele russischen Juden in den dreißiger und vierziger Jahren dieses! jüdische Gelehrte haben sie aus ihrer Mitte geliefert, und Jahrhunderts sich europäisch zu bilden und verschiedenen| wie weit sind sie den nach dieser Seite hin zielenden Er- Wissensdisciplinen sich zuzuwenden angefangen, und schon trat Wartungen, die man sich mit Fug und Recht von ihnen eine herrliche Plejadc vortrefflicher Denker und Gelehrten, machte, gerecht geworden, so bekommt man eine höchst trostwie I. B. Lewinsohn, S. Pinsler, S. Sax, S. I. Finn^lose Antwort. Bis auf Dr. Harkawy und Herrn O. Stein- I. Reifmann, Bcnjacob :c. :c., gewiegte Specialisten für.berg, wüßte ich keinen aus der neuen Schule in Rußland jüdische Wissenschaft, wie nur wenige sind, und Dichter „von zu nennen, der sich auf jüdisch-wissenschaftlichem Gebiete auch Gottesgnaden" wie A. B. und M. I. Lebensohn, I. Eichen-!nur einigermaßen verdient gemacht hätte. Aus den Hunderten bäum, A. Mapu, L. Gordon rc. re. auf. Zwar war noch am Rabbinercandidaten, die den Curs in den einstmaligen Wissen und Können dieser hervorragenden Geister so Manches „Rabbinerschulen' absolvirt haben, giebt es absolut keinen auszusetzen, man merkte es ihnen noch deutlich an, daß sie einzigen, auch nur einigermaßen bedeutenden Prediger in mit Mangel an Lehrmitteln und an Lehrkräften viel zu russischer Sprache; in deutscher Sprache zeichnet sich noch