Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1883)
- Date
- 1883-03-20
- Page
- Seite 193 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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193 deckes zu kommen und freie Ausschau über das Wasser und! in die Ferne zu gewinnen, als er auf zwei Personen stieß,! die ziemlich seines Alters schienen, und von denen der eine, als er ihn einige Augenblicke fixirt hatte, schnell auf ihn zu kam, und ihn anredete: „ Ei, Meyer, Du hier. Du auf der Fahrt nach Amerika? Welch' ein günstiger Zufall'. Wie freue | ich mich. Dich zum Reisegefährten zu haben und einmal nach! langer Zeit einige Tage in Deiner Nähe zu verweilen. Es ist so lange her, daß wir neben einander auf der Schulbank | gesessen und Du dem lässigen und träumerischen Ernst Hoffmann so oft aus der Klemme halfst, in die ihn seine Trägheit brachte!" Während dieser Worte hatte Meyer längst seinen Schulkameraden erkannt und die jungen Männer schüttelten sich die Hände, während aus den Augen Beider eine aufrichtige Freude leuchtete, die aus Erinnerungen an die vergangene Knabenzeit entsprang. Hoffmann wandte sich jetzt um, den Jugendfreund seinem Begleiter vorzustellen. „Di-. Meyer, mein Schulkamerad aus T., praktischer Arzt — Herr August Krämer, mein Vetter, Socius der Firma: Krämer Söhne & Comp., der ich als Reisender für den Exporthandel angehöre!" Meyer verbeugte sich achtungsvoll, Herr August Krämer aber sah ihn mit kaltem, scharfem Blicke an, nickte nachlässig mit dem Kopfe und nachdem er einige unverständliche Worte gemurmelt, wandte er sich ab und ging nach der entgegengesetzten Seite. Unser Freund blickte ihm ruhig nach, aber sein Schulkamerad, der noch soeben die innigste Freude empfunden hatte, erröthete zornig und stieß die Worte auS: „Was hat denn dieser sonderbare Kauz wieder einmal!" Doch bald hatte auch er sich beruhigt und nun ergingen sich die jungen Männer in dem Austausch ihrer bisherigen Erlebnisse. Hoffmann hatte frühzeitig erkannt, daß er für die Studien nicht tauge, war in das großartige Geschäft seines Oheims eingetreten und nach und nach bis zum „Reisenden" aufgestiegen. Das wollte aber mehr sagen, als diese Bezeichnung andeutet. Die Firma betrieb einen Exporthandel fast nach allen Gegenden der Erde, und ihre „Reisenden" hatten nicht nur die Vermittelung in diesen oft enormen Geschäften auf sich, sondern auch immer neue Absatzquellen und Communicationswege aufzusuchen. Sie hatten zu diesem Zwecke die entferntesten Gegenden zu besuchen und sich daselbst Geschäfts- und Personalkenntniß zu erwerben. Hoffmann hatte mit Eifer, aber auch mit Glück gearbeitet, sich das unbedingte Vertrauen seiner Principale und zugleich eine sehr ergiebige Einnahmequelle erworben, da ihm von dem regel recht abgewickelten Geschäften eine, wenn auch mäßige Tantieme zustand. Jetzt sollte er den Sohn seines Oheims nach New-Jork begleiten, wo eine Filiale für Import nach Deutschland gegründet werden sollte. Als sich die Freunde nach einiger Zeit trennten, suchte Hoffmann seinen Vetter auf und fand ihn mürrisch und in sich gekehrt, nicht weit vom Steuer an einen Pfeiler lehnend. „Mensch", redete er ihn an, „was hast du mit einem Male? Was blickst du mich so finster an, und sprich, warum warst du erst so unhöflich, ja beleidigend gegen meinen Schulkameraden, einen so würdigen und achtungswerthen Mann, mit welchem du doch niemals in Berührung gekommen." „Ach was", lautete die unwillig ausgestoßene Antwort, „ich .bin Antisemit, ich und mein Vater und alle Unirigen, einen Juden kann ich nicht ausstehen, und ich habe Europa in der Meinung verlaßen, auch vom Anblick dieser Race frei zu werden, und nun soll mein erstes Begegniß auf dem Schiffe, das ich eben bestiegen, ein Jude sein und mir noch dazu von meinem Herrn Vetter präsentirt! Damit du es ein für alle Mal wissest, ich kann noch eher einen lumpigen Schacherjuden ertragen, als einen dieser geschniegelten sogenannten gebildeten Juden — jener ist, was sie waren und was sie sein sollten, dieser spielt eine Rolle, die ihm aufgezwungen ist und in welcher er sich nur zwangsweise bewegt . . ." Hoffmann hatte seinem Vetter mit steigendem Erstaunen zugehört und rief nun aus: „Und was bewegt dich denn zu einem solchen unnatürlichen Haß, unterschiedslos gegen eine ganze Menschenklaffe, gegen Leute, die man noch gar nicht kennen nnd beurtheilen gelernt? Hast du so üble Erfahrungen an den Juden gemacht?" „Erfahrungen? Nein! Ich habe sie immer vermieden. Nenne es eine Idiosynkrasie, die Einem in der Tiefe seiner Natur liegt. Aber ich habe sie doch beobachtet. Diese Menschen drängen sich überall hinein, und wo sie sich eingedrängt, da suchen sie alle Anderen zu verdrängen und benutzen alle Mittel, um sich Geltung, womöglich die Herrschaft zu verschaffen." „Ueber eine Idiosynkrasie, erwiderte Hoffmann, läßt sich nicht viel streiten. Der vernünftige Mensch sucht eine solche, z. B. gegen einen bestimmten Geruch, einen Geschmack, ein Instrument, irgend eine Thierklaffe allmälig zu überwinden; denn da er den Gegenstand seiner Abneigung niemals ganz zu vermeiden vermag, so trägt er selbst den größten Schaden davon. Da du aber auch Grunde anführst, so müßt du mir gestatten, daß ich mich auch ein für alle Mal mit dir darüber auseinandersetze, denn ich bin durchaus nicht gewillt, um deiner ungerechten Vorurtheile willen den Umgang mit meinem Jugendfreunde aufzugeben. Als die Menschen lange genug unter ihrer Trennung in Klassen und Kasten. geseufzt und gelitten halten, von denen einige kleine die herrschenden, anderen die gedrückten und geknechteten waren, kamen 'sic zu dem Bewußtsein, daß, was die Religion seit Jahrtausenden gelehrt, alle Menschen seien gleich vor Gott und hätten das gleiche Recht vor Ihm, doch nicht eine bloße Redensart zu sein brauche, sondern daß alle Angehörigen eines Staates